Bei der Jugend herrscht das Faustrecht? Aus der Statistik lässt sich das nicht ablesen Foto: dpa

Weniger Diebstähle, weniger Gewalt, weniger Sachbeschädigung: Die Jugend von heute hat ihre Hörner offenbar schnell abgestoßen. Das glaubt zumindest der Innenminister, der die Polizei für ihre Präventionsarbeit lobt.

Stuttgart - Rohe Gewalt scheint bei Jugendlichen immer seltener ein Mittel für Auseinandersetzungen zu sein: Innerhalb von zehn Jahren ging jedenfalls die Zahl der Gewalttäter unter 21 Jahren um fast die Hälfte zurück. 5269 Tatverdächtige registrierte die Polizei im vergangenen Jahr, berichtete am Donnerstag Innenminister Reinhold Gall (SPD). Vor zehn Jahren waren es noch mehr als 9300.

„Auch bei Sachbeschädigungen und Diebstählen hat sich die Zahl der jungen Tatverdächtigen stark verringert“, sagte Gall. Der Trend sei auch dann signifikant, wenn man die demografische Entwicklung der vergangenen zehn Jahre betrachte: Die Zahl der Sechs- bis 20-Jährigen an der Gesamtbevölkerung sei zwar gesunken, aber nur um rund zehn Prozent.

Der Statistik zufolge stieg zwar die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren insgesamt um 3,2 Prozent. Dieser Trend sei jedoch nicht auf eine Zunahme jugendtypischer Delikte zurückzuführen, sondern auf „Begleitdelikte“ wegen steigender Flüchtlingszahlen: „Allein bei den Aufenthalts- und Asylverstößen haben wir mit über 3500 jugendlichen Tatverdächtigen weit mehr als die doppelte Zahl des Jahres 2013 registriert“, sagte Gall.

Die meisten sind Wiederholungstäter

Bei den jugendlichen Gewalttätern fällt auf, dass drei Viertel von ihnen als Wiederholungstäter eingestuft werden. Die Hälfte agierte aus einer Gruppe heraus, und mehr als jeder Vierte stand bei der Tat unter Alkoholeinwirkung, so die Erkenntnis der Polizei. Bei Ladendiebstählen wiederum lag der Anteil der tatverdächtigen Mädchen überproportional hoch. Überhaupt nimmt der Anteil von delinquenten Mädchen zu.

Einen positiven Trend vermeldete Gall auch bei der Opferstatistik: Im Vergleich zu 2013 sank im vergangenen Jahr die Zahl jener Jugendlichen, die Opfer einer Straftat wurden, um 2,5 Prozent auf landesweit 22 600. Gegenüber 2005 beträgt der Rückgang damit gut 20 Prozent.

Im Vergleich zu den Erwachsenen sind Jugendliche dennoch etwas überrepräsentiert: Sie machen 24,4 Prozent aller registrierten Opfer aus, während ihr Anteil an der Wohnbevölkerung insgesamt unter 20 Prozent beträgt. Bei den Delikten Vergewaltigung und sexuelle Nötigung lag der Opferanteil junger Menschen der Statistik zufolge mit 35 Prozent besonders hoch.

Gall zeigte sich überzeugt, dass der positive Trend entscheidend mit der Präventionsarbeit der Polizei zusammenhängt: „Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger Arbeit.“ So würden verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche frühzeitig in die Programme aufgenommen, die die Polizei zusammen mit Kommunen und anderen Partnern anbietet. Sie biete nun erstmals ein flächendeckendes und für jede Schule abrufbares Präventionsangebot zu den Schwerpunktthemen Gewalt, Mediengefahren, Sucht und Verkehrsunfälle an.

Ein Lob der Prävention

Allein im vergangenen Jahr hätten die Polizeidienststellen landesweit 2307 Veranstaltungen zur Drogen- und Suchtprävention organisiert. Vergleichszahlen aus anderen Ländern liegen Gall zufolge für die Jugendkriminalität noch nicht vor. Was die Entwicklung der Gewaltkriminalität im Südwesten angeht, wagt er aber bereits eine Aussage für das laufende Jahr: „Der positive Trend hält auch 2015 an.“ Die Jugend von heute sei wesentlich besser als ihr Ruf.

Vertreter der beiden Regierungsfraktionen werten dies als Erfolg eines „grün-roten Strategiewechsels“. Die konsequente Verzahnung von Prävention und Polizeiarbeit wirke, erklärten die Abgeordneten Uli Sckerl (Grüne) und Nik Sakellariou (SPD).

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