Der langjährige Rathauschef von Freiberg am Neckar ist aus dem Amt ausgeschieden. Nun will er die Ungebundenheit genießen – und dann den Markt sondieren. Ein Tätigkeitsfeld hat er schon im Blick, das ihn reizen könnte.
Die offizielle Verabschiedung am vergangenen Donnerstag. Der letzte Bürotag am Freitag. Am Samstag schließlich die Schlüsselübergabe an den Ersten Beigeordneten Stefan Kegreiß. Und zum Abschluss dann noch ein Abendessen in geselliger Runde, bei dem auch Nachfolger Jan Hambach mit am Tisch saß. Dann endete in der Nacht auf Sonntag nach 16 Jahren die Amtszeit von Dirk Schaible als Bürgermeister von Freiberg. Er geht mit einer Mischung aus Wehmut und Freude, seine berufliche Zukunft ist offen.
Herr Schaible, nach 16 Jahren ist Ihre Amtszeit vorbei. Sind Sie erleichtert oder fällt der Abschied sehr schwer?
Es sind gemischte Gefühle. Mir wird fehlen, dass ich nicht mehr gestalten kann. Das war einer meiner Antriebe bei der Arbeit als Bürgermeister. Ich empfinde auch Wehmut, weil ich bestimmten Menschen, die mir über die Jahre wichtig geworden sind, nicht mehr im Alltag begegne. Es ist aber auch eine große Vorfreude da.
Auf ein Leben ohne die Fesseln eines Terminkalenders?
Das auch. Als Bürgermeister weiß man im Grunde bereits heute schon, was morgen, in einer Woche oder einem Monat auf dem Programm steht. Aber ich bin auch total gespannt darauf, was die Zukunft bringen wird. Ich bin gewissermaßen neugierig auf das Unbekannte in meinem Leben. Ich werde nach wie vor nach dem Aufstehen den Kindern Frühstück zubereiten, anschließend Zeitung lesen. Aber dann? Ich kann endlich wieder mehr Sport treiben, kann joggen gehen, einfach schauen, was der Tag bringt.
Irgendwann werden Sie aber wahrscheinlich wieder ins Berufsleben einsteigen. Wissen Sie in welche Richtung es gehen wird?
Nein, noch nicht, und das ist keine ausweichende Antwort, sondern momentan wirklich so. Als ich vor einem Jahr angekündigt hatte, dass ich bei der Bürgermeisterwahl nicht wieder kandidieren würde, dachte ich selbst, in den nächsten Monaten Klarheit in der Frage zu schaffen. Aber ich war total auf meine Aufgaben im Rathaus konzentriert und konnte über nichts anderes nachdenken. Vielleicht wollte ich es unterbewusst auch gar nicht.
Sie haben für den Kreistag kandidiert, wurden auch ins Gremium gewählt. Das könnte darauf hindeuten, dass Sie in der Kommunalpolitik bleiben möchten?
Ich freue mich sehr, dass mir die Wählerinnen und Wähler mit so einem tollen Ergebnis erneut das Vertrauen geschenkt haben, und begrüße es, dass ich künftig mehr Zeit für die Tätigkeit als Kreisrat haben werde. In Doppelfunktion als Bürgermeister ging bei terminlichen Überschneidungen im Zweifel immer die Stadt Freiberg vor. Was darüber hinaus kommt, weiß ich aber wirklich nicht. Ich werde jetzt langsam anfangen zu sondieren. Ich bin Diplom-Verwaltungswirt, war auch ein Jahr in der freien Wirtschaft für eine Beratungsfirma tätig. Ich könnte mir also vorstellen, etwas an der Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu machen. Die Arbeit bei einer Stiftung würde mich zum Beispiel prinzipiell reizen.
Können Sie die Rückkehr auf einen Bürgermeister-Posten ausschließen?
Ausschließen will ich nichts. Aber ich habe meine Entscheidung schon sehr gründlich abgewogen, jetzt nicht mehr anzutreten. Am Ende gaben vor allem familiäre Gründe den Ausschlag, ich wollte aber zudem nicht mehr acht Jahre in dieser Mühle drinstecken. Und wenn ich wieder angetreten wäre, dann für die volle Amtszeit.
Das klingt, als wäre der Bürgermeisterjob nicht immer vergnügungssteuerpflichtig.
Das Schöne an dem Beruf ist, dass man Kontakt mit Menschen hat und Einblicke in das Leben von Leuten aus allen Schichten erhält. Man trifft den Unternehmer, der investieren will, aber auch die Familie, die sich keine Waschmaschine leisten kann, und von der Bürgerstiftung unterstützt wird. Aber es gibt auch eine Kehrseite der Medaille.
Worauf spielen Sie an?
Der Umgangston ist über die Jahre rauer geworden, speziell in den Sozialen Medien. Sachliche Kritik ist selbstverständlich okay, muss man als Bürgermeister auch aushalten. Aber diese Ebene haben manche längst verlassen, da schlägt einem Schmähkritik, mitunter Hass entgegen. Oft ist das starker Tobak. Im Vier-Augen-Gespräch würden solche heftigen Worte wahrscheinlich nicht fallen. Ich bezweifle, dass es den Leuten immer klar ist, was sie damit anrichten können, dass der Adressat ein Mensch ist, hinter dem womöglich auch eine Familie mit Kindern steht, die darunter leiden.
Das Team des Freiberger Rathauses wurde ja sogar bedroht.
Genau. Jemand sagte im vergangenen Jahr: wenn ich das und das nicht bekomme, bringe ich erst den, dann den und zum Schluss den Bürgermeister um. Er führte eine Art Todesliste. Das ist natürlich krass. Das hat mit den betroffenen Mitarbeitern etwas gemacht. Wir haben das Rathaus zwischenzeitlich geschlossen und den Einlass kontrolliert. Ich verstehe bis heute nicht, wo so ein Hass herkommt.
Was waren die Sternstunden Ihrer Amtszeit?
Das Schöne ist, dass man in solchen Situationen auch Zuspruch bekommt. Viele haben zudem bedauert, dass ich nicht wieder als Bürgermeister antrete. Das tut ebenfalls gut. Ebenso war es angenehm, dass nach meiner knapp verlorenen Wahl zum Landrat im Kreis Konstanz mir etliche Bürger gesagt haben: Klasse, damit bleibst du uns erhalten! Von den Projekten war wahrscheinlich der Neubau der Oscar-Paret-Schule mit am wichtigsten. Zunächst gab es Kritik, weil es hieß, wir könnten ein Projekt mit einem solchen Finanzvolumen niemals stemmen. Letztendlich haben wir aber eine breite Akzeptanz dafür bekommen, dass das der richtige Weg war.
Welches Problem hätten Sie gerne noch gelöst vor Ihrem Abschied?
Freiberg hat ein massives Verkehrsproblem. Wir hatten dafür eine Lösung auf dem Tisch mit der Schwörertrasse im Industriegebiet, die als Landesstaße über das Gelände der früher dort angesiedelten gleichnamigen Firma geführt hätte. Das wäre eine Art Teilortsumgehung gewesen. Der Verkehr aus dem Bottwartal und Benningen wäre über das Industriegebiet auf die Straße nach Pleidelsheim und dort auf den Autobahnzubringer gelenkt worden. Unter mehreren Kommunen haben wir den Schulterschluss hinbekommen. Das Land hatte daran dann aber plötzlich kein Interesse mehr. Das war aus meiner Sicht ein Wortbruch. Denn das Land hatte davor gesagt, wenn die Kommunen sich einigen, übernehmen wir die Planung und den Bau.
Ein Jogger aus Leidenschaft
Werdegang
Dirk Schaible stammt ursprünglich aus Calw, ist Diplom-Verwaltungswirt. Zunächst war er als Berater für ein Unternehmen tätig, anschließend persönlicher Referent von Werner Spec zu dessen Zeit als Oberbürgermeister von Calw. Schaible wechselte schließlich mit Spec nach Ludwigsburg, als dieser 2003 dort OB wurde. Von 2008 bis jetzt war Schaible Rathauschef in Freiberg am Neckar.
Freizeit
In seiner Freizeit wandert, liest und kocht der 54-Jährige gerne. Außerdem gehört das Joggen zu den Leidenschaften des vierfachen Familienvaters.