Für Les Ballets de Monte-Carlo entstanden: Goeckes „Le spectre de la rose“ mit Nathalie Nordquist und Jeroen Verbruggen Foto: Hans Gerritsen

Seine Stücke sind dunkel und gehen nicht nur den Tänzern unter die Haut. Mehrere in Folge, da ist sich Marco Goecke sicher, sind für einen Ballettintendanten wie für die Zuschauer ein Wagnis. Wer trotzdem von einer Goecke-Werkschau träumt, kann nun für 28 Euro sein eigener Regisseur werden.

Stuttgart - „Dark Matter“, „Dunkle Materie“, heißt das Buch, in dem Nadja Kadel eine erste Dokumentation von Marco Goeckes bislang rund 60 Choreografien starkem Werk vorlegt. Die Managerin und Dramaturgin des Choreografen hat in ihrer fast zwölf Jahre währenden Zusammenarbeit mit Marco Goecke die Entstehung seiner Stücke und das Werden seiner internationalen Karriere unmittelbar miterlebt. So weiß Nadja Kadel vom Choreografie-Altmeister Hans van Manen, dass er Marco Goecke „zu den zehn wichtigsten Künstlerpersönlichkeiten der Gegenwart zählt“ und dass ein Jirí Kylián ihm freundschaftlich verbunden ist.

Bei „Blushing“, 2003 in Stuttgart für einen Noverre-Abend entstanden, setzt der Tanz der Bilder ein. Wie wäre es mit einer Goecke-Hommage, die die dunklen Luftballons von „Sweet Sweet Sweet“ (2005 in Stuttgart) mit den weißen von „Pierrot Lunaire“ (2010 in Rotterdam) zusammenbringt und die dazwischen mit „Le spectre de la ­rose“ (2009 in Monte Carlo) rosenrote Akzente setzt? ­Blättern im Buch macht’s möglich.

Das letztgenannte Stück lässt selbst auf den „Ballett-Stills“, die das typische, nervöse Zucken der Gesten im dunklen Raum in Wischeffekte umdeuten, die große Kunst eines Goecke erahnen. Er nimmt, auch wenn er Naturalismus meidet, Fokines Vorlage ernst. „Im Hinblick auf ihre Innovationskraft sind beide Choreografien freilich ­vergleichbar. Auch Goecke hat das Port de bras auf einzigartige Weise weiterentwickelt, indem er ständig neue Spielarten der Armbewegung erfindet, mit rasend schnell wechselnden Positionen und überraschenden Bewegungskombinationen. Genau wie Fokine zu seiner Zeit ist es auch Goecke gelungen, das Verhältnis zwischen der männlichen und weiblichen Rolle zu verändern, neu auszubalancieren“, schreibt Nadja Kadel.

Die Andersartigkeit des Stuttgarter Haus-Choreografen

Wer Goeckes Werk im Schnelldurchlauf durchblättert, wer Friedemann Vogel als Orlando die Luft durchsägen sieht, wer Robert Tewsley in „Feuervogel“ mit ausholender Geste als bizarre Kreatur neu entdeckt, wer Elena Tentschikowas fast geometrisch exakt angewinkelten Arme in „Nussknacker“ ­bewundert, dem zeigt sich Goecke als Choreograf, der mit den Armen tanzt. „Die Schönheit der tanzenden Arme“, beschreibt Angela Reinhardt denn auch im Vorwort die Andersartigkeit des Stuttgarter Haus-Choreografen, der den Zuschauer regelrecht mit Bewegung überfalle und der leicht mit der Musik spiele wie ein Jongleur mit Bällen.

„Eine kleine Liebeserklärung“ widmet Sibylle Berg dem Choreografen; kennengelernt hatte sie ihn in einer Fernsehshow und gehofft, dass er eines ihrer Bücher vertanzen könne. Das Resultat, schreibt die Autorin, sei nach spontaner, zehnminütiger Probe mit zwei tanzunerfahrenen Fernsehmitarbeitern bühnenreif gewesen, aber: „Der Zuschauer war verstört. Die Ernsthaftigkeit des Humors hat kaum einer begriffen, aber ich hatte Marco Goecke gefunden. Einer ­je­nen seltenen Menschen, die nicht in den Erwartungen anderer funktionieren – immer ein Beleg großer persönlicher Freiheit.“

Schön und knapp schildert Berg, wie Marco Goecke arbeitet, wie er alle Gefühle von Angst über Hass bis hin zur Liebe in seine Ballette packt. „Und dann gibt es noch ein unbenanntes Gefühl, das der Tanz erzeugen muss. Das große Extra. Wenn es entsteht, dann ist die Arbeit gelungen.“

Gelungen ist auch dieses Buch, mit schönen Annäherungen sowie klugen Beschreibungen und Analysen, die 18 Produktionen detailreich vorstellen und sie dem Flüchtigen, dem Schicksal aller Bewegung, entreißen. Eine Biografie und ein vollständiges Werkverzeichnis spannen den Bogen von der ersten Choreografie „Loch“, 2000 beim Choreografischen Wettbewerb in Hannover gezeigt, bis zu „Woke up Blind“, Goeckes jüngstem Werk, 16 Minuten lang, zu Musik von Jeff Buckley für das Nederlands Dans Theater entstanden, dem Goecke seit 2013 als Associate Choreographer verbunden ist.

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