Marian Grau in seinem Zimmer in Affalterbach, wo er von Reisen in ferne Länder träumt. Foto: Gottfried Stoppel

Der 16-jährige Marian Grau hat ein Buch geschrieben – über seine Reisen und die besondere Beziehung zu seinem Bruder, der viel zu früh gestorben ist. Am Freitag liest er in der Waiblinger Stadtbücherei aus dem Band.

Affalterbach/Waiblingen - Als sein anderthalb Jahre älterer Bruder Marlon im Alter von zwölf Jahren stirbt, bricht für Marian Grau eine Welt zusammen. Er hat zwar gewusst, dass es so kommen würde: Marlon kam mit der Stoffwechselkrankheit Morbus Leigh auf die Welt – und der vernichtenden Diagnose: unheilbar krank, Lebenserwartung höchstens drei Jahre. Aber Marlon trotzte der ärztlichen Einschätzung, er wurde zwölf Jahre alt. Diese Zeit mit seinem Bruder, sagt Marian, sei ein ganz besonderes Geschenk. Sie habe ihn geprägt und mehr gelehrt als jeder Lehrer.

Infiziert vom Fernweh

Sechs Jahre ist der Tod seines Bruders her, doch für Marian ist er unsterblich. In Gedanken ist er nämlich immer dabei, reist mit ihm rund um die ganze Welt, wohin es den heute 16-Jährigen regelmäßig zieht. Seit Marian mit seiner Mutter und deren Schwester vor fünf Jahren nach Kambodscha seine erste große Reise gewagt hat – sicherlich auch, um dem Leben der Familie eine neue Wendung zu geben – hat ihn das Fernweh gepackt wie ein chronischer Virus. Seither nutzt er jede Gelegenheit, um andere Länder kennenzulernen.

34 verschiedene sind es mittlerweile schon und auf jeder Reise hat Marian ein Foto seines Bruders dabei. Wenn er mit seinem Vater unterwegs ist – die Eltern haben sich mittlerweile getrennt –, verstreuen die beiden eine der vielen Haarsträhnen seines Bruders, die sein Vater aufgehoben hat: in Rio, am Nordkap, in Barcelona oder anderswo. In den Herbstferien ist New York geplant.

Über seine Erlebnisse und Eindrücke berichtet der heute 16-Jährige, der sich selbst als „wahrscheinlich jüngster Reiseblogger Deutschlands“ bezeichnet, schon seit zwei Jahren im Internet. Und seit neuestem auch in einem Buch. „Bruderherz“ heißt es, die Unterzeile „ich hätte dir so gerne die Welt gezeigt“ signalisiert die Intention dahinter. Das Werk ist aber nicht nur seinem Bruder gewidmet, in jeder Zeile klingt auch die besondere Beziehung zu ihm durch. Denn immer wieder ist er dem „Bruderherz“ auf seinen Reisen auf besondere Art begegnet. Etwa in Paris, wo er in Sacré Coeur eine Kerze für ihn entzündet hat und vor der Kirche ein Straßenmusiker Leonard Cohens „Hallelujah“ anstimmte. Das war das Lied, das an Marlons Beerdigung gesungen wurde.

Urlaub im Kinderhospiz

Marlon hatte Zeit seines kurzen Lebens weder laufen noch sprechen gelernt. Er benötigte Pflege rund um die Uhr. Das prägte auch Marians Kindheit. Immer wieder standen Krankenhausaufenthalte an, Lungenerkrankungen bedrohten Marlons Leben akut. Die Familie kam wenig raus aus der Reihenhaushälfte in Affalterbach im Kreis Ludwigsburg, sie verbrachte jeden Urlaub in einem Kinderhospiz in Olpe, damals das einzige seiner Art in Deutschland.

Marian empfindet das nicht nur als normal, sondern zumindest rückblickend auch als schön:. „Ich hatte eine tolle, nur eben eine besondere Kindheit“, sagt er heute. Geschwister von Kindern mit einer lebensbedrohenden Krankheit werden oft als Schattenkinder bezeichnet, weil den Eltern meist die Zeit für eine ausgewogene Hinwendung fehlt. Marian findet diesen Ausdruck überhaupt nicht passend. „Ich bin doch eher ein Sonnenkind.“ Marlon habe ihm schließlich gezeigt, worauf es im Leben ankomme: den Moment zu genießen und niemals aufzugeben.

Seine Erfahrungen mischt Marian in seinem Buch mit besonderen Reiseerlebnissen. Wobei er betont, dass das Buch keinen einzigen klassischen Reisebericht enthalte: „Alles hat immer etwas mit meinem Bruder zu tun.“ Manches hat er aufgeschrieben, um es anderen als Botschaft mit auf den Weg zu geben. Unter „Fünf Dinge, die ich von meinem Bruder gelernt habe“, listet er neben dem Genießen des Moments auch Eigenschaften wie Empathie, Selbstständigkeit und Zuhören auf. Und: zu erkennen, was wirklich wichtig im Leben ist.

Dankbar für die schönen Tage

Darüber will Marian Grau an diesem Freitag auch bei einer Lesung in der Waiblinger Stadtbücherei berichten. Dorthin kommt er auf Einladung des Backnanger Kinder- und Jugendhospizdienstes Sternentraum. Dieser hat Marian und seine Familie bis heute über viele Jahre hinweg begleitet und ihm sicherlich bei der Entwicklung einer seiner in jungen Jahren gewonnenen Lebensweisheiten geholfen: „Man sollte dankbar für die schönen Tage sein, statt den schlechten entgegenzittern.“

Lesung für Sternentraum

Sternentraum
Der Kinder- und Jugendhospizdienst Sternentraum mit Sitz in Backnang ist vor zwölf Jahren gegründet worden. Der Dienst begleitet todkranke Kinder, deren Eltern und Geschwister ab dem Zeitpunkt der Diagnosestellung bis über das Sterben und den Tod hinaus. Auch die Familie Grau wurde von zwei freiwilligen Helferinnen betreut. Eine kam einmal in der Woche, besuchte speziell Marian zu Hause, gingen mit ihm ins Kino oder ins Schwimmbad. Im Lauf der Jahre sei sie eine gute Freundin geworden, erzählt Marian. Als sein Bruder Marlon 2012 gestorben ist, waren die Helferinnen bei ihm. Noch heute halten sie Kontakt.

Buch
„Bruderherz – ich hätte dir so gerne die Welt gezeigt“ von Marian Grau hat 208 Seiten und ist im Berliner Eden-Verlag erschienen. Es kostet 14,95 Euro.

Lesung
Marian Grau liest am kommenden Freitag, 19. Oktober, von 19 Uhr an aus seinem Buch in der Stadtbücherei Waiblingen, Kurze Straße 24. Der Eintritt ist frei, um eine Spende für den Kinder- und Jugendhospizdienst Sternentraum wird gebeten. Telefonische Platzreservierungen werden unter 0 71 91/3 73 24 32 entgegengenommen oder auch per E-Mail an info@kinderhospizdienst.net.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: