Wie ein 20 Jahre alter Gutschein für ein Viertele Riesling einen Bremer Sammler und die Remstalkellerei zusammenbringt – und am Ende Weinstadt einen neuen Bahnhof beschert.
Weinstadt - Manche Kreise schließen sich schnell – andere dagegen erst nach 20 Jahren. Im Februar des vergangenen Jahres beschloss der Bremer Modelleisenbahn-Sammler Andreas Mellenthin, sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen: Er wollte endlich eine richtige Anlage für seine Märklin-Bahn der Spurweite HO bauen, stolze drei Meter breit. Groß genug, um alles unterzubringen, was schon lange in seinem Archiv darauf wartete, endlich aufgebaut zu werden.
Der erste Lockdown im vergangenen Frühjahr kam da gerade recht. Je mehr das Leben draußen heruntergefahren wurde, desto mehr vertiefte sich Mellenthin in seine Welt im Kleinen. Schloss einen Kreis für seine H0, baute einen Bahnhof, eine Verladestation. Platzierte Cabrios zwischen weitläufigen Streuobstwiesen und leeren Straßen und gestaltete eine Szenerie wie geschaffen für einen Heimatfilm der 1950er Jahre. „Dank Corona kam ich schneller voran als gedacht“, sagt der 55-jährige Versicherungsangestellte.
Nach 20 Jahren ausgepackt
Und so öffnete er auch endlich eine Packung, die er vor Jahren in Bremen von einem anderen Sammler gekauft hatte: Einen Waggon mit Weinfässern, samt dem Konterfei des berühmten Viertelesschlotzers. Es handelte sich um eine Sonderedition aus dem Jahr 2001, die nur auf einem einzigen Märklin-Treffen in Göppingen verkauft worden war. Und die, wie er nun mit Erstaunen feststellte, eine Überraschung enthielt: einen Gutschein für eine Flasche Wein der Remstalkellerei, die diese Sonderedition damals zusammen mit Märklin herausgegeben hatte.
Nach kurzem Zögern fragte Mellenthin bei der Remstalkellerei an, ob der Gutschein, wahlweise für einen Beutelsbacher Burghalde Trollinger oder einen Stettener Häder Riesling, denn noch gültig sei. Keinen der beiden Weine, sagte Vertriebsassistent Frederic Karberg, habe man noch ausfindig machen können, nicht einmal mehr im Heiligsten der Kellerei, der sogenannten Schatzkammer. Stattdessen schickte seine Kollegin Birgit Schobloch dann eine Viertelesflasche Stettener Wartbühl Riesling gen Norden.
„Geschichten, die das Remstal schrieb“
Die machte Mellenthin, der von sich sagt, er sei (noch) kein Weinkenner, offenbar Lust auf mehr: Er googelte die Kellerei, sah, dass es in der Nähe keinen Halt gibt und benannte seinen prachtvollen Fachwerk-Bahnhof kurzerhand nach Weinstadt. Das Foto schickte er zurück an Frederic Karberg, als Dank für den Wein. „Geschichten, die das Remstal schrieb“, jubelte dieser und postete die Geschichte auf Instagram und Facebook.
Die ersten Reaktionen dort kamen prompt: Wo gibt es diesen Wagen zu kaufen?, fragten Fans. Auf Wiederverkaufsplattformen im Internet sind die Wagen auch tatsächlich noch erhältlich – und scheinen so gefragt zu sein, dass sie zu deutlich höheren Preise gehandelt werden als unbeschriftete.
Das freut vor allem jenen Mann, der damals die Idee zu der Kooperation hatte: den Fahrer der Kellerei, Thomas Bihler. Der 62-Jährige hatte einst den Prototypen entworfen. Er war zunächst nur für die eigene Anlage gedacht. Aber als er das von Hand bemalte Stück dem damaligen Vertriebsleiter zeigte, wurde die Idee zu der Kooperation mit Märklin für die Sonderedition im Jahr 2001 geboren. Inzwischen hat Bihler seine Modelleisenbahn eingemottet: „Die Kinder sind längst aus dem Haus, diese Zeiten sind vorbei“, sagt er etwas wehmütig. Den Prototypen allerdings besitzt er immer noch.
Mit der Märklin-Bahn in den Urlaub
Andreas Mellenthin dagegen träumt sich mit seiner Anlage sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft: Vater und Großvater arbeiteten bei der Deutschen Bundesbahn, die Familie fuhr stets mit dem Zug in den Urlaub. Vor allem in Österreich, sagt der 55-Jährige, habe er sich beim Blick aus dem Fenster nicht sattsehen können an den Bergen, die da an ihm vorbeizogen. „Es fiel mir immer schwer, mich zu entscheiden, auf welcher Seite ich aus dem Fenster schauen sollte.“
Seit kurzem nimmt ihn seine Märklin H0 mit auf Reisen ins Remstal – zumindest auf seiner Anlage. Denn im echten Leben hat der Bremer bisher von Baden-Württemberg nicht viel mehr als Stuttgart gesehen. Das könnte sich jedoch ändern, sobald die Infektionszahlen das Reisen wieder erlauben. „Dann könnte ich in der Kellerei eine Weinprobe mitmachen“, überlegt Mellenthin. Und den Blick von den Miniaturwelten auch wieder auf das Leben draußen richten. Zu sehen gäbe es auf beiden Seiten genug.