Ein Bettler in Nürtingen Bordsteinleben wider Willen

Von Wolfgang Berger 

Die Kälte kriecht in alle Glieder und nur spärlich landen die Groschen in der Vesperbox. Der „Arbeitstag“ von Sasa Pudnoki dauert im Winter von 7 bis 18 Uhr Foto: Horst Rudel
Die Kälte kriecht in alle Glieder und nur spärlich landen die Groschen in der Vesperbox. Der „Arbeitstag“ von Sasa Pudnoki dauert im Winter von 7 bis 18 Uhr Foto: Horst Rudel

Sasa Pudnoki pendelt zwischen der Slowakei und Nürtingen. Der 26-Jährige gehört zu keiner Bande. Er bettelt, um seine Familie durchzubringen. Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Der Roma sucht hier Arbeit, findet aber keine.

Nürtingen - Die Turmuhr der Stadtkirche Sankt Laurentius schlägt halb elf. Seit dreieinhalb Stunden sitzt Sasa Pudnoki (Name geändert) an einem Dezembermorgen in Nürtingen vor einem Einkaufsmarkt und bettelt. In der grünen Tupperdose vor ihm liegt ein Fünfzig-Cent-Stück. Zusammen mit dem einen Euro, von dem er sich an diesem Freitagmorgen in der Bäckerei gegenüber einen Kaffee geholt hat, macht das 1,50 Euro. Das ist ein „Stundenlohn“ von rund 40 Cent. Drei Wochen lang hat Sasa Pudnoki auf den Straßen Nürtingens gefroren. Mit 40 Euro kehrt er zurück in die Slowakei. Zu wenig, um ein Neujahrsessen auf den Tisch zu bringen, das diesen Namen verdient. „Dieses Jahr gibt es keinen Gulasch“, sagt Pudnoki und ringt um Fassung.

In zwei Tagen wird der 26-Jährige in Stuttgart einen Fernbus nehmen, der ihn nach Lucenec bringt. Von dort aus sind es noch rund 20 Kilometer bis nach Radzovce. In dem Dorf nahe der slowakisch-ungarischen Grenze warten seine Frau Katarina und sein sechs Jahre alter Sohn Milan auf ihn. Die Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen.

Manuel Werner lernt Sasa Pudnoki vor zwei Jahren im Nürtinger Tagestreff für arme und einsame Menschen kennen. Werner, der sich im Arbeitskreis Sinti/Roma und Kirchen Baden-Württemberg engagiert, kümmert sich seither zusammen mit anderen ein wenig um den Bettler. Nach dem Kennenlernen besucht Werner ihn in seiner Heimat und sieht die Not der Familie, die in einem winzigen Haus mit nur einem Raum lebt. Das Geld fehlt an allen Ecken und Enden, Lebensmittel und Brennstoffe sind knapp. Um Holz zu sparen, wäscht sich die 24-jährige Katarina die Haare auch im Winter mit kaltem Wasser.

Das monatliche Einkommen beläuft sich normalerweise auf 170 Euro. Das ist wenig, zumal das Leben auch in der Slowakei nicht billig ist. Rund 40 Euro kostet Monat für Monat allein der Kindergarten für Milan. Sasa benötigt Medikamente für die Behandlung seiner chronischen Thrombose. Übrig bleibt am Monatsende kaum etwas. Nun müssen die Pudnokis den Gürtel noch enger schnallen. Weil Sasa es nicht pünktlich auf das Sozialamt geschafft hat, muss er ein halbes Jahr lang auf seine 60 Euro Stütze verzichten, erzählt er.

Kummer ist von klein auf der Begleiter Sasa Pudnokis. Der Vater trinkt. Viel braucht es nicht, und er schlägt zu. Mit drei Jahren wird der Kleine von den Eltern getrennt. Das Kinder- und Jugendamt in der damaligen Tschechoslowakei schickt den Knirps in ein Heim. Mit 19 verlässt er es und macht eine Ausbildung zum Maurer. Sasa Pudnoki war 15, als er auf der Straße eine Frau ansprach, die die Hand aufhielt. „Warum betteln Sie?“, fragte er. „Weil ich kein Geld habe“, antwortete sie. Zehn tschechoslowakische Kronen, umgerechnet drei Euro gab er ihr. Die Begegnung, der er als Jugendlicher keine Bedeutung beimaß, ist ihm in Erinnerung geblieben. „Jetzt gehe ich selber betteln“, sagt Sasa.

Es ist windig an diesem Freitagmorgen in Nürtingen. Für diese Jahreszeit sind die Temperaturen zwar mild. Mit der Zeit kriecht die Kälte trotzdem in alle Glieder. Menschen tragen Einkaufstüten mit Lebensmitteln und Geschenken für den Gabentisch nach Hause. Dem Bettler schenken sie keine Beachtung. „Das Betteln ist nicht schön, ich schäme mich dafür“, sagt Sasa Pudnoki. „Aber ich muss doch meine Familie irgendwie ernähren.“

Sasa sitzt still im Schneidersitz auf einem mit einer Decke ausgepolsterten Rucksack. Die Bewegungslosigkeit ist Gift für seine Thrombose. Er verändert die Position und kniet nun. Ein Mann geht vorbei, bückt sich, lächelt und lässt eine Münze in die Box fallen. „Klack“. 20 Cent. Zehn Minuten später nähert sich eine junge Frau mit einem etwa sieben Jahre alten Jungen, der voraus hüpft. Zunächst sieht es so aus, als würden Mutter und Sohn vorüber eilen. Dann stoppt die Frau, kramt ein Geldstück aus dem Portemonnaie, das der Junge vorsichtig in die Bettlerbox legt.

Sasa kommt schon lange nach Nürtingen, das erste Mal vor sieben Jahren. Manche Menschen kennen ihn vom Sehen und wechseln ein paar Worte. So wie die Frau, die jetzt in den Einkaufsmarkt geht. „Soll ich Ihnen ein Käsebrot und einen Kaffee mitbringen?“ Sasa freut sich. „Ich liebe Käsebrot.“ Nicht alle sind so freundlich. Einmal ist ihm die Box weggekickt worden. „Dreckiger Zigeuner“, beschimpfen ihn manche. „Gebt dem kein Geld, der ist von der Mafia.“ Solche Sprüche sind schlecht fürs Geschäft, herabwürdigend und falsch. Sasa bettelt auf eigene Faust. Dennoch wird er mit organisierten Clans in einen Topf geworfen, denen etwa die Stadt Stuttgart den Kampf angesagt hat.

Seit dem Herbst gilt in der Landeshauptstadt eine Allgemeinverfügung, durch die sogenannte Platzverweise erleichtert werden. Mit diesem Mittel reagiert die Landeshauptstadt auf Beschwerden von Bürgern und Händlern. Demzufolge hatte im Sommer auf der Königstraße und am Cannstatter Bahnhof die Bettelei überhand genommen. Ins Visier nehmen die Polizei und der Vollzugsdienst organisierte Banden. Gewerbsmäßiges Betteln, bei dem Bettler die Tageseinnahmen an Hintermänner abgeben, soll unterbunden werden. Verboten ist auch aggressives Betteln, bei dem beispielsweise amputierte Gliedmaßen zur Schau gestellt werden oder Kinder und Tiere Mitleid erzeugen sollen.

Manuel Werner warnt vor Pauschalisierungen. Er bezweifelt, dass die Mehrzahl der Bettler aus Osteuropa bandenmäßig organisiert sind. Das Schicksal dieser ethnischen Minderheiten liegt ihm besonders am Herzen, weil sie auch heute diejenigen sind, die am meisten ausgegrenzt werden. Werner, der auch bei der Gedenkinitiative Nürtinger NS-Opfer mitmacht, setzt sich intensiv mit der Geschichte der Sinti und Roma auseinander und verfasst Aufsätze. Dass Sasa Pudnoki auf der Straße sitzt, hängt laut Werner eng mit seiner Abstammung zusammen. Die Slowakei ist ein EU-Mitglied. Dennoch würden Roma dort diskriminiert. Angehörige dieser Volksgruppe hätten gravierende Nachteile auf dem Arbeitsmarkt. „Es ist sehr schwer für uns, Arbeit zu finden. In der Slowakei gibt es viel Rassismus“, pflichtet Sasa Pudnoki bei.

Mit 19 hört er, dass Deutschland Chancen bietet. Er kommt nicht um zu betteln, arbeiten will er. Einen Job sucht er aber vergeblich, während einer Odyssee strandet er in Nürtingen und bittet schließlich doch um Almosen. Seither pendelt Sasa Pudnoki zwischen seiner Heimat und dem Neckar, um das Einkommen aufzubessern. Sein Deutsch eignet er sich nach und nach auf der Straße an. Vom Bordstein will er weg. Entwürdigend und langweilig ist das Bettlerleben. 2012 nimmt ihn eine Zeitarbeitsfirma. Drei Monate lang putzt er als Industriereiniger Fabriken. Doch das Arbeitsverhältnis ist befristet. Zurück bleiben Schulden bei der Krankenkasse. Die Versicherung war weitergelaufen, Pudnoki hatte nicht gewusst, dass er den Vertrag mit der Kasse extra hätte kündigen müssen.

Aufgeben will der 26-Jährige nicht. „Mein Traum ist es, eine Arbeit und eine Wohnung zu finden und mit meiner Familie hier zu leben.“ Mit gemischten Gefühlen steigt er in den Fernbus. Die weite Reise hat sich diesmal nicht gelohnt. 81 Euro kostet die einfache Fahrt – das Doppelte dessen, was er nun nach Hause bringt. Wann er wieder zurückkehrt, ist offen. Das hängt auch davon ab, ob er das Busgeld nach Nürtingen zusammenkratzen kann.

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