Ilona Abel-Utz, Rüdiger Noreikat und Christine Lipp-Wahl (von links) schauen nochmal über die Textentwürfe für die Stelen. Foto: Rudel

Jebenhausen hatte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine der größten jüdischen Gemeinden im Königreich Württemberg. Ein Erinnerungsweg des Vereins Haus Lauchheimer will dieses historische Kapitel an neun Plätzen im Ort darstellen.

Göppingen - Neun Glasstelen sollen von Herbst an die jüdische Vergangenheit Jebenhausens im Ort sichtbar machen. Sie werden einen sogenannten Erinnerungsweg säumen, der das Jüdische Museum am südlichen Ortszipfel und den jüdischen Friedhof im Norden miteinander verbindet. Konzipiert und erarbeitet haben diesen besonderen Lern- und Informationspfad Mitglieder des Vereins Haus Lauchheimer, der sich die Erhaltung und Förderung des jüdischen Kulturerbes auf die Fahnen geschrieben hat. Außerdem trägt der Verein, der von Sponsoren und der Landeszentrale für politischen Bildung unterstützt wird, die Hälfte der Kosten. Die restlichen knapp 30 000 Euro übernimmt die Stadt Göppingen.

Die Idee, einen Erinnerungsweg anzulegen, ist nicht neu. Doch erst vor zwei Jahren hat sich der Verein an die Umsetzung gemacht. Nun sind die Texte geschrieben, die auf mattiertem Glas an verschiedenen Plätzen im Ort den jüdischen Alltag wieder aufleben lassen sollen. Zu sehen sind darauf außerdem historische Fotos von Gebäuden und herausragenden Persönlichkeiten, etwa Albert Einstein, dessen Urgroßvater Julius Koch Bäcker in Jebenhausen war. Die grafische Gestaltung hat der Göppinger Künstler und Grafiker Rüdiger Noreikat übernommen.

Einweihung voraussichtlich im Herbst

„Nun können die Dateien der Firma Eicher im Remstal zugeleitet werden, die die Stelen herstellt“, sagt Christine Lipp-Wahl. Sie ist die Vorsitzende des Vereins und die treibende Kraft für den Erinnerungsweg. Die Zeit dränge. Spätestens im September müsse das Projekt abgeschlossen sein, allein der Zuschüsse wegen. Im Herbst soll übrigens auch das jüdische Museum wieder eröffnen. Die Stadt lässt über die Sommermonate die Dauerausstellung überarbeiten und neu gestalten.

Dass ausgerechnet Jebenhausen einen Erinnerungsweg bekommen soll, findet Christine Lipp-Wahl, die auch Grünen-Stadträtin ist, naheliegend. In dem Ort habe es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine der größten jüdischen Gemeinden im Königreich Württemberg gegeben. Nach der Ansiedlung der ersten Familien seien schon bald eine Synagoge, ein Tauchbad, ein Rabbinat, eine Schule und koschere Gasthäuser entstanden. Die Synagoge stehe zwar nicht mehr, aber rund 60 Gebäude der ehemals jüdischen Siedlung existierten noch heute, etwa das Armenhaus aus dem Jahr 1782 an der Boller Straße. Dieses Erbe verpflichte – umso mehr, als Millionen Juden im Dritten Reich von den Nationalsozialisten ermordet wurden.

Der Weg soll Interesse wecken

Um Schuldzuweisung geht es dem Verein aber nicht. „Wir wollen Interesse wecken, Vorurteile abbauen und Geschichte an Stellen erlebbar machen, wo jüdisches Leben stattgefunden hat“, stellt Christine Lipp-Wahl klar. Ohnehin habe sich die jüdische Gemeinde in Jebenhausen schon am 31. Dezember 1899 aufgelöst, also lange vor der NS-Zeit. „Nur die Lauchheimers sind geblieben, sie waren auch die ersten, die sich ansiedelten, nachdem die Herren von Liebenstein im Jahr 1777 den Juden einen Schutzbrief ausgestellt hatten.“ Max und Betty Lauchheimer lebten in der ehemaligen Vorderen Judengasse in einem Haus, das heute noch steht. Sie sind die Großeltern der Holocaust-Überlebenden Inge Auerbacher, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit ihren Eltern in die USA emigrierte und die ungeachtet ihres hohen Alters noch immer als Botschafterin der Versöhnung nach Deutschland kommt.

Die örtliche Geschichte wird auf den knapp mannshohen Stelen ergänzt durch allgemeine Informationen über das Judentum. So ist unter anderem zu erfahren, was Tanach, Tora und Talmud bedeuten oder was eine Mikwe ist. Erklärt wird auch der Ablauf des Schabbat oder warum kleine Steine auf jüdischen Gräbern liegen. Weitere Informationen können über QR-Codes abgerufen werden.

Es sei nicht einfach gewesen, die Fülle an Informationen in kurze Texte zu fassen. Man habe gefiltert und gefiltert und um jede Formulierung gefeilscht, erzählt Christine Lipp-Wahl. Den Kopf zerbrochen habe sich der Verein aber auch wegen der Stelen. „Wir wollten ein hochwertiges Material, das vandalismusbeständig ist“, sagt sie. Deshalb habe man sich für Stelen aus doppeltem Sicherheitsglas entschieden.

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