Josef Razc, der Zeitungsverkäufer. Er wurde zum Titelmodell für die Ludwigsburger Volkshochschule. Foto: Axel Eberhardt

Josef Racz verkauft die Straßenzeitung Trottwar. Das hat ihn zu einem ganz speziellen Titelhelden gemacht.

Ludwigsburg - Man kann Josef Racz nicht übersehen. Egal, ob die Leute in Scharen rechts oder links an ihm vorbeiziehen, egal, ob sie die Straße hoch oder runter laufen. Seine rote Weste schimmert auch durch den größten Menschenpulk. Wenn man genau schaut, kann man sogar erkennen, wie er die Passanten anlächelt. Und wer ihn ein bisschen kennt, hört den schmächtigen Mann mit der leisen Stimme „Guten Tag“ sagen und seine Straßenzeitung anbieten. „Aktueller Trottwar?“

Trottwar ist die Straßenzeitung, die von Menschen mit wenig Geld verkauft wird. Seine rote Weste weist Josef Racz als offiziellen Verkäufer aus. Die Ecke, an der er steht, ist eine prima Ecke. Hier, in der Ludwigsburger Innenstadt, kreuzt sich die Wilhelm- mit der Seestraße. Das bedeutet: viele potenzielle Zeitungskäufer. Allerdings ist es nicht nur so, dass viele Ludwigsburger gut sind für Josef Racz. Für viele Ludwigsburger ist auch Josef Racz gut.

Von der Baustelle zum Bettler

Josef Racz sieht viel älter aus als die 48 Jahre, die sein Leben zählt. Er kommt aus der Slowakei, ist Ehemann, Vater und Straßenzeitungsverkäufer. Außerdem ist er das Titelmodell auf dem Programmheft der Ludwigsburger Volkshochschule. Im laufenden Semester geht es dort um Werte. Und bei der Frage, wie der Wert Würde darzustellen ist, kam jemand auf die Antwort: Trottwar zu verkaufen ist würdevoll. So wurde Josef Racz zum Titelheld.

Jeden Morgen gegen halb neun kommt Josef Racz zur Wohnungslosenhilfe in der Friedrichstraße. Dort kann er sich waschen und rasieren, bei Bedarf seine Kleider reinigen und mittagessen. Und er holt dort seine Zeitungen ab, die er dann an der Ecke Wilhelm- und Seestraße verkauft. „Guten Tag!“ – „Aktuelle Trottwar-Straßenzeitung?“ – Oder, wenn er seine Kunden schon länger kennt: „Alles gut?“ – „Familie gesund?“ In der Slowakei hat Josef Racz lange auf Baustellen gearbeitet. Verdient hat er dabei nicht viel. Er ging nach Deutschland, hoffte auf viel Arbeit und viel Geld – und wurde enttäuscht. Josef Racz versuchte es mit Betteln.

Vom Bettler zum Zeitungsverkäufer

Bilder, die symbolisieren, was würdelos ist, gibt es viele. Menschen, die sich auf Krücken durch reiche Städte quälen und andere Menschen um Geld angehen. Oder Menschen, die in vollen Mülleimern nach Essensresten suchen. Oder Menschen, die andere Menschen bestehlen. Wer Trottwar verkauft, ist arm. Wer Trottwar verkauft, will sich nicht kleiner machen als klein, nicht abhängig sein von Almosen, nicht andere verletzen. Wer Trottwar verkauft, hat Respekt vor der Würde der anderen und seiner eigenen.

Josef Racz kennt das Wort Würde nicht. Er spricht nur gebrochen Deutsch. Josef Racz kennt auch das Wort Hoffnung nicht, ebenso wenig das Wort Wunsch. Aber er hat Hoffnung, und er hat Wünsche. Wer das versteht, versteht die Idee, einen Trottwar-Verkäufer zum Würde-Träger zu machen.

Seit etwa vier Jahren verkauft Josef Racz die Straßenzeitung. „Gut“, antwortet er auf die Frage, wie die Arbeit als Zeitungsverkäufer ist. „Sehr gut!“ Die Leute seien freundlich, winken ihm, wenn sie ihn erblicken, manche klopfen ihm auf die Schulter, manchmal bekommt er sogar eine Brezel geschenkt. „Nix böse, nix aggressiv!“ Von montags bis samstags steht Josef Racz an der guten Ecke in der Innenstadt. Von morgens um neun bis abends um fünf. Wenn es gut läuft, setzt er am Tag 50 Exemplare ab. Das bedeutet Einnahmen von 110 Euro. Die eine Hälfte geht an das Stuttgarter Sozialunternehmen Trottwar, die andere Hälfte hat sich der Verkäufer verdient.

1000 Kilometer bis nach Hause

Den allergrößten Teil des Geldes bringt Josef Racz, der Ehemann und Vater, nach Hause, das 1000 Kilometer entfernt in der Slowakei ist. Dort leben seine Frau und seine beiden Kinder. Und dort steht sein uraltes Elternhaus, das er in jeder freien Minute repariert. Alle zwei Wochen fährt Josef Racz deshalb heim in das kleine Dorf, jetzt über Weihnachten sowieso. „Arbeit, Arbeit, Arbeit“, sagt er. Und dass es noch lange dauern wird, bis das Haus fertig ist – und er für immer bei seiner Familie bleiben kann.

Beim Trottwar-Verein können sie sich denken, was manche denken, wenn sie solche Geschichten hören. Von wegen, dass ja keiner gezwungen werde, in Deutschland Zeitungen zu verkaufen. Was noch einer der netteren Gedanken sein dürfte. Was trotzdem Quatsch ist, wenn man die Sache mit der unantastbaren Würde aus dem Grundgesetz ernst nimmt. „Wir helfen jedem“, sagt deshalb natürlich Uwe Determann vom Trottwar-Verein. Und dessen Chef Helmut Schmid: „Wenn man Menschen ernst nimmt, kriegt man viel zurück.“

Das klingt leicht – so lange der Herumtreiber im Supermarkt nicht den Betrieb aufhält. Oder der Obdachlose im Park, der die Beschaulichkeit stört, weil er auf einer Bank schläft. Aber Vorsicht: Einer davon könnte Josef Racz sein, der in Deutschland kein Dach über dem Kopf hat. Die Nächte hier überbrückt er auf einem Friedhof. Egal, wie nass es ist oder wie kalt.

Auch deshalb ist es gut, wenn Josef Racz immer gut sichtbar ist.

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