Martin von Arndt war Angstpatient – und ist heute geheilt. Foto: factum/Granville

Das Herz rast, kalter Schweiß auf der Stirn: Viele Menschen haben so etwas schon einmal erlebt. Die Zahl der Angstpatienten im Kreis Ludwigsburg nimmt zu. Wenige reden so offen über ihr Schicksal wie der Markgröninger Schriftsteller Martin von Arndt.

Ludwigsburg - Martin von Arndt sitzt entspannt in einem Straßencafé in Markgröningen. Um ihn herum sind alle Tische besetzt, es herrscht ein Kommen und Gehen an diesem sonnigen Nachmittag. Den 50-Jährigen lässt diese Situation vollkommen kalt – mittlerweile. Denn sich inmitten vieler Menschen zu bewegen, das gehörte bis vor einiger Zeit nicht zu seinen Lieblingssituationen. Der Markgröninger Schriftsteller litt unter Panikattacken. Die kamen zwar nicht nur in der Öffentlichkeit, aber auch dann. „Die Attacken haben mich meist aus heiterem Himmel überfallen und in unterschiedlichsten Momenten“, erzählt Martin von Arndt.

Der Auslöser war ein Atemwegsinfekt

Heute gilt er als geheilt; zumindest hat er seit einigen Monaten Ruhe vor der übermächtigen Angst und weiß, wie er eine aufkommende Panik bewältigen kann. Nicht immer hatte von Arndt mit dieser Krankheit zu kämpfen, im Gegenteil. „Ich war früher Leistungssportler und hatte meinen Körper total im Griff. Als das mit der Angst anfing, wusste ich überhaupt nicht damit umzugehen.“ Als Auslöser benennt der 50-Jährige einen eigentlich harmlosen Atemwegs-Infekt, den er vor zwei Jahren aus einem Urlaub aus Schottland mitbrachte. Der Infekt habe sich festgesetzt, die Symptome seien immer schlimmer geworden – bis hin zur Atemnot. „Meine Gedanken sind Karussell gefahren, immer öfter kam in mir die Angst hoch: Was passiert denn, wenn ich gar keine Luft mehr bekomme und sogar ersticke?“

Aus den einmal pro Woche auftretenden Panikattacken wurden mehrere am Tag, aus leichter Angst wurde Todesangst. Herzrasen und ein Puls von 120, kalte Schweißausbrüche, Zittern und das Bedürfnis, sich sofort zurückzuziehen waren die Begleiterscheinungen. Etwa 20 bis 30 Minuten habe ein solcher Anfall im Durchschnitt gedauert, und er habe es nur ausgehalten, wenn er sich irgendwohin zurückgezogen habe, etwa auf eine Toilette. „Die Tür habe ich aber natürlich nicht abgeschlossen, denn wenn der Ernstfall eingetreten wäre, hätte mir ja keiner helfen können.“

Mithilfe einer mehrwöchigen, stationären Therapie in der Klinik konnte ihm schließlich geholfen werden. Zudem besucht Martin von Arndt auch heute noch wöchentlich eine Selbsthilfegruppe in Ludwigsburg, bei der sich Gleichgesinnte austauschen und sich gegenseitig helfen und motivieren.

Die Zahl der Angstpatienten geht nach oben

Mit seiner Krankheit ist von Arndt nicht allein. Die AOK Ludwigsburg Rems-Murr ließ im Jahr 2016 mehr als 155 000 Menschen mit Angststörungen und Panikattacken ärztlich behandeln. Im Landkreis Ludwigsburg seien die Behandlungszahlen zwischen 2012 und 2016 pro Jahr um 5,3 Prozent gestiegen, erklärt die Krankenkasse. Auch bei der Psychotherapeutischen Ambulanz des Zentrums für Psychotherapie Stuttgart (SZVT) ist die Angst ein großes Thema: Dort werden pro Jahr etwa 450 Menschen behandelt, die damit zu kämpfen haben und Furcht in den unterschiedlichen Ausprägungen verspüren.

Auslöser einer solchen Krankheit können etwa bestimmte Stresssituationen sein, in denen sich der Betroffene bedroht fühlt. Etwa das Eingeschlossensein in einem Aufzug, ein Zusammenstoß mit einem Reh bei der Autofahrt. „Diese Erfahrung kann dann dazu führen, dass man plötzlich bei jeder Fahrt durch den Wald oder übers Feld Angst vor einem erneuten Zusammenstoß hat“, sagt Rolf Wachendorf. Der Psychotherapeut aus Esslingen ist auf Angsterkrankungen spezialisiert und betreut in seiner Praxis seit 25 Jahren Menschen mit Angststörungen. Während manche Ängste relativ harmlos seien und in etwa zehn bis 25 Therapiesitzungen behoben werden könnten, gebe es auch solche, die einer langen Behandlung bedürfen.

„Dann geht man mit dem Patienten etwa in Situationen, die für ihn eigentlich eine Bedrohung sind, und zeigt ihm, dass alles gar nicht so schlimm ist.“ Der Patient müsse lernen, ein neues Vertrauen aufzubauen und die Situation wieder neu zu bewerten.

Therapien und Gespräche helfen

Bei Martin von Arndt war es der mehrwöchige Aufenthalt in der Klinik, der ihm seine Angst schließlich nahm. Zahlreiche Gespräche mit Therapeuten, aber auch mit anderen Patienten hätten ihm schließlich geholfen, aus dem Teufelskreis auszubrechen. Einmal, so erzählt er, sei er ganze vier Stunden lang auf dem Klinikflur umhergetigert. „Das war meine heftigste Angstattacke. Aber danach war dann auch Ruhe, seit diesem Tag hatte ich nie wieder einen Anfall.“

Der Schritt an die Öffentlichkeit sei ihm wichtig um zu beweisen, dass es jeden treffen könne – und dass Menschen mit Angststörungen ebenso leistungsfähig und normal seien wie alle anderen auch. „Wir sind schließlich keine Bekloppten.“

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