Der dunkelhäutige US-Journalist John Eligon wollte wissen, wie Rechtsextreme in Deutschland auftreten. Er fuhr zu einem NPD-Fest in die thüringische Kleinstadt Leinefelde – und hörte Erstaunliches.
Leinefelde - Alle meine deutschen Freunde waren sich einig: „Das ist eine schlechte Idee.“ Selbst Margit, eine 68-jährige Frau, die ich auf der Straße des Dorfs spontan angesprochen habe, machte sich Sorgen um mich. „Ich weiß ja nicht, wie Sie dann morgen dabei sind“, sagte sie.
Ich war in Leinefelde, einem Dorf in Thüringen, um ein „Familienfest“ der NPD zu besuchen – als Farbiger auf einer Veranstaltung von Menschen, die einer nationalsozialistischen Ideologie anhängen. Das hört sich an wie ein schlechter Witz. Aber als Journalist, der in den USA über Themen wie Identität und Rassismus berichtet, wollte ich etwas über die Gründe und Ziele solcher Veranstaltungen lernen.
Ich hatte durchaus Angst, zur NPD zu gehen. Als Reporter der „New York Times“ habe ich in Amerika schon Vorkämpfer für die Überlegenheit der weißen Rasse interviewt. Aber deutsche Rassisten zu treffen kam mir riskanter vor. Immer wieder haben NPD-Mitglieder bewiesen, dass sie gewaltbereit sind.
Der „Eichsfeld Tag“ findet seit 2011 jedes Jahr statt. Am Tag des Events wurde meine Angst ein bisschen gemildert: Die Polizei war in großer Zahl vertreten. An der angemeldeten politischen Versammlung durfte eigentlich jedermann teilnehmen. Die Polizei hatte aber den etwa zehn anwesenden Journalisten empfohlen, nur in ihrer Begleitung auf das Gelände zu gehen. Die anderen Journalisten hatten schon öfter solche Veranstaltungen besucht. Sie erzählten mir, dass auch sie immer wieder von Neonazis bedrängt werden und sich nicht ohne Polizeibegleitung bewegen.
„Wir wollen das eigene Volk erhalten“
Als ich das Festgelände betrat, fühlte ich mich wie ein Tier im Zoo. Es waren nur etwa 200 Teilnehmer da, aber ich hatte den Eindruck, dass mich fast alle angaffen. Manche machten mit ihren Handys Fotos oder filmten. Manche flüsterten. „Schwarzer“ und „Neger“ schnappte ich auf, verstand aber keine ganzen Sätze. Zwei Männer standen hinter einem Tisch mit Flugblättern. Sie sahen aus wie Vertreter einer Behörde. Deshalb fragte ich sie, was der Zweck dieser Veranstaltung sei.
„Wir wollen die Gemeinschaft und das eigene Volk erhalten“, sagte Martin Lopotsch, der NPD-Vorsitzende von Eichsfeld. „Dafür sind die Feste ganz gut. Deutsche Musik hören, man unterhält sich Deutsch. Das ist das, was uns geraubt wird.“
In den vergangenen Jahren fand nach dem Familienfest immer ein Rockkonzert statt, diesmal nicht. „Wir wollen näher an die Bürger herankommen“, sagt Rene Schneemann, der stellvertretende Vorsitzende der NPD-Eichsfeld. „Die Bürger mögen diese laute Rechtsrock-Musik nicht unbedingt. Deshalb ist es besser, wenn man die Familien anspricht.“
„Wenn ich Schwarze sehe, kriege ich sofort Hass“
Doch vieles auf dem „Eichsfeld Tag“ ist nicht familientauglich. Ich entdeckte einen Mann, der ein T-Shirt mit einer Konföderierten-Fahne trug – also die Flagge, unter der die Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg für den Erhalt der Sklaverei kämpften. Er sagte, er trage das Shirt aus Solidarität mit den Südstaaten. Sein Freund Stephan berief sich auf angebliche Informationen, die ich von Verteidigern der Südstaaten in den USA kannte: Er meinte, im US-Bürgerkrieg sei es um Unabhängigkeit und Steuererhebung gegangen. „Das hat nichts damit zu tun, dass wir etwas gegen Neger haben“, sagte der 37-Jährige aus Hamburg. „Ein freier Staat wurde von den Nordstaaten überrannt.“
Als wir uns weiter unterhielten, gab er zu, dass er doch Vorbehalte gegen Menschen anderer Hautfarbe hat. Wenn man ihn frage, ob er etwas gegen Schwarze habe, antworte er: „Mittlerweile ja.“ Danach entschuldigte er sich bei mir. „Muss ich leider so sagen, auch wenn du jetzt schwarz bist.“ Grund sei die Asylpolitik der Bundesregierung. „Rassismus würde es doch gar nicht geben, wenn man das Land nicht mit diesen ganzen Idioten fluten würde. Die bauen Scheiße“, meinte er mit Blick auf die Flüchtlinge. „Wenn ich durch die Stadt fahre und Schwarze sehe“, sagte er und spuckte aus, „kriege ich sofort Hass, weil immer mehr kommen. Das ist das Problem. Ich bin ja nicht mehr zu Hause, wenn alle anders aussehen als ich.“
„Und ein Reiter in weißer Robe hält Wacht“
Solche Veranstaltungen wie in Leinefelde sind attraktiv für Deutsche, die glauben, dass ihr Land überfremdet wird. Die Treffen gelten als „Safe Spaces“, als sichere Zonen, in denen solche Menschen das Land ihrer Träume erleben können. Meine Anwesenheit war eventuell eine Erinnerung daran, dass so ein Land gar nicht existiert.
Während seines Auftritts fragte Michael Regener, ein bekannter Sänger in der Neonazi-Szene, die Zuschauer, ob sie den Reporter der „New York Times“ gesehen hätten. Er lächelte und deutete auf sein T-Shirt: Darauf war ein Symbol des Ku-Klux-Klans. Dann fing er mit seinem Lied an – der „KKK Ballade“. „In dem guten, alten Süden“, sang er, „brennen Kreuze in der Nacht. Und ein Reiter in weißer Robe hält auf dem Hügel Wacht.“