Nach der Bluttat mit sechs Toten in Rot am See ist die Gemeinde im Schockzustand. Viele Anwohner kannten sowohl den Täter als auch die Familienmitglieder, die gestorben sind. Der Täter sagt noch immer nichts.
Rot am See - Um 12.48 Uhr geht ein Anruf bei der Polizei ein. Ein junger Mann aus Rot am See ist dran. Er sagt, er habe mehrere Menschen erschossen. Die Beamten halten ihn in der Leitung. Neun Minuten später erreichen die Beamten die Bahnhofstraße in dem Ort. Der Anrufer wartet vor dem Haus, einem zweistöckigen Sandsteingebäude. Er lässt sich ohne Widerstand festnehmen. Hinter dem Haus liegen vier Leichen, im Gebäude zwei weitere – und eine halb automatische Kurzwaffe, neun Millimeter.
Rot am See liegt zwischen Crailsheim und Rothenburg ob der Tauber und hat 5400 Einwohner. Ein blutiges Verbrechen reißt den Alltag in der idyllischen Gemeinde im Kreis Aalen am Freitag aus den Fugen. Sechs Menschen sterben durch Schüsse. Zwei weitere werden verletzt – ein Opfer schwebte am Abend noch in Lebensgefahr.
Polizei geht von einem Familiendrama aus
Da alle Beteiligten in familiärer Beziehung zueinander standen, gehe man von einem Familiendrama aus, sagt Polizeipräsident Reiner Möller. Doch „zum Motiv können wir bis dato nichts sagen.“ Der mutmaßliche Täter ist offenbar Sohn der Wirtsfamilie, 26 Jahre alt, deutsch, hat einen Waffenschein, soll Sportschütze sein. Sehr viel mehr können die Beamten noch nicht sagen. Er war offenbar gefasst bei seinem Anruf. Der Polizeipräsident spricht von einem „geordneten Gespräch“.
Die Bahnhofstraße, eine gepflegte Wohngegend, am Nachmittag. Es herrscht gespenstische Stille. Der Tatort ist mit rot-weißem Polizeiband weiträumig abgesperrt. im zweiten Stock des Gebäudes sind die Rollläden heruntergelassen. Polizeibeamte und Mitarbeiter der Spurensicherung in weißen Overalls kommen aus dem Haus und gehen hinter das Gebäude. Zwei Nachbarinnen beobachten aus einiger Entfernung das Geschehen. Es handle sich bei den Beteiligten um eine alteingesessene Familie aus Rot am See, die nebenbei auch eine kleine Landwirtschaft betreibe, sagen sie. „Zuerst haben wir gedacht, da ist ein Unfall passiert“, erzählt die Jüngere, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sie habe zwei Rettungshubschrauber beobachtet, Blaulicht gesehen, Martinshorn gehört. „Es ist einfach furchtbar“, sagt sie, „da bist du geschockt, wenn du die Leute kennst.“
Zwei Jugendlich wurden bedroht
Eine ältere Frau zieht einen Rollkoffer hinter sich her. Sie will zum Bahnhof. „Hier können Sie nicht durch“, erklärt ein Polizeibeamter, der ihr einen Umweg weist. Auf ihre Frage, was denn passiert sei, entgegnet er nur: „Beziehungstat!“ Eine viel befahrene Straße durchschneidet das Städtchen, Autos und Lkw donnern durch; doch auf der Straße sind keine Passanten unterwegs.
Der 26-Jährige wohnt in dem Gebäude, ebenso wie ein Teil der Familie. Die Opfer sind drei Frauen im Alter von 36, 56 und 62 Jahren und drei Männer im Alter von 36, 65 und 69 Jahren. Der Mann hat noch zwei Jugendliche im Alter von 12 und 14 Jahren bedroht, die sich im Gebäude befanden und auch zur Verwandtschaft gehören sollen. Die Jungen würden psychologisch betreut, sagen die Ermittler. Außerdem wurden ein Mann und eine Frau durch Schüsse schwer verletzt. In welchem Beziehungsverhältnis sie zum Tatverdächtigen stehen, sei noch Gegenstand der Ermittlungen.
Am Freitagnachmittag bestimmt der Anblick von Polizeiwagen den kleinen Ort. Mehr als hundert Beamte sind im Einsatz. Es ist klirrend kalt, die Wintersonne scheint auf die Wohnhäuser. Vor der Gaststätte stehen rund ein Dutzend uniformierte Polizisten und pusten sich die Kälte aus den Händen. Spurensicherer in weißen Anzügen gehen in die Kneipe. Vor dem Haus sprühen Beamte gelbe Striche auf die Straße. Auf einem Fenstersims der Gaststätte liegt ein Telefon, das ab und an laut klingelt. Das Telefon des mutmaßlichen Schützen?
Familie bekannt im Ort
Ein Nachbar sagt, er habe beim Lesen im Wohnzimmer drei Schüsse gehört. „Dann sind nach einer Weile viele weitere Schüsse gefallen.“ Er habe die Familie flüchtig gekannt. „Wir haben uns auf der Straße gegrüßt.“ Das Gasthaus sei eine Zeit lang geschlossen gewesen und habe nach der Renovierung der Kegelbahn wieder geöffnet. Die Tat sei ihm unbegreiflich. Auch die Verkäuferin einer Metzgerei im Ort sagt, sie habe den Gastwirt gekannt. Das Gasthaus sei ein alteingesessenes Wirtshaus, habe aber inzwischen nur gelegentlich geöffnet und sei vor allem eine Stammkneipe der Spieler des örtlichen Fußballvereins. Die Wirtsleute hätten zusammen einen gemeinsamen Sohn gehabt, die Frau noch weitere Kinder aus einer ersten Ehe. „Ich kann das noch gar nicht glauben“, sagt die Verkäuferin.
Ein 19-Jähriger kommt am Freitag extra aus einer Nachbargemeinde an den Tatort, um den Einsatz zu verfolgen. „Hier sind eigentlich alle cool drauf. Und eigentlich leben hier viele ältere Menschen. Vielleicht gab es Streitigkeiten in der Familie.“ Eine Frau, die schon lange in der Gemeinde lebt, sagt: „Jetzt wird Rot am See bekannt – aber auf scheußliche Art.“
Fast hundert Polizeikräfte kommen zum Einsatz, wie der Polizeichef berichtet, und um die 30 Rettungskräfte. Es ist eine Tat, die Rot am See noch lange beschäftigen wird, das ist schon heute klar. Innenminister Thomas Strobl (CDU) spricht den Angehörigen der sechs Todesopfer sein Mitgefühl aus. Der Einsatz sei auch für die Beamten ein furchtbares, belastendes Ereignis gewesen. Daher seien die Gedanken auch bei den Polizisten, die am Tatort gewesen seien.
Noch keine Erkenntnisse vom Täter
Die Beamten erhoffen sich nun von der Aussage des 26-Jährigen mehr Erkenntnisse. Bis Freitagabend mussten sie allerdings noch auf den Anwalt des Mannes warten, um mit der Befragung zu beginnen. An diesem Samstag soll der Mann dem Haftrichter vorgeführt werden.
18 Uhr, es ist dunkel geworden in Rot am See. Drei Frauen legen am Absperrband vor dem Tatort drei Lichter nieder. „Gestern waren wir noch im Deutschen Kaiser“, erzählt die eine, die nach eigenen Angaben mit der Familie befreundet war. Der mutmaßliche Täter sei „ein netter Mensch gewesen“, sagt die andere. Single, Einzelgänger, introvertiert – so beschreiben sie den 26-jährigen, der noch studiert. „Wer nicht Gast in der Wirtschaft war, kannte ihn nicht.“