Foto: Eppler

Felicitas Baumeister lenkt seit fast fünf Jahrzehnten den Umgang mit dem Werk Willi Baumeisters.

Große Auftritte sind nicht die Sache von Felicitas Baumeister. Am Montagabend aber galt ihr in der Stuttgarter Kunstakademie alle Aufmerksamkeit: Erstmals in der Akademiegeschichte wurde einer Frau der Titel einer Ehrensenatorin verliehen.

Es war eine kühne Entscheidung der damals 22-Jährigen: Nach dem unerwarteten Tod des Malers Willi Baumeisters am 31. August 1955 übernimmt seine Tochter Felicitas Baumeister die Aufgabe, eine Bestandsaufnahme des Nachlasses vorzunehmen - Voraussetzung für die Pflege und Erforschung des Werkes eines der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts. Untrennbar mit seinem Namen verbunden sind in den 1920er Jahren die Idee einer europäischen Moderne, deren brutale Verneinung durch Hitlerdeutschland, und - in der noch jungen Bundesrepublik - der Streit um die Möglichkeit einer künstlerischen Weltsprache, die das Geschaute in eigenständige Formen verwandelt.

27 Jahre ist Felicitas Baumeister, als sie international in Erscheinung tritt. Am Montag erinnerte Hans-Dieter Huber, Kunstwissenschaftler der Akademie, in seiner Laudatio auf die erste Ehrensenatorin der Akademie, an eine Szene, die bis heute das Selbstverständnis von Felicitas Baumeister skizziert: "1960 wurde Willi Baumeister auf der 30. Biennale in Venedig geehrt. Bereits damals fühlte sich Felicitas Baumeister nicht nur für den Nachlass ihres Vaters verantwortlich, sondern bewies kuratorische Fähigkeiten und konservatorisches Feingefühl, indem sie alle Anstrengungen unternahm, damit die Bilder und Zeichnungen in einem einwandfrei gerahmten Zustand präsentiert werden konnten." Huber weiter: "Mit äußerster Sensibilität und großer Präzision hat sie in all den Jahren ein Archiv aufgebaut, das seinesgleichen in Deutschland sucht, das jedem Wissenschaftler, auch dank der jetzigen Leiterin, Hadwig Goez, beste Arbeitsbedingungen bietet und keine Frage Baumeister betreffend unbeantwortet lässt." Und das, so muss man hinzufügen, der Stuttgarter Kunstakademie auf vielfältige Weise verbunden ist.

Als "wichtige und definitive Veröffentlichung" sah Werner Spies den Werkkatalog der Gemälde von Willi Baumeister, den Peter Beye und Felicitas Baumeister 2002 präsentierten. Seit 2005 ist das Archiv mit seinen Briefen, Tagebüchern und Katalogen als Dauerleihgabe fester Teil des Kunstmuseums Stuttgart. Und Daniel Spanke, zuständiger Kurator für Baumeister, weiß, welcher Schatz am Kleinen Schlossplatz beherbergt wird. "Das Archiv Baumeister", sagte Spanke am Dienstag unserer Zeitung, zeige " wie eine Nachlasspflege optimale Ergebnisse erzielen kann." Und er lässt keinen Zweifel an der Rolle von Felicitas Baumeister. "Sie ist", sagt Spanke, "der Dreh-und-AngelPunkt unserer wissenschaftlichen und kuratorischen Aktivitäten bezüglich Willi Baumeister. Sie stellt Expertisen aus und ist in intensivem Austausch mit Fachleuten und Künstlern im In- und Ausland." Jüngstes Beispiel des glücklichen Schulterschlusses von Archiv und Kunstmuseum: An diesem Freitag wird das Werkverzeichnis der Skizzenbücher präsentiert. Zuletzt begründet, was Spanke über den Menschen Felicitas Baumeister sagt, ihre Anerkennung an sich: "Selten hat man Gelegenheit, einem so feinen Menschen zu begegnen, dessen bescheidenes Auftreten und stilsicheres Wirken mit solcher Großzügigkeit und immensem Kenntnisreichtum gepaart ist." Vorzeichen, unter denen man sich im Kunstmuseum nur zu gern an die Vorbereitung der Baumeister-Retrospektive im Jahr 2013 macht.

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