Kultusminister Stoch Foto: dpa

An den Gymnasien und Realschulen müssen so viele Fünftklässler wiederholen wie noch nie. Hauptgrund ist der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung.

Stuttgart - Rund 2700 Realschüler und 1400 Gymnasiasten haben im abgelaufenen Schuljahr die fünfte oder sechste Klasse nicht geschafft. An den Realschulen müssen 4,4 Prozent der Fünftklässler und 3,8 Prozent der Sechstklässler die Klasse wiederholen. An den Gymnasien sind es 1,6 Prozent der Fünftklässler, 2,6 Prozent bei den Sechstklässlern. Das geht aus einer Sondererhebung des Kultusministeriums an etwa 95 Prozent der Gymnasien und Realschulen hervor.

Gegenüber dem Vorjahr haben sich die Ergebnisse erneut verschlechtert. 2013 verfehlten 3,9 Prozent der Fünftklässler an den Realschulen und 1,3 Prozent an den Gymnasien das Klassenziel. Im Schuljahr 2011/12 lag die Quote der nicht versetzten Fünftklässler noch deutlich niedriger: an den Gymnasien bei 0,4 Prozent, an den Realschulen bei 0,7 Prozent.

Hauptgrund für die steigende Zahl von Sitzenbleibern ist der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung. Seit dem Schuljahr 2012/13 können in Baden-Württemberg Eltern von Grundschülern nach einer Beratung selbst entscheiden, welche weiterführende Schule ihr Kind besucht. Sie erhalten von den Grundschullehrern zwar weiterhin eine Empfehlung, diese ist aber nicht mehr bindend.

Etwa ein Viertel der Eltern von Viertklässlern, denen im vergangenen Jahr die Haupt-/Werkrealschule empfohlen worden war, entschieden sich für eine andere Schulart. An den Realschulen hatten 24,3 Prozent der Fünftklässler eine Empfehlung für die Haupt- und Werkrealschule, 18,4 Prozent wurde geraten, das Gymnasium zu besuchen, 57,3 Prozent kamen mit einer Realschulempfehlung. An den Gymnasien hatten 88,1 Prozent der Fünftklässler eine Gymnasialempfehlung, 10,8 Prozent eine Realschulempfehlung und rund ein Prozent eine Empfehlung für die Haupt- und Werkrealschule.

Die Empfehlungen orientieren sich vor allem an den Deutsch- und Mathenoten in der vierten Klasse. Bei einem Notendurchschnitt von 2,5 oder besser gibt es in der Regel eine Empfehlung fürs Gymnasium, bei 3,0 oder besser eine Realschulempfehlung, den übrigen Schülern wird der Besuch der Haupt-/Werkrealschule nahegelegt.

Es gebe deutlichen Handlungsbedarf, sagte Kultusminister Andreas Stoch angesichts der neuen Zahlen. „Die individuelle Förderung an den Schulen muss erheblich ausgebaut werden. Dafür brauchen wir gute pädagogische Konzepte und die dafür notwendigen Ressourcen.“ Neben einer verstärkten Lehrerfortbildung sei auch eine päd­agogische Weiterentwicklung vor allem der Realschulen nötig.

Das Kultusministerium und die Regierungsfraktionen arbeiten derzeit an einem neuen Konzept, das den Schulen helfen soll, mit den größer gewordenen Leistungsunterschieden an den Schulen umzugehen. An den Realschulen sollen schwächere Schüler künftig auch den Hauptschulabschluss ablegen können.

Unter den Lehrern ist die Entscheidung von Grün-Rot, den Eltern die Schulwahl zu überlassen, umstritten. Der Philologenverband und der Realschullehrerverband halten die Freigabe für falsch. Sie warnten immer wieder davor, dass ein Teil der Schüler wegen der Entscheidung ihrer Eltern über­fordert sei, und forderten zusätzliche Lehrerstunden, um die Schüler besser fördern zu können.

Für bessere Förderangebote plädiert auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Sie hatte sich jahrelang dafür starkgemacht, die Entscheidung den Eltern zu überlassen. Das hatte auch der Landeselternbeirat gefordert. Immer wieder hatte es Konflikte gegeben, weil in Zweifelsfällen Akademikerkinder deutlich öfter eine Gymnasial- oder Realschulempfehlung erhielten als Kinder aus Arbeiterfamilien.

Stoch appellierte an die Eltern, mit ihrem Wahl verantwortlich umzugehen und die Grundschulempfehlung stärker zu beachten. „Die Lehrerinnen und Lehrer an den Grundschulen schätzen die Leistungsfähigkeit der Kinder in der Regel richtig ein. Ich kann den Eltern deshalb nur raten, die Empfehlungen ernst zu nehmen.“ Das Beratungssystem für die Eltern an den Grundschulen soll intensiviert und weiter ausgebaut werden.

Seit Jahren versuchen die Schulen, die Zahl der Sitzenbleiber zu senken. 2012 wiederholten an den Realschulen insgesamt 2,9 Prozent der Schüler, 2001 waren es noch 4,7 Prozent – bei den Achtklässlern sogar 7,9 Prozent. An den Gymnasien sank der Anteil der Wiederholer in diesem Zeitraum von 3,7 auf 2,3 Prozent. Dort scheitern Schüler am häufigsten in den Klassen acht bis zehn.