Der Umgang mit den Nachfahren der Sigle-Familie und der Verbleib von Ernst Sigles Erbe werfen in der Infoveranstaltung der Stadt Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg) Fragen auf.
Ein Gutachten, das die Stadt Kornwestheim über Ernst Sigle in Auftrag gegeben hat, zeigt dessen aktive Rolle im Unternehmen Salamander während der Zeit des Nationalsozialismus auf. Bisher war dieses Kapitel im Wirken des Kornwestheimer Ehrenbürgers nie näher betrachtet worden. Bei ihrer Recherche stellte die Gutachterin Anne Sudrow unter anderem fest, dass es offenbar keinen Nachlass von Ernst Sigle gibt.
Wie es sein kann, dass von einem so bekannten Unternehmer keine persönlichen Hinterlassenschaften existieren, diese Frage bewegte einige Besucher des Informationsabends der Stadt Kornwestheim. Auch die Frage nach noch lebenden Nachfahren trieb einige um. Sogar ein direkter Nachfahre von Jakob Sigle, Ernst Sigles älterem Bruder, meldete sich zu Wort und richtete zum Teil schwere Vorwürfe an die Historikerin, was die Einbeziehung von Nachkommen der Familie in das Gutachten angeht.
Nachkommen bestätigen: Es gibt keinen Nachlass
„Warum es keinen Nachlass gibt, ist mir nicht bekannt“, sagte Anne Sudrow auf Anfrage einer jungen Zuhörerin hin. Im Gespräch mit unterschiedlichen Nachfahren, unter anderem aus dem Familienzweig von Jakob Sigle, sei die einhellige Aussage gewesen, dass es keinen gebe. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Sachen im Laufe der Jahre irgendwann entsorgt worden sind“, so Sudrow. Allerdings habe sie nicht mit sämtlichen Nachfahren gesprochen, „es besteht also Hoffnung, dass gewisse Unterlagen doch noch auf irgendeinem Dachboden herumliegen“.
In diesem Zusammenhang meldete sich der heute noch in Kornwestheim lebende besagte Nachfahre zu Wort und bemängelte, dass in Sudrows Vortrag gar nicht auf die Person Ernst Sigle eingegangen worden und sie vielen Quellen auf weitere Verwandte gar nicht nachgegangen sei. „Warum haben Sie keinen Kontakt zu den Nachkommen von Ernst Sigle aufgenommen?“, wollte er wissen und warf ihr vor, die Familienzweige gar nicht auseinanderhalten zu können.
Die Andeutung, dass direkte Nachfahren von Ernst Sigle bei der Recherche außen vorgelassen wurden, ist jedoch nicht korrekt. Wie die Stadtverwaltung auf Anfrage mitteilt, ist „ein Enkelkind der Adoptivtochter Ernst Sigles bekannt, zu dem in der Vergangenheit bereits in einem anderen Kontext Kontakt bestand“ und das konkret einbezogen wurde. Ernst Sigle hatte bis auf diese Adoptivtochter keine weiteren Kinder.
„Unabhängig davon ist der Stadtverwaltung ein sensibler und transparenter Umgang mit den Angehörigen und Nachkommen der Familie Sigle sehr wichtig. Daher haben schon vor der Gutachtenbeauftragung und auch nach Einreichung des Gutachtens mehrere gute Gespräche mit insgesamt sechs Nachfahren stattgefunden.“ Besagter Sigle-Nachfahre aus der Infoveranstaltung sei selbstverständlich darunter gewesen.
Entscheidung über ESG im Juni
Die Stadtverwaltung bewertet die Arbeit von Anne Sudrow als „aussagekräftiges wissenschaftliches Gutachten, das den Auftrag erfüllt“, nämlich die historische Untersuchung der Rolle, Funktion und persönlichen Verantwortung Ernst Sigles innerhalb der Salamander AG zur Zeit des Nationalsozialismus. „Allein der Hinweis auf nochmals weitere Nachfahren verändert die wissenschaftlichen Befunde des Gutachtens nicht.“
Das Gutachten bildet eine Grundlage für die Entscheidung des Gemeinderats, ob das örtliche Ernst-Sigle-Gymnasium (ESG) umbenannt werden soll. Die Vorberatung findet am Donnerstag, 11. Juni, im Verwaltungs- und Finanzausschuss statt, die Beschlussfassung im Gemeinderat ist eine Woche später am Donnerstag, 18. Juni, geplant.