Josef Wamhoff engagiert sich ehrenamtlich bei der Bewährungshilfe in Böblingen. Sein Schützling dealte mit Drogen, landete in U-Haft und bekam drei Jahre auf Bewährung.
Josef Wamhoff übt ein Ehrenamt aus, das man wohl bedenkenlos mit dem Adjektiv ungewöhnlich betiteln darf. Er kümmert sich in seiner Freizeit um Menschen, die eine Straftat begangen haben. Einer von ihnen ist Alex Winter (Name von der Redaktion geändert) aus Waldenbuch. Der heute 32-Jährige hatte mit Drogen gedealt, bekam drei Jahre auf Bewährung und wurde in dieser Zeit von Josef Wamhoff begleitet.
Inzwischen ist die Bewährung vorbei, trotzdem hat sich Winter bereit erklärt, seine Geschichte zu erzählen. So kommt es, dass Wamhoff und Winter noch einmal zusammensitzen in den Räumen der Bewährungs- und Gerichtshilfe in Böblingen. Ihr Umgang miteinander ist respektvoll, freundlich, aber nicht kumpelhaft.
Der Entwicklungsingenieur Wamhoff wollte im Ruhestand etwas „ganz anderes“ machen. „Ich hatte die Möglichkeit einen tollen Beruf auszuüben und habe das Glück in einem Rechtsstaat und in Sicherheit zu leben“, spricht er über seine Motivation, der Gesellschaft etwas zurückgeben zu wollen. Als er zum Schöffen berufen wurde, habe er von der Bewährungshilfe erfahren und sich 2019 für das Ehrenamt beworben.
Drogenentzug in U-Haft
Mit seiner Arbeit hilft er nicht nur Menschen wieder zurück in die Gesellschaft zu finden, er betreibt auch Opferschutz. „Die Aufarbeitung der Delikte senkt die Rückfallwahrscheinlichkeit enorm“, betont Matthias Klaiber, hauptamtlicher Bewährungshelfer und Teamleiter der ehrenamtlichen Bewährungshilfe in Böblingen.
Und Wamhoffs Engagement wird geschätzt, das wird bei dem Gespräch mit Winter deutlich. „Mir hat vor allem der monatliche Austausch geholfen“, sagt der 32-Jährige. Am 1. Januar 2022 sei er von der Polizei kontrolliert worden – mit einem halben Kilogramm Speed im Rucksack. Gedealt habe er in Stuttgart und Umgebung, nicht in Waldenbuch. „Dann war ich drei Monate in U-Haft in Stammheim“, sagt Winter.
Es klingt, als ob es bei ihm in dieser Zeit Klick gemacht hätte. „Ich habe gesehen, wo mich das noch hinführen könnte.“ Außerdem sei ihm in Stammheim der Entzug gelungen. Als Winter in Haft kam, war er bereits zweimal wegen Drogenhandel vorbestraft und selbst abhängig. „Mit 16 habe ich angefangen zu kiffen, danach ging es immer tiefer rein.“ Rückblickend sei es ihm damals nicht gut gegangen, sagt er heute. „Mich hat seine Ernsthaftigkeit und sein eiserner Wille beeindruckt“, sagt Wamhoff über die Zeit, in der er Winter begleitete.
Beeindruckt vom „eisernen Willen“
Der junge Mann sei verlässlich gewesen, immer pünktlich und habe alles abgearbeitet, was das Gericht von ihm verlangte. Winter wiederum scheint zu imponieren, dass Wamhoff Lebenserfahrung mitbringt. Er sei jemand, der Wissen nicht nur aus Lehrbüchern habe, teilt der 32-Jährige seinen Eindruck. Seit 2019 hat Wamhoff acht Klienten betreut. Mit anderen ehrenamtlichen Helfern und Klaiber tauscht er sich einmal im Monat bei einem Teamabend aus. Es geht um aktuelle Fälle, aber auch um Fortbildungswünsche. Anfangs habe er schon Respekt vor der Aufgabe gehabt, sagt Wamhoff. „Man fragt sich schon, wer da kommt.“
Größere Schwierigkeiten gab es bisher offenbar nicht, nur sind wohl nicht alle Klienten so zuverlässig wie Winter. Als größte Herausforderung nennt Wamhoff die Berichte ans Gericht, die einer ganz eigenen Sprachlogik folgten. Er habe noch nie erlebt, dass es bei Treffen der Ehrenamtlichen mit ihren Klienten zu Grenzüberschreitungen gekommen sei, sagt auch Klaiber. Für den Teamleiter ist das Ehrenamt eine wichtige Ergänzung – und kein Ersatz – zur Arbeit der Hauptamtlichen. Jeder Klient werde zunächst drei bis sechs Monate von einem hauptamtlichen Bewährungshelfer betreut. „Dann wird entschieden, ob ein ehrenamtlicher Helfer übernehmen könnte.“
Glauben, dass Veränderung möglich ist
Klaiber misst den Ehrenamtlichen eine wichtige Rolle bei, um Vorurteile abzubauen. „Sie tragen den Resozialisierungsgedanken in die Gesellschaft hinein, indem sie Freunden und Familie von ihrer Arbeit erzählen“, sagt Klaiber. Eine differenzierte Sichtweise nennt er als entscheidenden Faktor für alle, die sich in der Bewährungshilfe engagieren möchten – und den Glauben daran, dass sich Menschen zum Positiven verändern können.
So wie Winter. Nach dem Entzug in Haft blieb er clean, baute seine Schulden ab, fand einen Job und engagiert sich inzwischen ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz. Mit seiner Vergangenheit sei er dort offen umgegangen. Dass er es geschafft hat, rechnet Winter auch den regelmäßigen Treffen mit Wamhoff an: „Wer weiß, ob ich sonst so konsequent geblieben wäre.“
Engagement in der ehrenamtlichen Bewährungshilfe
Ehrenamtliche Bewährungshelfer
Die Bewährungshilfe in Böblingen sucht Helfer. Über Corona sei die Zahl von zehn auf vier Ehrenamtliche zusammengeschrumpft, sagt Klaiber. In Baden-Württemberg gibt es demnach circa 380 ehrenamtliche und 420 hauptamtliche Bewährungshelfer. Sie sind an das Justizministerium angegliedert.
Viel Ehrenamt
Laut Klaiber ist die Zahl der ehrenamtlichen Bewährungshelfer in Baden-Württemberg im Vergleich zu anderen Bundesländern hoch. Klaiber führt das unter anderem darauf zurück, dass die Bewährungshilfe eine Zeit lang an einen Verein ausgelagert war, der sich sehr um ehrenamtliches Engagement bemüht habe. Inzwischen ist die Bewährungshilfe wieder an das Justizministerium angegliedert.
Sich bewerben
Wer sich engagieren möchte, sollte laut Klaiber „fest im Leben stehen“, Geduld mitbringen, differenzieren und sich in andere Lebenswelten hineinversetzen können. Weitere Infos gibt es unter www.bgbw.landbw.de
Aufgaben
Die Ehrenamtlichen begleiten Menschen zwischen drei bis fünf Jahren. Die Treffen nehmen circa zwölf Stunden im Monat in Anspruch, hinzu kommen Dokumentation, Berichte fürs Gericht und die Teamabende. Für den Einsatz gibt es eine kleine Aufwandsentschädigung.