Die Familie Neigert prägt den Ehninger Pfingstmarkt seit einem Jahrhundert. Ihre Geschichte zeigt die Herausforderungen und die tiefe Verbundenheit mit dem Schaustellerleben.
Dass gebrannte Mandeln gut riechen, weiß Dieter Neigert nur von den Leuten, die an seinem Stand stehen und schwärmen. „Ich höre es, aber riechen tu’ ich das schon lange nicht mehr“, sagt der 56-Jährige, der mit acht Geschwistern in Wohnwagen auf Jahrmärkten aufgewachsen ist. Viele Generationen vor ihm waren alle Schausteller, ganz früher sogar Zirkusleute. Heute ist er der Kopf des Schaustellerbetriebs Neigert, seine drei erwachsenen Kinder sind längst ins Geschäft eingestiegen oder haben eigene Schaustellerbetriebe gegründet.
Ein Jahrmarkt ist für die Neigerts ganz besonders: der Vergnügungspark am Ehninger Pfingstmarkt. Denn ihn hat ihre Familie vor 100 Jahren ins Leben gerufen. 1926 schwangen auf der Ehninger Festwiese zum ersten Mal Schiffsschaukeln und für fünf Pfennige konnten die Kinder Karussell fahren. Neigert hat alte Fotos aus jener Zeit, sie zeigen Damen mit Hüten und Herren mit Krawatte, Mädchen mit Zöpfen und Lausbuben in Kniestrümpfen.
Einmal Jahrmarkt, immer Jahrmarkt
Gegründet wurde der Jahrmarkt vom Ehepaar Schwenold, an ihre Vornamen kann Dieter Neigert sich nicht erinnern. Aber zu ihrer Tochter Rosa Schwenold hatte er ein enges Band, er spricht von „Tante Rosa“, auch wenn der Verwandtschaftsgrad weiter entfernt ist. Sie leitete den Ehninger Rummel bis 1970, dann übergab sie ihn an Neigerts Eltern Julius und Margarethe. „Ich geb’ ihn irgendwann an meinen Sohn ab und der an seinen Sohn, so ist der Plan“, sagt der 56-Jährige und lacht – sein Enkel ist vier Monate alt. Wenn man auf dem Rummelplatz aufwachse, könne man sich kein anderes Leben vorstellen, ist sich Neigert sicher. Es sei kein Zufall, dass Schausteller häufig Partner aus anderen Schaustellerfamilien hätten – bei seinen Eltern war es so, bei ihm selbst, und auch die Partner seiner Kinder sind aus Schaustellerfamilien.
„Es war nachts Randale rundherum“
Sie alle lieben es, unterwegs zu sein, und den Trubel, wenn es losgeht. „Das ist immer der schönste Moment, wenn alles gerichtet ist und die Gäste kommen“, sagt Neigert. Aber es gibt auch Schattenseiten, räumt er ein. Als Kind wechselte er mit jedem Jahrmarkt die Schule, „da hat man nicht so viel gelernt“. Am festen Wohnsitz bei Herrenberg war die Familie nur wenige Wochen im Jahr. Freunde zu finden, war schwierig. „In der Schule wollten sie nichts mit so einem zu tun haben, da sind wir oft angefeindet worden. Die Leute haben gesagt: Die sind mit dem Wohnwagen da, die sind nicht normal.“
Seinen Kindern wollte Neigert das ersparen, darum wurde er mit seiner Frau Manuela in Mötzingen sesshaft. Ihre Kinder konnten in die Schulen vor Ort gehen, Jahrmärkte besuchen sie seither ausschließlich im Umkreis von 30, 40 Kilometern. Die Wohnwagen auf dem Rummelplatz sind nur noch für die Pausen da, geschlafen wird zuhause. „Es war nachts immer Randale rundherum“, nennt Neigert einen weiteren Grund, weshalb er die Fahrten nach Hause vorzieht.
Ruhe kehrt bei der Schaustellerfamilie nur im August ein, wenn keine Rummel oder Weihnachtsmärkte stattfinden. Dann genießt Neigert es, mal daheimzusitzen und nichts zu machen, „aber dann wird's mir auch schon wieder langweilig“. Die Familie sage ihm, er solle mal langsam machen – „klappt nicht“. Die Coronazeit sei schlimm gewesen. Nichtstun ist ihm fremd, schon als Achtjähriger half er im Betrieb mit, brachte Hölzle, bis die Anlage waagrecht im Wasser stand, oder sammelte Fahrkarten ein. „Ich kenn's nicht anders.“
Das Risiko gehört dazu
Auch heute findet er immer was zu tun, die Fahrgestelle müssen schließlich instandgehalten werden. Die meisten handwerklichen Tätigkeiten führt Neigert selbst aus. Ob Schweißen, Bohren, Flexen oder elektrische Reparaturen: „Wenn man Schausteller ist, muss man alles können.“ Schließlich könne man nicht bis montags warten, wenn samstags etwas kaputtgeht.
Jetzt freut Neigert sich darauf, dass es losgeht am Ehninger Pfingstmarkt. Seit Montag ist die Familie mit dem Aufbau der Fahrgestelle beschäftigt, damit am Samstag bei der Eröffnung alles fertig ist. Autoscooter, Kinderkarussell, Entenangeln, Ballwurfbude und Trampolin müssen stehen, außerdem Stände mit Crêpes, Schokofrüchten und Magenbrot.
Sieben Neigerts betreuen die Buden, nur die Schwiegertochter ist daheim beim Baby. Aufatmen lässt Neigert, dass die Wetter-App schönes Pfingstwetter voraussagt. Damit steht und fällt, ob die Tage zum Besuchermagnet oder zum Minusgeschäft werden. Neigert nimmt's gelassen: „Es ist immer ein Risiko, aber man muss optimistisch sein. Wenn man sich aufregt, bringt's auch nichts.“ Er selbst wird wie immer gebrannte Mandeln verkaufen.
Drei Tage Ehninger Pfingstfest
Pfingstfest
Das Pfingstfest mit Festzelt dauert von Samstag bis Montag und startet am Samstag um 18 Uhr mit Fassanstich. Der Sonntag beginnt mit ökumenischem Gottesdienst um 9.30 Uhr. Abends Bandauftritte.
Krämermarkt
Den Ehninger Pfingstmarkt gibt es bereits seit 1837. Dieses Jahr findet er zum 189 Mal. statt, und zwar an Pfingstmontag, 25. Mai, von 8 bis 18 Uhr rund um Garten-, König- und Schlossstraße.
Vergnügungspark
Neigerts Rummel geht von Samstag bis Montag. Danach zieht die Schaustellerfamilie weiter, unter anderem zum Gültsteiner Festwochenende, später zum Böblinger Stadtfest, Jubiläum der Maichinger Feuerwehr und zur Schönaicher Hasenbühlhocketse.