Dies ist eine Besichtigung und gleichzeitig eine Protestveranstaltung. Mehr als 20 Teilnehmer dürfen nicht gleichzeitig in den umstrittenen Keller. Foto: factum/Bach

Die Gemeinde Ehningen will ein Haus in der Königstraße samt seinem historischen Gewölbe abreißen. Doch die Bürger protestieren.

Ehningen - Die Szene ist denkwürdig. „Willkommen, liebe Kellerfreunde“, sagt Gustav Kohle. 20 Frauen und Männer frösteln vor ihm unter einem Gewölbe. Vier weitere Gruppen gleicher Größe werden folgen. Sie warten noch oben, in der Abendsonne. Sie alle sind gekommen, einen Keller zu sehen, aber mehr als 20 Menschen dürfen nicht gleichzeitig die steile Treppe hinuntersteigen, die zum Versammlungsort führt. So hat es die Gemeinde verfügt. Dies ist einerseits die Besichtigung eines historischen Gemäuers, andererseits eine Protestveranstaltung – und für Ehninger Verhältnisse eine große. Kohle ist Mitglied des Vereins „Denkmal Ehningen“. Denjenigen, die seine Erklärungen hören, geht es um die Rettung des Kellers. 120 unterirdische Quadratmeter, die Wände, erbaut aus heimischem Schilfsandstein, wölben sich bis zu ihrem Scheitelpunkt in vier Meter Höhe.

Über diesen Raum wird in Ehningen seit Monaten gestritten. Die Gemeinde hat das Haus gekauft und will es abreißen, samt Keller. Dagegen wehrt sich der Verein „Denkmal Ehningen“, der an anderer Stelle im Ort seine Erfolge hatte für die Erhaltung historischer Bauten. Ein Gutachter empfahl den Abriss des Hauses, zwei empfahlen die Erhaltung des Kellers. Angesichts des Protests hat der Gemeinderat das Thema im September vertagt. Im April wollen die Ehninger Räte mit Bürgern über Erhaltung oder Abriss diskutieren. Aber im Grunde währt die Diskussion schon seit 2008, dem Jahr, in dem die Stadt das Haus kaufte. Damals hatte auch der Bürgermeister Claus Unger gesagt, er könne sich unter dem Haus an der Königstraße 27 einen Ratskeller oder ein Wirtshaus vorstellen. „Daran erinnern mich jetzt natürlich viele“, sagt Unger. Denn der Denkmalverein schlägt Ähnliches vor.

Von außen macht das Gebäude nicht viel her

Außerhalb Ehningens mag der Streit über einen Keller wie eine Posse wirken. Allerdings ist dieser Gewölbekeller fraglos eine Besonderheit. Er ist wohl Ende des 18. Jahrhunderts erbaut, damit älter als das Haus, das heute auf ihm steht. Seinerzeit waren Keller Herrschaftshäusern in Städten vorbehalten, „in einem Zwetschgenflecken, wie es damals Ehningen war, gab es keine“, sagt Kohle. Unter dem Gewölbe wurde anfangs Bier gelagert, später Wein. Womöglich, gesichert ist es nicht, zechte hier einst schon der König von Württemberg nach einem seiner Jagdausflüge.

Das Haus in der Königstraße 27. Foto: factum/Bach

Von außen gibt die Fassade wenig Hinweise auf Schutzwürdigkeit. Im Erdgeschoss ist das einstige Mauerwerk aufgebrochen worden, um Schaufenster für einen Laden einzubauen. Die Front ist schwarz gekachelt, eine Seitenwand mit Eternit verschandelt. Noch immer erinnert eine Aufschrift an der Tür daran, dass hier Annita Hirner und Gabi Schmalz Mode verkauften. Auch dies ist Geschichte, jüngere. Selbst alt eingesessene Ehninger erinnern sich nicht mehr genau, vor wie vielen Jahren die beiden Damen ihren Modeladen zum letzten Mal abschlossen.

Der Bau war ein Postkartenmotiv

Die einstige Schönheit des historischen Gemäuers lässt sich nur beim Blick auf die Rückseite erahnen, an die sich eine windschiefe Scheuer lehnt. Hier hat noch niemand den Aufbruchmeißel angesetzt. Anfang des 19. Jahrhunderts ließ der Weinhändler Carl Meissner das für damalige Verhältnisse prächtige Haus über dem Gewölbekeller errichten.

Der Bau ward sogar zum Postkartenmotiv erhoben. Der Weinhändler ließ sich begehbare Heizkamine einbauen, die üblicherweise nur in Schlössern zu finden sind. Die Stuckdecken und die Wandvertäfelungen im ersten Stock sind laut dem Bau­historiker Tilmann Marstaller noch im Originalzustand erhalten.

All dies steht selbstverständlich auf der Liste der Erhaltungs-Argumente. Auf der anderen Liste stehen im Grunde nur zwei Gegenargumente. Erstens: Das Haus ist nicht denkmalgeschützt. Zweitens: Geld. „Ich bin gewiss nicht der Abbruchbürgermeister“, sagt Unger und zählt eine Reihe historischer Bauten auf, für deren Erhaltung die Gemeinde sich eingesetzt hat oder einsetzt. „Aber wir können nicht jedes ältere Haus erhalten.“ Zumal Ehningen derzeit knapp bei Kasse sei. Ein Baugutachter hat bescheinigt, dass das Gebälk baufällig und der Keller durchfeuchtet sei, was die ehrenamtlichen Denkmalschützer anzweifeln. „Das Thema spaltet den Ort ein bisschen“, sagt Unger. „Vielleicht gibt es noch einen Kompromiss“. Ende Juni will der Gemeinderat über den Keller entscheiden.

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