Seit Jahren im Dämmerzustand: Pläne, das Böblinger Künstlerviertel wiederzubeleben, ließen sich nicht verwirklichen. Foto: Stefanie Schlecht

Ein Großteil des Böblinger Künstlerviertels soll neu bebaut werden: Dort, wo in den 80er- und 90er-Jahren der Bär steppte, möchte die Inhaberin betreute Seniorenwohnungen errichten. Unter den Anwohnern regt sich Unmut.

Böblingen - Wenn man die Zeit doch zurückdrehen könnte. So 30 Jahre ungefähr, als in Böblingen zwischen Enger und Breiter Gasse der sprichwörtliche Bär steppte. In diesem kleinen, verschachtelten Straßenzug zwischen Plattenbühl und Gasthaus Kanne, das sich Künstlerviertel nennt, kamen die Nachtschwärmer sogar aus Stuttgart, Tübingen oder Reutlingen angefahren. Das Viertel war in seinen Hochzeiten aber dermaßen überlaufen, dass zwischen Parkplatz und dem ersehnten ersten Schluck im Zweifel hunderte Meter lagen – und hunderte Kneipengäste, die schon vorher da waren. Die Massen standen dicht gedrängt, in den Kneipen herrschte stickige Enge. Diese Zeiten sind lange vorbei. Dem Vernehmen nach sind die Tage des Böblinger Künstlerviertels endgültig gezählt.

 

Die Stadt Böblingen bestätigt auf Anfrage unserer Zeitung, dass beim Bauamt in dieser Sache eine Bauvoranfrage eingegangen sei. „Die untere Baurechtsbehörde tauscht sich mit der Bauherrschaft aus, die über alle Schritte informiert wird. Es gibt aktuell kein Ergebnis, da viele Fragen noch geklärt werden müssen“, sagt der städtische Pressesprecher Fabian Strauch. Grundsätzlich seien die Enge Gasse und Breite Gasse aber „sehr schützenswerte Straßenzüge, für die der Masterplan Schlossbergring einen engen Rahmen hinsichtlich der Bebaubarkeit setzt“, sagt Strauch. Dieser Rahmen müsse bei diesem Projekt eingehalten werden.

Witwe des ehemaligen Besitzers ist Bauherrin

Bauherrin ist Arlete Geiger, die Witwe von Josef Geiger, der das Viertel im Jahr 1979 von der Stadt Böblingen abkaufte. Dies geschah laut der Stadt damals zu marktüblichen Konditionen. Die Errichtung eines Szeneviertels sei keine vertraglich fixierte Auflage gewesen, sondern auf Initiative der Familie Geiger hin entstanden. Die Entwicklung sei jedoch seitens der Stadt im Zusammenhang mit der Altstadt-Sanierung unterstützt worden. In den Folgejahren brummte das „KüVi“, bis sich die Partymeute ab der Jahrtausendwende nach und nach woanders hin orientierte.

Als Josef Geiger im Jahr 2014 im Alter von 68 Jahren starb, war das Künstlerviertel nur noch ein Schatten seiner selbst: Immer mehr Kneipiers gaben auf und Lokale standen immer länger leer. Neue Pächter fanden sich zwar, hielten aber meist nicht lange durch. Heute ist in keiner Kneipe mehr Leben. Die Türen sind verrammelt, dahinter dämmern Vitrinen, Tresen und aufgestuhlte Barhocker vor sich hin. Als im April 2019 bekannt wurde, dass auch noch die Familie Buscaglia mit ihrem Lokal „La Toscana“ aus dem Kellerlokal in der Engen Gasse in die Poststraße/Ecke Marktstraße umzieht, ging im Künstlerviertel endgültig das Licht aus. Der eigentliche Todesstoß aber war die Corona-Pandemie.

Ernsthafte Versuche der Wiederbelebung

Erst auf Nachfrage unserer Zeitung war von Arlete Geiger zu erfahren, wie es zur Entscheidung kam, das Viertel abzureißen und neu zu bebauen. Sie bedauert diesen Schritt außerordentlich, sagt sie. „Wir hätten es gerne gesehen, wenn das Areal weiterhin gastronomisch genutzt worden wäre aufgrund seiner Geschichte. Viele Böblinger verbinden viel damit, da hängen Emotionen dran.“ Es ist ihr wichtig zu betonen, dass das Künstlerviertel das Werk ihres verstorbenen Mannes Josef gewesen sei, der es in den 80er-Jahren aufgebaut und zu einem überregional bekannten Partyviertel gemacht hat. Und es gab durchaus ernsthafte Bemühungen, das Viertel ganz in seinem Sinne wieder aufleben zu lassen.

Arlete Geigers Plan war zunächst, das Künstlerviertel komplett an einen Generalmieter zu verpachten, um es gastronomisch wiederzubeleben. Dafür war sie unter anderem mit großen und mittelständischen Brauereien im Gespräch. Doch der letzte Interessent habe sich nach über zwei Jahren Bedenkzeit zurückgezogen – auch weil die Corona-Pandemie die Branche enorm belastet habe. Ein „Weiter so“ mit vielen Einzelpächtern war wirtschaftlich aber nicht mehr tragbar. „Die Pächter kamen immer wieder in Mietrückstände, es gab häufigen Wechsel. Wir haben dies fünf Jahre lang versucht, doch es hat uns eher zurückgeworfen. Jetzt müssen wir einen Schlussstrich ziehen“, sagt die 56-Jährige. „Wenn eine schöne Geschichte nicht mehr weitergeht, dann ist es Zeit für eine neue schöne Geschichte für die Menschen in Böblingen.“

Voranfrage für betreutes Seniorenwohnen

Die Pläne, was dort einmal entstehen soll, befinden sich im Stadium der Bauvoranfrage. Geiger: „Wir wollen ein bauliches Konzept verfolgen, das in Böblingen nachgefragt und gebraucht wird. So entstand die Idee für ein fünfgeschossiges Haus mit betreuten Seniorenwohnungen.“ Das Gebäude soll sich in die umliegende Bebauung einfügen. Eine Tiefgarage ist nicht geplant, die Autos der Bewohner sollen in einer ebenerdigen Garage unter den Wohnungen parken. Offenbar sei nicht für jede Wohnung ein eigener Stellplatz vorgesehen. Das allerdings stößt manch einem Anwohner sauer auf.

Einer von ihnen äußert sich gegenüber der Presse, will seinen Namen aber lieber nicht in der Zeitung lesen. Die geplante Bebauung hält er für ein „Unding“, die Parkplatzsituation im Viertel werde sich deutlich verschlechtern, befürchtet er. Bewohner und deren Besucher würden die wenigen vorhandenen Parkplätze zuparken. Diese Bedenken teilt die Bauherrin nicht. Da es sich um ein betreutes Seniorenwohnen handelt, benötige nicht jede Wohnung einen eigenen Stellplatz im Haus. „Die Bewohner können von der zentralen Lage profitieren. Vieles ist fußläufig erreichbar: Die Innenstadt, die Seen und Parkanlagen“, sagt Arlete Geiger.

Gemeinderat hat das letzte Wort

Das Erdgeschoss soll weiterhin gewerblich genutzt werden: „Hier wäre etwa ein Tagescafé oder eine Bücherei denkbar, so könnte ein Rest an gastronomischem Angebot erhalten bleiben“, sagt Geiger. Die Pläne dafür seien aber noch nicht ausgereift, wie ohnehin das gesamte Vorhaben noch in einem frühen Stadium ist. Nach der Bearbeitung der Anfrage durch die Stadt hat der Böblinger Gemeinderat über das Projekt zu beraten, die Räte haben das letzte Wort. Voraussichtlich im Februar des kommenden Jahres soll das Künstlerviertel auf der Tagesordnung stehen.

Böblinger Ausgehszene mit Höhen und Tiefen

Künstlerviertel
 Das Areal an der Breiten Gasse mit Orfeum, La Femme oder Belle Epoque war in den 1980er- und 1990er Jahren ein Szene-Treffpunkt Böblingens.

Busbahnhof
 Aber auch an anderen Orten hatte die Stadt phasenweise viel zu bieten. Beliebte Disko-Kneipe war einst das „Krokodil“ am Busbahnhof, direkt um die Ecke wurd im ehemaligen Schönbuchsaal wild gefeiert: ob zum Beispiel im „12 Inch“ in den 1980er-Jahren oder im „Temple“, „Red Cage“ und „B30“ danach. 2012 erfolgte der Abriss.

Diskotheken
Der Rocker-Schuppen Seestudio am Unteren See gehörte zu den ältesten Diskotheken Baden-Württembergs, inzwischen als „Seaside Club“ wiederbelebt. Nicht zu vergessen die „Pille“ im Einkaufszentrum, wo man seit Jahrzehnten abfeiern kann.

Erinnerungen
Wer möchte seine Erinnerungen an das Künstlerviertel oder andere Ausgehorte teilen? Wir freuen uns über Anekdoten unter redaktion@krzbb.de per Mail (Betreff „KüVi“).