Ricardo Goruppi war ein Jahr lang im Leonberger Arbeitslager. Foto: privat

Bis vor 80 Jahren gab es in Leonberg ein KZ-Außenlager. Einen der früheren Häftlinge hat die Zeit nie mehr richtig losgelassen.

Vierzigtausendeinhundertachtundvierzig, das war die Nummer von Ricardo Goruppi während seiner Zeit im Leonberger KZ-Außenlager. Als er befreit wurde, konnte er sich nur noch an seine Nummer erinnern, seinen Namen hatte er vergessen.

 

80 Jahre später wandert sein Sohn Roberto Goruppi wie jedes Jahr am 27. Januar, dem Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus, auf den Spuren seines Vaters in Triest, im Nordosten Italiens. „Wir gehen jedes Jahr den leisen Marsch in Triest und gedenken der Deportation“, erzählt Roberto Goruppi auf italienisch.

In den 1940er-Jahren lebt die slowenische Familie Goruppi in Prosecco bei Triest im Norden Italiens, nur unweit der heutigen Grenze zu Slowenien. Edoardo ist Viehhändler, sein Sohn Ricardo arbeitet als Elektriker. „Prosecco war ein slowenischer Ort, gesprochen werden durfte jedoch nur italienisch“, schreibt Ricardo Goruppi in seiner Biografie. Als im September 1943 deutsche Truppen Italien besetzten, schließt sich Ricardo wie viele andere den Partisanen, antifaschistischen Widerstandskämpfern, an. Er ging in die Berge, wo sie trainierten und kämpften und arbeitete dort auf einer Baustelle.

Ricardo und Edoardo Goruppi. Foto: privat

Ende November erholt sich Ricardo gerade zu Hause in Prosecco, als Schwarzhemden das Dorf umstellen und die Häuser nach Partisanen durchsuchen. Auf ihrer Verhaftungsliste: Dinci Goruppi. Ricardo ist sich sicher, dass ihn Mädchen aus seinem Dorf verraten haben, denn die SS-Männer fragen ihn, ob er „Dinci“ sei. Sein Vater Edoardo will ihm mit einem Lederriemen zu Hilfe eilen, als ihn SS-Männer schlagen – und auch ihn verhaften. Die beiden kommen erst nach Coroneo ins Gefängnis, werden dort verhört, Edoardo wird auch gefoltert und dann nach Dachau gebracht.

Im Dezember 1944 kommen Vater und Sohn gemeinsam nach Leonberg

SS-Leute holten die Häftlinge vom Dachauer Bahnhof mit ihren Hunden ab und führten sie ins Lager, wie Ricardo in seiner Biografie schreibt. Dort müssen sie ihr Hab und Gut abgeben, sich ausziehen, sie werden rasiert. „Wie auch den Russen haben sie uns, weil sie uns als Italiener angesehen haben, eine Straße aus Haaren auf dem Kopf stehen lassen. Das sollte uns als Verräter markieren.“ Ricardo und Eduardo Goruppi bekommen ihre ersten KZ-Nummern. „Meine erste Nummer war 135423“, schreibt Ricardo, „eine Nummer, die man sich im Deutschen nicht leicht merken kann.“ Man teilte uns mit, dass wir ab jetzt nicht mehr als menschliche Wesen angesehen würden. „Sondern als Sachen, dass wir Scheiße wären.“

Schließlich werden die Häftlinge in Dachau gemustert und nach Berufen im Lager verteilt. Ende Dezember 1944 werden Ricardo und Edoardo von Dachau nach Leonberg gebracht. Sie arbeiteten dort an den Flügeln für Düsenflugzeuge. Ricardo und Edoardo arbeiten in der Gegenschicht, einer zwölf Stunden am Tag, der andere in der Nacht. Sie sehen sich höchstens zum Schichtwechsel.

Edoardo wird wegen der schlechten Bedingungen krank – und stirbt

Edoardo Goruppi hält in Leonberg einen Monat durch, dann wird er krank. Er sagt damals zu seinem Sohn Ricardo: „Einer von uns muss überleben.“ Edoardo geht es immer schlechter, er hat eine Lungenentzündung. Als die Lager bei kaltem Februarwetter desinfiziert werden und alle ihre Kleider ausziehen und sich stundenlang waschen müssen, ist das Edoardos Todesurteil.

Er kann einen Tag fehlen bei der Arbeit, dann kommt er ins Krankenlager. Als Ricardo Goruppi dort nach seiner nächsten Schicht vorbeischaut, sagen die Aufseher ihm, dass sein Vater gestorben sei. Er findet schließlich einen riesigen Graben voller Leichen, wie er schreibt – vermutlich auf dem Bloßenberg. „Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass ich meinen Vater in dem Durcheinander von Toten gesehen habe. Aber ich glaube, ich habe ihn erkannt.“

Später erkrankt auch Ricardo an Typhus, einer Infektionskrankheit mit starkem Durchfall. „Da hatte mein Vater alle Hoffnung verloren“, erzählt Roberto Goruppi. „Ich brach zusammen, hatte hohes Fieber und verlor immer wieder das Bewusstsein“, schreibt Ricardo.

Er kommt als Kranker schließlich mit dem Zug wieder nach Dachau, dann nach Mühldorf und weiter nach Kaufering und Schwabhausen. „Dort sollten sie in dem Militärzug quasi als menschliche Schutzschilde dienen, dass die Amerikaner nicht die Deutschen erwischen“, erklärt Roberto Goruppi. Stattdessen gibt es bald einen Luftangriff, unter den Häftlingen bricht Panik aus, alles geht durcheinander.

Ricardo rettet sich schließlich, indem er sich unter dem Zug versteckt. Später findet ihn ein Offizier der Alliierten und bringt ihn ins benachbarte Kloster St. Ottilien. Ricardo erinnert sich dort nicht mehr an seinen Namen, erzählt der Pater des Klosters ihm noch Jahre später. „Er hat nur immer wieder seine Nummer wiederholt“, sagt Roberto Goruppi. Ricardo überlebt – braucht aber eine ganze Weile, bis er wieder er selbst ist. „Zehn Jahre hat das gedauert, bis er auch im Kopf in Freiheit angekommen war“, sagt sein Sohn Roberto.

Roberto ist zehn Jahre alt, als er von der Familiengeschichte erfährt

„Ich erinnere mich an meinen Vater als einen sehr reflektierten Menschen“, erzählt Roberto Goruppi. „Alles, was er tat und worüber er sprach, war gut durchdacht.“ Er sei ein bescheidener Mensch gewesen, jederzeit bereit jemandem zu helfen und er habe es verstanden, mit jungen Menschen zu sprechen. „Ihm war es wichtig, die Erinnerung an die Deportation wach zu halten.“ So sprach er in Leonberg im Johannes-Kepler-Gymnasium oft vor Schulklassen, in der KZ-Gedenkstätte Dachau, in der italienischen Gedenkstätte in Risiera di San Saba. Sein Credo: „Erinnern ja, hassen nein. Denn aus Hass ist das entstanden, was ich erlebt habe.“

Ricardo Goruppi mit Schülerinnen und Schülern in Dachau. Foto: privat

Als Roberto gerade einmal zehn Jahre alt ist, hört er das erste Mal von seiner schlimmen Familiengeschichte. „Mein Papa hat das immer sehr kindgerecht und einfach erklärt“, erinnert er sich, „ohne brutale Details.“ Später nimmt Ricardo Goruppi seinen Sohn mit auf seine Reisen zu den Gedenkstätten nach Dachau und Leonberg. Anfangs bricht Ricardo immer irgendwann ab, kann nicht mehr weitersprechen.

„Als wir in Dachau das Lager, die Baracken, die Krematorien sahen, habe ich das erst ganz verstanden.“ Roberto schätzt die Reisen: „In Leonberg war das einfacher für mich, da hat mein Vater einfach erzählt. Ich hatte als Kind oft Angst, ihn mit meinen Nachfragen noch mehr zu verletzen.“

Edoardo Goruppi liegt inzwischen auf dem Alten Friedhof in Leonberg begraben. Sein Sohn Ricardo Goruppi stirbt schließlich mit 94 Jahren am 21. März 2021 in Triest. Bis zu seinem Tod kam er regelmäßig nach Leonberg, pflegte einen engen Austausch mit der KZ-Gedenkstätte. Seinen zweiten Geburtstag am 1. Mai feiert die Familie Goruppi noch immer.

Roberto Goruppi vor dem Grabstein seines Großvaters auf dem Alten Friedhof in Leonberg. Foto: Chiara Sterk

Am 27. Januar war wieder der leise Marsch. Dafür treffen sich die Mitglieder der Nationalen Vereinigung der ehemaligen Deportierten morgens am Kolosseum in Triest. Oftmals schließen sich andere Leute und Schulklassen an. Der Weg führt vorbei an der Piazza Oberdan, wo noch heute ein Teil des Hauses steht, in dem damals KZ-Häftlinge wie Ricardo und sein Vater verhört wurden. Es geht weiter über die Via Gaga, wo früher Leute aufgehängt wurden, die Attentate auf die Nazis verübten. Der Weg endet am Bahnhof – von dem aus die Goruppis damals aus Triest weggebracht wurden und wo ihre Leidensgeschichte in den Lagern begann.

Das Ende des Leonberger KZ jährt sich zum 80. Mal

KZ Außenlager Leonberg
Von April 1944 bis April 1945 waren im Leonberger Arbeitslager rund 5000 Häftlinge untergebracht. Die Häftlinge mussten im alten Engelbergtunnel für die Augsburger Firma Messerschmitt arbeiten. 389 Häftlinge starben in Leonberg, viele weitere kamen in Sterbelagern, anderen Lagern oder auf der Fahrt dorthin ums Leben

Serie
In mehreren Beiträgen wollen wir bis April – 80 Jahre nach dem Ende des Lagers – auf das dunkelste Kapitel der Leonberger Stadtgeschichte blicken. In weiteren Beiträgen kommen KZ-Häftlinge sowie ihre Hinterbliebenen zu Wort und erinnern sich an ihre Zeit in Leonberg.