Die Broschüre vor Mannfred Müller war nach zwei Wochen vergriffen Foto: Sägesser

Mannfred Müller hat zig Tunnel und Gleise für die SSB gebaut.

Riedenberg - Als hätte dieser Mann einen Wegweiser zur Stadtbahn nötig. Manfred Müller braucht dieses Schild am Laternenmast neben seiner Haustür in Riedenberg höchstens, um es Gästen zu zeigen. Was ihn angeht, so findet er den Weg zur Haltestelle Schemppstraße mutmaßlich im Schlaf. Das dürften auch die Kollegen von den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) gewusst haben; sie waren es, die Manfred Müller den Wegweiser geschenkt haben, als er sich vor neun Jahren in den Ruhestand verabschiedet hat.

Der heute 74-jährige Riedenberger war während seines Berufslebens für den Bau von Tunneln und Schienenstrecken der Straßenbahner verantwortlich. Nach seinem Studium an der Technischen Hochschule Stuttgart zunächst im Auftrag des Tiefbauamts. Und als die Zuständigkeiten an die SSB übergingen, hat der Ingenieur einfach gleich mitgewechselt. Deshalb lag es für die Verantwortlichen bei dem gelben Verkehrsunternehmen auf der Hand, Manfred Müller für dieses Projekt auszuwählen.

Dieses Projekt heißt „Zwischen St. Barbara und Barbar: 50 Jahre Stadtbahnbau in Stuttgart“ und ist eine 74-seitige Broschüre, die aus der Geschichte der Straßenbahnen erzählt. Wobei – nicht sie erzählt, sondern Manfred Müller. „Ich habe das im Februar spontan zugesagt“, berichtet er. Und fügt hinzu, dass er daraufhin ziemlich ins Rödeln geraten sei. Er hatte das Unterfangen schlichtweg unterschätzt. Weil Ende Mai schon der Abgabetermin war, hat Manfred Müller so manche Nacht an seinem Schreibtisch zugebracht.

Das, was während der Nachtschichten entstanden ist, ist eine Zusammenfassung seines Berufslebens. „Ja, das ist es geworden“, sagt Manfred Müller. „Das war so eigentlich gar nicht gedacht, aber andere sagen, es wäre so.“ Und die Broschüre kommt bei den Leuten ziemlich gut an. Die 1200 Exemplare waren bereits nach zwei Wochen vergriffen.

„Man braucht Fixpunkte, an die man sich halten kann“

So handelt das Heft beispielsweise davon, wie der Charlottenplatz entstanden ist, und dass Manfred Müller sich den Knotenpunkt anders vorgestellt hatte. Noch heute schimpft er, wie kompliziert die Haltestelle für Umsteigende ist. Die bessere Lösung hätte jedoch entsprechend mehr gekostet, „und man hatte Angst vor explodierenden Kosten“, sagt er. „Deshalb hat man es schlanker gemacht, schwäbischer.“ Der Charlottenplatz ist nur ein Kapitel von vielen. Der Ingenieur war bei ziemlich jedem SSB-Verkehrsprojekt der jüngeren Geschichte beteiligt. Er gilt als der Experte schlechthin. So rattert er die einzelnen Bauprojekte des zurückliegenden Jahrhunderts herunter, als wären es die Namen seiner Enkelkinder. Wer ihn fragt, ob sein Beruf ein Traumberuf war, bekommt sofort ein „Selbstverständlich“ zur Antwort.

Dennoch kam irgendwann der Moment, in dem es hieß, Adieu zu sagen. Manfred Müller, dem Ordnung über alles geht, hat sich schon früh vorgenommen, sich im Rentenalter nicht im Nichtstun zu verlieren. „Man braucht Fixpunkte, an die man sich halten kann“, sagt er. „Sonst verschlampert man.“ Schwer vorstellbar bei Manfred Müller, der auftritt, als würde er gleich einen Geschäftspartner treffen.

Zu seinen Fixpunkten gehören im Winter Geschichtsvorlesungen an der Hochschule, und im Sommer fährt er häufig mit seiner Frau zu seiner Almhütte im Allgäu. Dort hat Manfred Müller nämlich seine Wurzeln. Nachdem er in Stuttgart studiert hatte, „war ich schon eindeutig programmiert“, sagt er. „Im Allgäu war für mich keine Verwendung.“ Der Techniker kommt auch Jahre nach dem Renteneintritt bei ihm durch. Nicht nur in der Sprache.

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