Hat eine klare Meinung zum VfB: Ex-Sportvorstand Fredi Bobic. Foto: imago/Sven Simon

Vor dem Auswärtsspiel beim FC St. Pauli an diesem Samstag hat der VfB keine realistische Chance mehr, über die Liga einen internationalen Startplatz zu erreichen. Das beschäftigt auch Fredi Bobic – ebenso wie die allgemeine Lage.

Als die Champions League am Mittwochabend das große Spektakel bot, schaute die Bundesliga in die Röhre. Der FC Barcelona und Inter Mailand duellierten sich beim 3:3 im Halbfinal-Hinspiel in epischer Form, es gab irre Wendungen und spektakuläre Szenen – von jenen Teams, die Borussia Dortmund und den FC Bayern im Viertelfinale ausgeschaltet hatten. Weil Eintracht Frankfurt in der Europa League gegen Tottenham ebenso in der Runde der letzten Acht rausflog, ist die Bundesliga im Halbfinale der europäischen Wettbewerbe nicht vertreten.

 

Fast schon folgerichtig werden in diesen Tagen wieder gewisse Stimmen laut, die in solchen Fällen immer das gleiche Klagelied intonieren und die große Frage stellen: Ist die Bundesliga zu schwach für Europa – und wird sie gar abgehängt? Blödsinn! Meint zumindest Fredi Bobic.

Seit ein paar Wochen ist der ehemalige Sportvorstand des VfB Stuttgart und von Eintracht Frankfurt Fußballchef von Legia Warschau – und hat auch in der neuen Rolle die Entwicklungen der Clubs aus der deutschen Eliteklasse fest im Blick. „Im vergangenen Jahr war doch noch alles top, da stand Dortmund im Champions-League-Finale und die Bayern sind im Halbfinale unglücklich gegen Real raus“, sagt Bobic: „Das sind immer neue Entwicklungen in einer Europapokal-Saison – man kann nicht von einem Trend sprechen, wenn wie jetzt kein Bundesligist im Halbfinale vertreten ist.“

Oft gewinne, so Bobic weiter, auch nicht die beste Mannschaft Europas die Champions League, sondern jene, die in der heißen Phase am besten in Form sei oder die kleinsten Verletzungssorgen hat. Große Probleme hatte da etwa der FC Bayern rund um das Viertelfinale gegen Inter , am Ende entschieden die berühmten Kleinigkeiten. Ebenso wie bei der Eintracht gegen Tottenham. Oder, wie es Bobic sagt: „Du brauchst eben auch das Glück an deiner Seite.“

Das hatten die deutschen Teams nicht in dieser Saison auf dem internationalen Parkett – dennoch stellt sich in diesen Wochen vor dem Saisonfinale auch von einem anderen Blickwinkel aus betrachtet die Qualitätsfrage in der Bundesliga. Denn klammert man die Top-Drei FC Bayern, Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt aus und blickt auf die anderen Europapokal-Anwärter, kommt man um einen Begriff schwer umhin: Es steigt seit Monaten ein Schneckenrennen um Platz vier sowie die Ränge fünf und sechs, die zur Teilnahme an der Europa League und der Conference League berechtigen.

Der Tabellenvierte hat ein negatives Torverhältnis

So hat der aktuelle Tabellenvierte SC Freiburg drei Spieltage vor Schluss ein negatives Torverhältnis. Dahinter kämpfen in Borussia Dortmund und RB Leipzig noch zwei Teams um Rang vier, die für ihre Ansprüche eine teils fast schon desaströse Saison hingelegt haben – aber aufgrund der nicht vorhandenen Stärke etlicher anderer Teams noch immer die Chance auf die Königsklasse in der neuen Runde haben. „Das ist ganz klar ein Zeichen der Schwäche der Liga“, sagt Bobic und meint damit auch das „breite Mittelfeld“, das sich in der Tabelle auftue.

Ergo: Nur der FC Bayern, Bayer Leverkusen und mit Abstrichen die Eintracht legen in dieser Runde Konstanz an den Tag. Bei allen anderen gilt die Devise: Jeder kann jeden schlagen. Insbesondere Dortmund und Leipzig enttäuschen Bobic, der sagt: „Selbst wenn es einer noch in die Champions League schafft, bleibt es gemessen an den eigenen Ansprüchen eine enttäuschende Saison.“ So sei der BVB vor dem Amtsantritt von Trainer Niko Kovac in einer schlechten körperlichen Verfassung gewesen, sagt Bobic weiter: „Niko hat sie wieder in die Spur gebracht – und über Fleiß und Einsatz kommt jetzt die spielerische Leichtigkeit wieder zurück.“

Leicht und locker, so gingen in Phasen auch der Tabellensiebte FSV Mainz sowie die dahinter platzierten Teams von Werder Bremen, Borussia Mönchengladbach und des FC Augsburg durch die Saison. Für ihre Verhältnisse zumindest. „Diese Mannschaften haben überperformed“, sagt Bobic. Allerdings: Die Leistungen waren in der Gesamtschau auch nicht konstant genug, sodass diese Mannschaften aus dem oberen Mittelfeld Gefahr laufen, die – gemessen an den eigenen Zielen – starke Spielzeit nicht mit dem Europapokaleinzug zu krönen.

Bleibt aus dem breiten Kreis der Europapokalanwärter der Vizemeister anno 2024. Der VfB Stuttgart hat nach enttäuschender Rückrunde als Tabellenelfter kaum noch eine Chance auf den Einzug ins internationale Geschäft – kann aber durch den Gewinn des DFB-Pokals in die Gruppenphase der Europa League einziehen. „Dass der VfB in dieser Saison nicht wieder in die Königsklasse einziehen wird, war mir vorher klar, es ist normal, dass man auch mal kleinere Schritte gehen muss“, sagt der ehemalige Stuttgarter Stürmer und Sportvorstand Bobic: „Ich hätte sie allerdings schon auf einem Europapokalplatz erwartet.“ Er sei sich aber sicher, so Bobic weiter, dass der VfB am 24. Mai gegen Arminia Bielefeld den Pokal hole: „So retten sie ihre Saison – aufgrund dieser Aussicht muss man jetzt in den letzten drei Ligaspielen unbedingt die Spannung hochhalten.“

Auf Sicht wiederum, das betont Bobic zum Schluss, habe der VfB allgemein ein herausragendes Potenzial: „Mit einem Trainer, der herausragende Arbeit leistet.“