Hans-Werner Carlhoff (links) mit Hostessen bei der Abholung der Ehrengäste auf dem Münchner Flughafen. Foto: privat

Der Birkacher Hans-Werner Carlhoff war bei den terrorüberschatteten Olympischen Spielen 1972 im Präsidialbüro von Willi Daume tätig. Er hat sich um ehemalige Olympiasieger gekümmert, eine spätere Königin kennengelernt und noch einiges mehr erlebt.

Filder - Auf die Frage nach seinem eindrücklichsten Erlebnis bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München muss Hans-Werner Carlhoff nicht eine Sekunde überlegen. Es war der Satz des damaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage, der nach dem blutigen Attentat und der Trauerfeier verkündet hatte: „The games must go on!“ Es sei die einzig richtige Entscheidung gewesen, denn sonst hätte man den Triumph den palästinensischen Terroristen überlassen, sagt Carlhoff. Diese hatten in den frühen Morgenstunden des 5. September neun israelische Sportler im Olympischen Dorf in ihre Gewalt gebracht. Die Befreiungsaktion am Abend scheiterte desaströs. Insgesamt starben 17 Menschen, darunter fünf der acht Terroristen.

Carlhoff selbst war an diesem 5. September nicht in München, sondern auf Ausflug am Königssee: Die Lauflegende Emil Zatopek, der Marathon-Altmeister Kee-Chung Sohn, der Kanute Gert Fred­ricksson sowie die Rekordturnerin Vera Caslavska (alle zusammen 18-mal olympisches Gold) befanden sich in seiner Entourage. „Es hatte zwar schon am Morgen Gerüchte über das Attentat gegeben, aber wir sind trotzdem losgefahren“, sagt Carlhoff. Der damals 24-jährige Student hatte schon von 1971 an im Organisationskomitee (OK) der Spiele mitgewirkt. Seine Aufgabe hatte zunächst darin bestanden, alle damals noch lebenden deutschen Olympia-Goldmedaillengewinner – 144 an der Zahl, ohne DDR-Sportler – nach München einzuladen, deren Unterbringung zu klären sowie ein Kulturprogramm auf die Beine zu stellen. „Das war anspruchsvoll und zeitintensiv. Damals gab es noch kein Internet, und alle Schreiben wurden mit der Post verschickt“, sagt der heute 73-Jährige.

Der Stundenlohn: 5,93 D-Mark

Als Carlhoff schließlich im Dezember 1971 vor einem größeren Gremium die „Aktion Wiedersehen“ mitsamt dem von ihm entwickelten Programm vorstellte, war der OK-Präsident Willi Daume so begeistert, dass er einen Zusatzauftrag erteilte. Jener lautete: Entsprechendes für 15 weltbekannte Sportler zu erstellen, die ebenfalls schon bei Olympischen Spielen aufgetrumpft hatten. Zugleich ordnete Daume an, dass Carlhoff künftig direkt für das Präsidialbüro, das damals in der Saarstraße untergebracht war, arbeiten sollte – für 5,93 Mark Stundenlohn. Man war sich schnell einig.

„Ich war Student und konnte das Geld sehr gut brauchen“, sagt Carlhoff, der sich letztlich über die Zusage von elf internationalen Ehrengästen freuen durfte. Zatopek, Caslavska und Co. Noch heute hat Carlhoff seinen Spezialausweis mit dem eingeschweißtem Foto, der ihm den Zutritt zu allen Ehrengastbereichen in den Stadien sowie in das Olympische Dorf ermöglichte. So hatte er auch bei der Eröffnungs- und Schlussfeier einen besonderen Tribünenplatz sicher.

Die Begegnung mit Hostess Silvia, der späteren Königin

Im Vorzimmer von Willi Daume saß von Mai 1972 an auch eine gewisse Silvia Sommerlath. Eines Tages fehlte die Heidelbergerin bei einer morgendlichen Besprechung. Der Grund: sie betreute den späteren schwedischen König Carl Gustaf XVI. als Hostess. „Silvia hat ihn zum Münchner Fernsehturm begleitet, wo er Lust auf ein Würstchen bekam, aber kein Kleingeld dabei hatte. Sie lieh ihm fünf Mark – und war danach nie mehr bei den Besprechungen zu sehen“, erzählt Carlhoff schmunzelnd. Der Ausgang der Geschichte dürfte jedem bekannt sein: Aus der damaligen Hostess wurde die schwedische Königin.

Da er selbst mit seinen Gästen wegen der vielen Ausflüge und Empfänge stark eingespannt war, hatte Carlhoff nur wenig Zeit, Sportwettkämpfe anzusehen. „Ich erinnere mich noch an das Fußballspiel im Olympiastadion zwischen den USA und Malaysia. Es war mein erstes Fußballspiel – und es war furchtbar langweilig“, sagt er.

Toll seien hingegen die Hubschrauberflüge zum Eiskanal nach Augsburg gewesen, wo die Kajak-Wettbewerbe stattfanden. Oder der Trip nach Kiel, dem Ort der Segelkonkurrenzen. Und im Gedächtnis ist Carlhoff auch geblieben, wie er einen VW-Bus beschaffen musste, damit der äthiopische Marathonläufer Abebe Bikila (Gold 1960 und 1964) transportiert werden konnte. Bikila war seit einem Autounfall 1969 querschnittsgelähmt. „Wir haben die hinteren Sitze ausgebaut und den Rollstuhl mit Gurten festgebunden“, erzählt Carlhoff.

Mit „Blacky“ im Cabrio

Unvergessen sind für den heutigen Birkacher die Fahrten mit Joachim „Blacky“ Fuchsberger zum Olympiastadion. Der Schauspieler, der als Stadionsprecher fungierte, hatte ebenfalls im Präsidialbüro zu tun und hat Carlhoff öfter mitgenommen – in seinem weißen Mercedes-Cabrio mit roten Ledersitzen. „Ich habe schon tolle Sachen erlebt“, sagt Carlhoff. Seltsam mutete hingegen die Begegnung mit Leni Riefenstahl an. Die umstrittene Filmemacherin empörte sich bei Carlhoff, weil sie nicht in einen Ehrengastbereich durfte. „Bei mir hatte sie aber auch keinen Erfolg“, sagt er.

Als „schrecklich“ empfand Carlhoff einen politischen Zwischenfall, der sich im Prinzregententheater abspielte. Dort sei es zwischen tschechoslowakischen Geheimdienstagenten und der von ihnen „beschatteten“ Vera Caslavska zu einem Gerangel gekommen. Die ehemalige Turnerin hatte wegen ihrer Aktivitäten während des Prager Frühlings von vornherein als „politisch gefährdet“ gegolten.

„Unvergessliches Erlebnis“

Trotz dieses Vorfalls und trotz des Terroranschlags ist Carlhoff bis heute „eine gute Erinnerung“ an die Spiele geblieben. „Es war ein unvergessliches Erlebnis“, sagt er. Die vielen Anstecker, die er damals bekommen hat, die Plakate zu den Spielen oder die Olympia-Waldis, sprich Maskottchen, die er in allen Größen besaß, hat er inzwischen allerdings im überwiegenden Teil verschenkt – auch die Flasche, die ihm eine Delegation aus Nordkorea überreicht hatte. Der Inhalt: ein alkoholisches Getränk, in dem eine rund 30 Zentimeter lange Schlange eingelegt war.

Zur Person

Hans-Werner Carlhoff wurde am 19. November 1947 in Lübeck geboren. 1949 zog die Familie nach Reutlingen, 1960 nach Krefeld, wo Carlhoff auch das Abitur machte. Nach dem Wehrdienst bei der Bundeswehr (Fahnenjunker d. R.) studierte er von 1969 bis 1974 Politikwissenschaften und Geschichte in München, danach noch zwei Semester Pädagogik in Neuss am Rhein. Der diplomierte Politologe ist seit 1975 mit der ehemaligen Lehrerin Reingard Schicha verheiratet. Seit 1976 wohnt das Paar in Birkach.

Carlhoff ist Kunstliebhaber, hat bereits 20 Bücher geschrieben und ist Mitglied im Redaktionsteam „Birkacher Notizen“. Außerdem war er 14 Jahre lang Mitglied im Birkacher Bezirksbeirat und 17 Jahre Jugendschöffe beim Landgericht Stuttgart.

Beruflich war Carlhoff von 1974 bis 1993 in Stuttgart Landesgeschäftsführer der Aktion Jugendschutz Baden-Württemberg und von 1993 bis 2013 Ministerialreferent im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg. Unter anderem leitete er die interministerielle Arbeitsgruppe für Fragen sogenannter Sekten und Psychogruppen. Darüber hinaus gehörte er von 1999 bis 2014 dem Stuttgarter Regionalparlament an.

Für sein vielfältiges ehrenamtliches Wirken hat Hans-Werner Carlhoff 2015 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland erhalten. Noch heute ist er in vielen Gremien und Stiftungen in verantwortungsvollen Positionen aktiv. (sd)

München 1972: Vom Goldrausch bis zum Tag des Terrors

Googelt man München 1972 im Internet, ist der erste Eintrag: „Terror zerstört die heiteren Spiele.“ Und in der Tat wird es wohl für immer zuvorderst diese Tragödie abseits des Sports sein, mit der das Olympia-Spektakel auf deutschem Boden in Erinnerung bleibt. Der Überfall eines palästinensischen Terrorkommandos auf die israelische Mannschaft, die folgende Geiselnahme, die missratene Befreiungsaktion, am Ende insgesamt 17 Tote – das alles steht für das schwärzeste Kapitel in der Geschichte des Reichs der fünf Ringe (siehe auch Artikel oben). Und vor diesem Hintergrund fällt es schwer, noch frohgemut rein sportliche Daten aufzulisten.

Freilich: jene gab es auch. Bis zu jenem schicksalsreichen 5. September hatte München der Welt ein strahlendes Gesicht gezeigt und so manchen neuen Star produziert. So gelang dem US-Schwimmer Mark Spitz Einmaliges: sieben Starts, siebenmal Gold, siebenmal Weltrekord. Im Turnen verzauberte der russische „Floh“ Olga Korbut das Publikum. Und das bundesdeutsche Team steigerte sich nach eher zähem Beginn in einen zeitweiligen Goldrausch. Vor allem die Leichtathleten glänzten. Heide Rosendahl gewann in Weitsprung, Sprint und Fünfkampf allein drei Medaillen. Im Hochsprung siegte derweil sensationell die 16-jährige Ulrike Meyfarth.

Insgesamt nahmen 7170 Athleten aus 122 Nationen teil – ebenfalls Rekord. Zu einem Bild der Spiele wurde auch die Architektur der Sportstätten, für die die Macher zwei Milliarden Mark investiert hatten. Das Zeltdach des Münchner Geländes gilt bis heute als innovativ und charakteristisch. (frs)

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