Auf der Ludwigsburger Karlshöhe ist zur dauerhaften Erinnerung ein Kunstwerk In der Ludwigsburger Karlshöhe ist in Erinnerung an ihre Heimkinder ein Kunstwerk entstanden, das in der Kirche hängt. Foto: factum/Bach

Die ersten Betroffenen erhalten Geld für den erlittenen Missbrauch in den Einrichtungen der Korntaler Brüdergemeinde – zwischen 5000 und 20000 Euro. Die ehemaligen Heimkinder stellt das nicht zufrieden. Sie wollen ein dauerhaftes Zeichen. Franziska Kleiner

Korntal-Münchingen - Sie wurden vergewaltigt und mit Essensentzug gezüchtigt. Den Kindern und Jugendlichen wurden in den Einrichtungen der evangelischen Brüdergemeinde seelische und körperliche Gewalt angetan. Für ihr zwischen 1950 und 1970 erlittene Leid erhalten sie nun Geld. dieser Tage erhalten die Opfer entsprechende Schreiben von der Brüdergemeinde. Was im Detail geschah, hat der Wissenschaftler Benno Hafeneger untersucht. Er legt seine Ergebnisse Anfang Juni vor.

Die Juristin Brigitte Baums-Stammberger hat nach eigenen Angaben bisher 112 Interviews mit den Betroffenen geführt. Die Gespräche sind die Basis für die Zahlungen. Nicht alle hätten per Antrag auf eine finanzielle Anerkennung des erlittenen Leids ersucht. Wo aber Anträge gestellt wurden, seien jene „wohlwollend von der Vergabekommission beraten und beschieden worden“. Weitere Interviews seien geplant. Opfer können sich laut der Juristin noch bis Sommer 2020 melden. Die Brüdergemeinde zahlt Beträge zwischen 5000 Euro und 20000 Euro. Darüber entschieden hat eine Kommission, deren Mitglieder der Öffentlichkeit nicht bekannt sind.

Verhaltene Reaktionen

Die Vertreter der Opfergruppen reagieren durchweg verhalten auf die ersten Bescheide. „Es war klar, dass nicht jeder glücklich sein wird und zufrieden“, sagt etwa Wolfgang Schulz. Die von der Gemeindeleitung unterzeichneten Schreiben gingen erst vor wenigen Tagen raus, deshalb könne er sich abschließend „noch kein Urteil erlauben“. Eine Person sei „enttäuscht, eine zweite ist es ein bisschen und für eine dritte ist es okay“. Schulz hat die untereinander zerstrittenen Opfer seit jeher zur Mäßigung ermahnt, um den Gesamtprozess nicht zu torpedieren. Doch auch sehr sagt: „Die Brüdergemeinde hat einen sehr schwierigen Weg vor sich“.

Das Wesentliche sei doch, dass die Gemeinde es in Worten ehrlich meine mit der Anerkennung des Leids. Wie diese Anerkennung zum Ausdruck gebracht werden soll, ob in einer Veranstaltung, mit einer Erklärung oder Entschuldigung lässt er offen. Zugleich habe die Gemeinde aber alles Wesentliche angesprochen, sodass dies der Beginn für einen Abschluss sein könnte.

Brief an die Opfer

In dem Brief wird den Opfern gedankt für den Mut, den sie aufgebracht hätten, um ihr Leid zu beschreiben. „Sie haben dadurch Schuld unter uns aufgedeckt. Es tut uns sehr leid, dass sie zum Opfer von Gewalt und Missbrauch geworden sind und Ihnen Schaden zugefügt wurde, wo wir Sie hätten schützen sollen.“

Das ehemalige Heimkind Angelika Bandle weiß wie Schulz eine Gruppe von Betroffenen hinter sich. Auch sie spricht von Unzufriedenheit bei den rund 15 Opfern. Diese werfen der Vergabekommission mangelnde Objektivität vor. Bandle bewertet das nicht. Sie begründet dies aber mit der Intransparenz der Entscheidungskriterien. „Dieser Kritik muss sich die Vergabekommission aussetzen.“ Die Kriterien wurden ebenso wie schon die Identitäten der Mitglieder der Kommission unter dem Vorsitz der Juristin Brigitte Baums-Stammberger nicht publik gemacht.

Detlev Zander hatte die Vorfälle in den Einrichtungen der Brüdergemeinde vor vier Jahren publik gemacht. „Jetzt haben wir nur aufgeklärt. Die Menschen sind befriedet. Jetzt muss es weitergehen“, sagt er mit Blick auf eine noch ausstehende Erinnerungskultur. „Ich möchte, dass sich die Brüdergemeinde öffentlich entschuldigt.“

Der Sprecher der Brüdergemeinde, Gerd Sander, weiß, dass es mit der Bezahlung nicht getan ist. „Die gemeindebezogene Aufarbeitung hat schon begonnen.“ Zuletzt haben Baums-Stammberger und Hafeneger gemeindeintern über ihre Arbeitsweise berichtet. Über den Inhalt ihrer Dokumentation sollen sie geschwiegen haben.

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