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Öko ist umweltschonender und teurer, aber auch besser als herkömmliches Essen?

Stuttgart - Bio-Lebensmittel stehen bei Deutschlands Verbrauchern hoch im Kurs - noch. Denn in Zeiten von Ehec kommen Zweifel am Mehrwert von ökologischem Anbau auf. Hier die wichtigsten Fakten.

Warum sollen Bio-Lebensmittel plötzlich gefährlich sein?

Gefährliche Ehec-Keime auf Sprossen eines Biohofs in Bienenbüttel verunsichern Betriebe und Verbände. Der Berliner Wissenschaftsjournalist Hartmut Wewetzer stellte in der Zeitung "Tagesspiegel" die These auf: "Bio-Lebensmittel sind nicht nachweislich gesünder als herkömmlich erzeugte und manchmal sogar gefährlicher." Das habe zwei Gründe: Statt Kunstdünger würden Bio-Bauern Gülle, Mist und Kompost einsetzen, die Krankheitserreger wie den Ehec-Keim enthalten könnten. Zum anderen habe der Hang zu rohen, naturnahen und unbehandelten Lebensmitteln seine Tücken.

Macht Gülle-Düngung Bio-Produkte zu Ehec-Schleudern?

"Aus den zurückliegenden Ehec-Fällen der letzten Jahre wissen wir, dass Bio-Produkte nicht mehr oder weniger gefährlich sind als konventionelle", erklärt Peter Röhrig, Stellvertretender Geschäftsführer des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), dem Dachverband der deutschen Bio-Branche. In Deutschland würde der größte Teil der anfallenden Gülle auf konventionell bewirtschaftete Flächen ausgebracht. Für den Gemüseanbau sei Gülle als Dünger ungeeignet. Weder konventionelle noch ökologische Betriebe würden Gülle auf Gemüsepflanzen ausbringen, auch weil dies den Pflanzen direkt schade.

Sind Bio-Produkte ernährungsphysiologisch wertvoller als herkömmliche Lebensmittel?

Die Stiftung Warentest hat in zwei großen Lebensmitteltests 2007 und 2010 Bio-Lebensmittel genauer unter die Lupe genommen. Fazit des Bio-Checks: Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass ökologisch angebaute Ware gesünder, besser ist. Bei der Gesamtqualität (Pestizidbelastung, Keime, Geruch, Geschmack) liegen konventionelle und Bio-Produkte insgesamt gleichauf. Mit einer Ausnahme: Bei den Rückstandstests auf Pflanzenschutzmittel sind Bio-Obst und -Gemüse vorbildlich. Was nicht verwundert, schließlich müssen Bio-Bauern laut EU-Verordnungen komplett auf Gentechnik, synthetische Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger verzichten.

Lebt man mit Bio gesünder und länger?

Auch hierzu gibt es keine Studien, die dies ausdrücklich belegen. Aus gutem Grund: Man müsste man Probanden ein Leben lang beobachten und streng auf Bio-Diät setzen. Nach Angaben des Helmholtz-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit bieten Bio-Lebensmittel eine "gewisse Sicherheit vor Belastungen", aber eine "generelle gesundheitsfördernde Wirkung" sei bisher nicht nachgewiesen worden.

Kunden wollen Bio

Zu welchem Urteil kommen Wissenschafter?

"Die Aussage, Bio ist gefährlich, ist schlicht Unfug", betont die Agrarwissenschaftlerin Sabine Zikeli von der Universität Hohenheim. "Das gilt natürlich genauso für den konventionellen Anbau." Wer sein Leben lang Bio-Möhren isst, lebt also nicht automatisch länger und fühlt sich gesünder. "Bio-Lebensmittel sind auf keinen Fall besser oder schlechter. Wenn herkömmliche Produkte ökologisch einwandfrei angebaut werden, dürfte man auch bei ihnen keine Pestizidrückstände mehr finden."

Schmecken Bio-Lebensmittel besser?

Die Bio-Branche wirbt damit, dass ihre Produkte weder mit der chemischen Keule behandelt noch mit Kunstdünger gepuscht werden. Alles Natur pur. Das müsste sich auch auf die Sensorik niederschlagen. Nach Aussage Zikelis gibt es für die Geschmacksfrage wissenschaftliche Belege. Ökologisch angebaute Pflanzen müssten sich "mehr anstrengen, um an ihre Nährstoffe zu kommen. Sie haben wie Tomaten und Gurken mehr Fettsubstanz und häufig einen höheren Mineralstoffgehalt." Mehr Masse = weniger Wasser: Und das bedeutet mehr Geschmack. Allerdings sind die geschmacklichen Unterschiede bei Bio-Produkten genauso groß wie bei herkömmlichen. Beim Bio-Check von Stiftung Warentest fiel 2010 beispielsweise Rapsöl durch. Gleich sieben Bio-Rapsöle rochen "holzig-strohig, stichig-modrig oder ranzig. Kurzum, sie waren ,mangelhaft"'.

Warum kaufen so viele Verbraucher Bio-Produkte, obwohl sie deutlich teurer sind?

Bio ist in den vergangenen zehn Jahren aus der Nische der Naturkostläden in die Supermärkte und Discounter gewandert - auch wenn der Anteil der Branche im Lebensmittelhandel mit 3,4 Prozent immer noch gering ist. Dafür kaufen laut BÖLW 94 Prozent der Bundesbürger mindestens ein Mal im Jahr ein Produkt mit Öko-Siegel. Bio ist sprichwörtlich in aller Munde. Neben Frische und Geschmack stehen für die Konsumenten vor allem Produktsicherheit und Gesundheit im Vordergrund. Der Verzicht auf Antibiotika in der Tiermast, Hormone, Kunstdünger und Pestizide sind laut Helmholtz-Zentrum die Hauptargumente, die aus Sicht der Konsumenten für teurere Bio-Produkte sprechen.

Welche Rolle spielen Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit beim Kauf?

Für den Journalisten Wewetzer sind die Stärken der Bio-Landwirtschaft zugleich ihre Schwächen. "Die Ehec-Epidemie zeigt, dass es die Natur ist, von der die eigentliche Gefahr in der Nahrung ausgeht, allem Bio-Kult und Öko-Kitsch zum Trotz." Die Umwelt dein Feind? "Bio ist besser als konventionell, schließlich schützen Kunstdünger und Pestizide nicht vor Keimen", entgegnet Röhrig. Der Verbraucher habe etwas von der Bioproduktion, weil die Artenvielfalt erhalten werde, das Grundwasser sauber bleibe und die Felder gepflegt würden. "Bio ist auch als Produkt besser." Wenn jemand Bio-Gemüse und Fair-Trade-Kaffee kauft, geht es ihm nicht nur um Geschmack und Gesundheit. Er will auch seinen Beitrag zu einer gerechteren Welt und intakteren Umwelt leisten. Zikeli beschreibt die Motivation der Bio-Anhänger so: "An unserem Konsum hängt mehr als das einzelne Produkt, das bei mir auf dem Teller liegt."

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