Die grüne Jugend feierte am Freitag vor dem Stuttgarter Standesamt die Entscheidung des Bundestages. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Noch ist nicht absehbar, wie sich die Einführung der Ehe für alle auf die Arbeit im Stuttgarter Standesamt auswirken wird. Die bisherige Möglichkeit einer eingetragenen Partnerschaft wurde jedenfalls nur von einer überschaubaren Zahl von Homosexuellen genutzt.

Stuttgart - Fritz Kuhn ist zufrieden: „Ich freue mich für alle, die nun auch die Ehe schließen können“, erklärt der Oberbürgermeister mit dem grünen Parteibuch. „Als OB einer liberalen, vielfältigen Stadt stehe ich an der Seite derer, die Anerkennung, Respekt und Gleichberechtigung für Menschen gleich welcher sexuellen Orientierung oder Identität fordern.“

Verena Rathgeb-Stein dagegen kann zum Thema „Ehe für alle“ zurzeit so gut wie nichts sagen. „Uns fehlen noch die gesetzlichen Grundlagen“, erklärt die Leiterin des Stuttgarter Standesamts. Die Frage werde sein: „Wie sehen die Ausführungsbestimmungen aus?“ Ob man auf dem Standesamt durch die Ehe für alle mehr Personal benötigen wird, kann sie nicht sagen. Auch zur künftigen Zahl der Eheschließungen homosexueller Paare kann die Leiterin des Standesamtes keine Prognose abgeben. Man werde die Menschen dann aber gerne trauen.

„Verpartnerungen“ haben stark zugenommen

Eine der interessanten Fragen wird sein, ob Schwule und Lesben sich mit der neuen Regelung häufiger das Ja-Wort geben. Bisher hat sich die Zahl der eingetragenen Partnerschaften in Stuttgart in Grenzen gehalten. Seit der Einführung der wenig romantisch als „Verpartnerung“ bezeichneten Verbindung im Jahr 2001 sind die Zahlen zwar kontinuierlich gestiegen. Aus 289 Personen, die damals in Stuttgart in einer eingetragenen Partnerschaft lebten, sind in all den Jahren bis Ende März 2017 insgesamt 1703 geworden. Das ist zwar ein enormer Zuwachs, insgesamt aber ein immer noch sehr überschaubarer Wert.

Das lässt sich sagen, auch wenn man nicht genau weiß, wie groß der Anteil von Homosexuellen in der Gesellschaft ist. Die Schätzungen reichen von einem bis zu zehn Prozent an der Bevölkerung. Jedenfalls sind von allen in Stuttgart lebenden Erwachsenen 46,3 Prozent verheiratet. Bei Homosexuellen lag dieser Wert laut Stadt bei den Verpartnerten bei nur 0,3 Prozent, aber gemessen an allen Volljährigen. Je nach Prozentanteil von Schwulen und Lesben an der Bevölkerung muss man diese Zahl nach oben korrigieren. Sehr hoch ist sie in jedem Fall nicht. Merklich zugenommen hat der Anteil der lesbischen Frauen unter den verpartnerten Homosexuellen, Ende März lag dieser bei 30 Prozent. Und der Vollständigkeit halber: 174 Personen mit einer aufgehobenen, also geschiedenen Partnerschaft leben in Stuttgart, sagt Attina Mäding vom Statistischen Amt.

Vorbehalten gegen „Ehe zweiter Klasse“

Dass die Zahl der amtlichen Lebenspartnerschaften unter Homosexuellen bisher nach wie vor nicht sehr hoch ist, dafür gibt man in der Community mehrere Gründe an. Zum einen habe es unter Schwulen und Lesben große Vorbehalte gegeben gegen die als „Ehe zweiter Klasse“ empfundene Verbindung. Und in jedem Fall, das wird auch bei einer Ehe für alle weiter so sein, sei damit ein Outing gegenüber der Familie, dem Umfeld und insbesondere dem Arbeitgeber verbunden. Angesichts bestehender Diskriminierungen wagten viele Homosexuelle diesen Schritt nicht.

Bei einer Umfrage dieser Zeitung hat sich die Mehrheit positiv zur Ehe für alle geäußert, diese Gruppe betrachtet die Entscheidung als wichtigen Schritt zur Gleichstellung Homosexueller. Aber es gab durchaus auch kritisch Stimmen. Diese Befragten wollten ihre Haltung aber nicht mit Namen und Foto öffentlich kundtun.

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