Edzard Reuter zeigte sich temperamentvoll und kritisch, aber durchaus hoffnungsvoll für die Zukunft Europas. Foto: Martin Bernklau

Der frühere Daimler-Chef Edzard Reuter stellt im Gemeindesaal Himmelfahrtskirche seine Streitschrift für Europa vor. Der Lesung vorausgegangen war ein Grillfest.

Stuttgart-Birkach - Wann, wenn nicht jetzt, braucht Europa seine Freunde und Fürsprecher? Edzard Reuter, der Sohn des legendären Berliner Blockade-Bürgermeisters und frühere Daimler-Chef, ist zur Stelle für die fast schon verloren gegangene Vision von Freiheit, Frieden, Wohlstand und Recht für die Länder und Menschen dieses so lange von Zank, Morden und Krieg zerrissenen Kontinents. Am vergangenen Donnerstag las er beim Bürgerverein Schönberg im Saal der Himmelfahrtskirche aus seiner Streitschrift wider die „Egorepublik Deutschland“ und die „Totengräber Europas“. Reuter wurde 1928 in Berlin geboren, wuchs als Emigrantenkind aber in der Türkei auf.

Diva statt Blumen

Der Lesung vorausgegangen war ein Grillfest – und der vorgezogene Dank. Statt Blumen wollten die Gastgeber den kunstsinnigen und weltläufigen Ex-Manager mit dem Auftritt einer Diva im Ruhestand überraschen. Der einstige Opern-Weltstar Sylvia Geszty – äußerlich wie stimmlich in blendender Verfassung – sang Lieder, begleitet von Robert Bärwald am Klavier. Nahtlos gingen gelesene Passagen über in freie Erläuterungen und diese wieder in Antworten auf Fragen der Gastgeberin Helma Hardenberg. In der Vorsitzenden des Bürgervereins fand Edzard Reuter ebenfalls eine vehemente Europa-Befürworterin.

Diva statt Blumen

Statt des Ziels und der Idee Europa gebe es mittlerweile nur noch „endloses Gefeilsche um nationale Interessen“, schimpfte der Referent. Statt Nachhaltigkeit und dem „Prinzip Verantwortung“, wie es der Philosoph Hans Jonas nannte, herrsche Schnelllebigkeit und das Diktat des Börsenwerts. Man solle sich nach den Worten von Reuter in Deutschland nicht einbilden, als „ein Zwerg unter Riesen und kommenden Riesen die Herausforderungen der Zukunft alleine schultern zu können“.

„Wo ist die Begeisterung geblieben“, fragte Reuter rhetorisch, die Begeisterung über Freiheit, Frieden, Wohlstand und offene Grenzen in der „sogenannten Eurokrise“? Wo ist der Stolz auf die gemeinsame Geistesgeschichte mit Kants Aufklärung, den Idealen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaat? Edzart ist Reuter ist seit Jahrzehnten SPD-Mitglied. Er ließ viel Sympathie erkennen mit dem „Empört Euch!“-Aufruf eines Stéphane Hessel, mit den protestierenden Jugendlichen von der Madrider Puerta del Sol und der Occupy-Bewegung an den Bankenplätzen in New York und Frankfurt.

Ein geistiges Europa der Vielfalt

Für Deutschland gelte es, „Solidarität des Starken mit den Schwachen“ zu zeigen, „Toleranz statt Arroganz“ zu üben, und tatsächlich Opfer zu bringen, „Mitgefühl mit den Menschen in Griechenland“ zu haben. Die gegenseitige Demagogie – die Kanzlerin mit Hitler-Bärtchen, die Kampagnen über angeblich faule Griechen – zeige, „auf welche dünnem Eis der Frieden immer noch steht“. In diesem Punkt war sich Reuter mit der Gastgeberin Helma Hardenberg einig,

Ein geistiges Europa der Vielfalt

Etwas Unmut kam im überfüllten Saal auf, als Reuter „charismatische Führung“ anmahnte und auf die großen Europäer von Adenauer, de Gasperi und Schumann bis hin zu Schmidt, Giscard, Kohl oder Jacques Delors verwies, aber dann kühl meinte: „Angela Merkel zählt leider nicht dazu.“ Es ging noch um Außenpolitik, um Asyl für den Geheimdienst-Enthüller Edward Snowden, um Korrekturen und das „beharrliche Bohren dicker Bretter“ für ein vereinheitlichtes Steuerrecht oder europäische Sozialstandards.

In der Diskussion bekannte Reuter, dass er Europa nicht definieren könne, weder geografisch noch ethnisch, auch unentschieden sei bei der Frage eines türkischen EU-Beitritts. Aber ein geistiges Europa der Vielfalt, der lebendigen Gegensätze, von Austausch und Diskussion in Solidarität, das sei doch ein Wert und ein Ideal der europäischen Kultur, die den anderen Kulturen etwa Chinas oder Amerikas „in allem Respekt“ selbstbewusst entgegen treten könne.

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