Die Beschäftigten bei der K&U Bäckerei sehen unruhigen Zeiten entgegen. Foto: K&U

Alarmstimmung bei der K&U Bäckerei, einem Tochterunternehmen der Edeka Südwest: Die Verkaufsstellen des großen Backwarenfilialisten werden abgegeben oder geschlossen. Die Gewerkschaft will gegen Tarifflucht und Personalabbau protestieren.

Reutlingen - Die K&U Bäckerei blickt auf eine stolze Tradition zurück. Zusammengewachsen aus fünf Familienbetrieben hat sie 2019 ihr hundertjähriges Bestehen gefeiert. Ein stattliches Wachstum war damit verbunden – etwa 500 Bäckereifilialen sind im Südwesten entstanden – zu einem der größten Backwarenfilialisten der Republik. Mittlerweile beschäftigt die hundertprozentige Tochter der Edeka Südwest etwa 3500 Menschen. Hinzu kommen vier ebenfalls zu Edeka gehörenden Bäckerbub-Produktionsstätten – unter anderem in Reutlingen, Mannheim und Neuenburg am Rhein – mit rund 600 Beschäftigten.

 

Doch das Jahrhundertwerk ist bedroht, denn der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zufolge, die sich auf Informationen des Betriebsrats beruft, soll das Unternehmen bis Ende 2023 zerschlagen werden. Ebenfalls aufgelöst werden solle die K&U-Tochter Bäckerhaus Ecker im Saarland mit 450 Beschäftigten.

Proteste an vier Standorten geplant

Der NGG-Landesvorsitzende Uwe Hildebrandt warnt: „Edeka Südwest ist drauf und dran, K&U zu zerlegen.“ Die Filialen sollen den Edeka-Händlern zur Übernahme angeboten oder geschlossen werden. Dies sei das „Gegenteil von sozialer und unternehmerischer Verantwortung“. Hildebrandt fordert Edeka Südwest auf, von ihren Plänen Abstand zu nehmen. „Es ist ein wirtschaftlicher Irrweg“, betont er. Als Reaktion werden für diesen Sonntag Proteste angekündigt – auch in Reutlingen. Dabei sollen die Beschäftigten unter Wahrung der Abstandsregeln eine Menschenkette um die jeweiligen Standorte bilden.

Ein Sprecher des Unternehmens erläutert, dass die Verkaufsstellen von K&U künftig sowohl von selbstständigen Kaufleuten des Edeka-Südwest-Verbunds als auch in Eigenregie betrieben werden und unter dem Namen „Markt-Bäckerei“ auftreten sollen – nicht mehr unter dem traditionsreichen Namen K&U.

Somit können diese Kaufleute angeschlossene Verkaufsstellen, aber auch Filialen übernehmen, die zum Beispiel in Innenstädten oder an Bahnhöfen betrieben werden. „Bei einzelnen Filialen sind wir auch mit Dritten im Gespräch.“ Die Umstellung erfolge nach und nach. Die Kaufleute betreiben die Bäckereien dann „als Abteilung im Rahmen ihres Einzelhandelsangebots und stellen das Sortiment an Backwaren eigenständig zusammen“, sagt der K&U-Sprecher. Das Angebot könne so stärker an den Kundenwünschen ausgerichtet werden. Mit der Übergabe von Verkaufsstellen komme Edeka Südwest dem genossenschaftlichen Auftrag nach. Die Verantwortung für das Personal gehe auf die Kaufleute über – die K&U-Beschäftigten würden Teil des Markt-Teams.

Die NGG will den Schritt teuer und unattraktiv machen

Für die Gewerkschaft ist dies ein klarer Fall von Tarifflucht. Sie fürchtet, dass die Veränderungen mit schlechteren Arbeitsbedingungen verbunden sein werden, weil viele Edeka-Einzelhändler weder tarifgebunden seien noch einen Betriebsrat hätten und damit die Konditionen drücken könnten, wie NGG-Tarifsekretär Alexander Münchow schildert. Auch stehe ein Personalabbau zur Disposition – es lägen bereits Aufhebungsverträge vor.

Münchow zufolge laufen schon Sozialplanverhandlungen. „Wir versuchen, den Schritt so teuer und unattraktiv wie nur möglich zu machen“, sagt er. Gleichzeitig befindet sich die Gewerkschaft mit K&U noch in Verhandlungen über einen neuen Haustarifvertrag. „Da gibt es für uns keinen Grund zur Zurückhaltung.“

Auch für die vier Produktionsbetriebe der Bäckerbub GmbH befürchtet die NGG Nachteile, wenn die Verknüpfung von Produktion und Verkauf im Unternehmen entfällt – wenngleich der K&U-Sprecher feststellt: „Für die Produktionsstätten ergeben sich hierdurch keine Änderungen.“ Die Entwicklung bei K&U ist auch vor dem Hintergrund des Konzentrationsprozesses im Bäckerhandwerk zu sehen, weil immer mehr Kleinbetriebe aus diversen Gründen wie Nachwuchsmangel aufgeben und ihr Geschäft an Filialisten abgeben.

„Vergleichsweise gut durch die Krise gekommen“

„Grundsätzlich sind die Handwerksbäcker vergleichsweise gut durch die Krise gekommen“, sagt Hauptgeschäftsführer Daniel Schneider vom Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks. „Vor allem die Bäckereien in wohnortnahen Standorten profitieren durch mehr Umsatz im Thekengeschäft.“ Ein Sorgenkind sind nur die Café-Betriebe, für die der Verband nach etwa 100 Tagen Lockdown mit hohen Umsatz- und Ertragsverlusten einen Stufenplan zur Öffnung verlangt.

Der Verband hat es zwar geschafft, dass die Betriebe in die Coronahilfen aufgenommen werden, doch müsse die Schwelle abgesenkt werden. Auch Firmen mit weniger als 30 Prozent Umsatzeinbruch sollten die Überbrückungshilfe III beantragen dürfen. Ein Umsatzverlust von 30 Prozent sei als alleinige Bezugsgröße ungeeignet, um die wirtschaftliche Krise der Unternehmen zu beurteilen.