Auch im Jahr 2015 wird Westafrika vom Ebola-Virus heimgesucht werden: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind an der Epidemie 7518 Menschen gestorben und 19 340 Menschen erkrankt Quelle: Unbekannt

Vor einem Jahr begann die bislang schlimmste Ebola-Epidemie. Zwar sinkt die Zahl der Neuinfektionen, doch Experten wie Gisela Schneider, Direktorin des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission Tübingen, warnt: Die betroffenen Länder werden Jahre brauchen, um sich von den Folgen zu erholen.

Tübingen/Monrovia - Frau Schneider, das Ebola-Virus ist hierzulande aus dem Bewusstsein verschwunden, doch wie präsent ist es noch in Afrika?
Nicht ganz so schlimm wie erst befürchtet: Im September gingen manche Fachleute noch davon aus, dass Anfang 2015 wohl 1,4 Millionen Menschen in Westafrika an Ebola erkrankt sein würden. Doch es ist zum Glück anders gekommen: Nach den letzten Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind an der Epidemie 7518 Menschen in Westafrika gestorben, in Sierra Leone, Liberia und Guinea sind insgesamt 19  340 Menschen an Ebola erkrankt. Das entspricht in etwa dem, was Experten bestenfalls erwartet ­haben.
Bedeutet das, dass der Kampf gegen das Virus 2015 gewonnen werden kann?
Die Zahlen stimmen zuversichtlich, aber Westafrika bleibt ein Pulverfass. Sierra Leone steckt noch mitten in der Epidemie, und auch in Liberia gibt es immer noch Risikogebiete, von denen sich das Virus immer noch ausbreiten kann. Zu denen gehört nicht nur die Hauptstadt Monrovia, sondern auch kleine abgeschottete Dörfer mitten im Regenwald. Die meisten erreicht man nur zu Fuß auf schmalen Pfaden – dementsprechend langsam schreitet dort die Präventionsarbeit voran. Hinzu kommt: Die Menschen dort haben meist nur einen geringen Bildungsgrad und haben auch ein ganz anderes Verständnis von der Krankheit. Man muss da sehr eng mit den Dorfgemeinschaften zusammenarbeiten und deren Vertrauen gewinnen. Das ist sehr zeitintensiv.

Sie waren zweimal in Liberia. Wie gehen die Menschen vor Ort mit der Situation um?
Man merkt, die Menschen haben zwar Respekt vor der Krankheit, aber gerade das medizinische Personal und die Gesundheitshelfer wissen schon sehr gut über sie Bescheid: Wer nicht mit Körperflüssigkeiten von Infizierten in direkten Kontakt kommt, wird auch nicht krank. Das Training und der Umgang mit der Schutzkleidung waren erfolgreich. Seit Wochen ist kein Gesundheitshelfer mehr erkrankt. Andererseits ist die Lage auch für alle ungemein psychisch belastend – sowohl für die Helfer als auch für die Menschen, die dort leben.
Wie motiviert man die Leute, dennoch weiterzumachen?
Tatsächlich braucht es nicht viel: Viele sagen, dass sie bereit sind weiterzukämpfen, aber dass sie dabei die Unterstützung brauchen. Sie benötigen das Wissen, dass sie im Kampf gegen das Virus nicht alleingelassen werden. Und es braucht eine Wertschätzung ihrer Arbeit: Wir haben uns daher entschieden, den Gesundheitshelfern, die draußen in den Dörfern Präventionsarbeit leisten, eine gewisse Aufwandsentschädigung zu zahlen – einfach, weil sie einem viel extremeren Risiko ausgesetzt sind, nicht nur aufgrund der Ansteckungsgefahr. In manchen Dörfern regt sich immer noch Widerstand gegenüber den Gesundheitshelfern.
Hat das Virus also die Gesellschaft verändert?
Die Epidemie hat definitiv die Gesellschaft bis ins Mark getroffen: Die Liberianer haben eine ausgeprägte Kultur der Nähe. Die ­Menschen achten einander und aufeinander. Doch jetzt heißt es: Distanz halten. Jeder weiß natürlich, dass dies nur dem eigenen Schutz dient. Doch auf die äußere Distanz folgt meist eine innere. Das zeigt sich insbesondere bei den Menschen, die von Ebola geheilt wurden und nun in die Dörfer zurückkehren. Dort traut man dem Gesundheitszustand nicht, man schüttelt sich nicht die Hand, meidet ­jede Nähe. Dabei sind doch menschlicher Kontakt und Wärme genau das, was ein ­Betroffener, der wochenlang in einer ­Isolierstation gelegen hat, am meisten braucht. Man darf nicht vergessen, dass vor zehn Jahren ein Bürgerkrieg das Land ­erschüttert hat, der schon viele Familien ­trau­matisiert hat. Nun wird das Land ­­auf­­grund der Epidemie wieder erschüttert. Da bleiben gesellschaftliche Veränderungen nicht aus.
Wie kann man diesen Veränderungen entgegenwirken?
Umso wichtiger ist es, dass man die sozialen Strukturen, die es noch gibt, stärkt – etwa die Kirchen. Die Menschen brauchen wieder Heimatgefühle und ein Stück Normalität in ihrem Leben. Vor Weihnachten hat mir eine Mitarbeiterin unserer Partnerorganisation Christian Health Association of Liberia geschrieben, wie sehr sie sich auf die Feiertage freut: Wir wollen jetzt Weihnachten feiern, wir haben uns das jetzt verdient.
Es gab viel Kritik am Umgang der Bundesregierung mit der Seuche: Es wurde zu spät eingegriffen, zu wenig Material wurde zur Verfügung gestellt. Können Sie diese nachvollziehen?
Nun, dass die internationale Gemeinschaft die Ebola-Epidemie lange nicht ernstgenommen hat, das ist ja offenkundig. Ich glaube, was Westafrika nun erlebt, hätte verhindert werden können, wenn man schon im Juli die Mittel zur Verfügung gehabt hätte, die erst im Herbst bewilligt worden sind. Hinzu kam, dass man nicht schnell genug eine Balance gefunden hat zwischen medizinischer Nothilfe in den Behandlungszentren und der Gesundheitsarbeit auf dem Land, die Infizierte aufspürt und die Menschen dort über die Krankheit aufklärt. Letzteres wurde anfangs doch vernachlässigt, was natürlich eine Ausbreitung der Krankheit zumindest teilweise gefördert hat.
Reicht die Hilfe nun aus?
Nein, man kann noch mehr tun. Die Nothilfe ist zwar nicht mehr ganz so wichtig, nun gilt es eher, medizinische Aufbauarbeit zu leisten, damit diese Länder vor kommenden Ebola-Epidemien besser gerüstet sind. Das Gesundheitssystem in den westafrikanischen Staaten war schon vor Ebola eine Katastrophe, aber Ebola hat es nun ganz zum Erliegen gebracht. Dies gilt es wiederaufzubauen. Das bedeutet: Wir planen, ab Januar vor allem die lokalen Krankenhäuser besser auszurüsten und miteinander zu vernetzen – das erleichtert auch die Beschaffung von Medikamenten. Hinzu kommt, das medizinische Personal zu ersetzen, das bei dem Ebola-Einsatz ums Leben gekommen ist. Das bedeutet, wir müssen in Ausbildung investieren. Es gibt viele junge Leute, die bereit sind, in die Pflege zu gehen, aber es fehlt an Mitteln, deren Ausbildung zu finanzieren. Und wir müssen Programme schaffen, die dem Pflegepersonal in Krankenhäusern zeigen, wie sie sich vor anderen Krankheiten wie Aids, Typhus, Cholera oder bakteriellen Infektionen schützen können. Wir werden sicher drei bis fünf Jahre brauchen, um hier nachhaltige Veränderungen zu schaffen.
Das alles braucht nicht nur Zeit, sondern auch sehr viel Geld. Aber die Spendenbereitschaft der Deutschen für Ebola ist nicht sehr hoch.
Wir hatten bislang zum Glück gute Erfahrungen gemacht. Wenn man den Menschen erklärte, woran es in Westafrika gerade fehlt, wie genau unsere Hilfe aussieht und ab wann diese greifen könnte, dann wurden wir auch unterstützt. Diese langfristige Projektarbeit ist zwar auf den ersten Blick für Außenstehende nicht sichtbar, aber es ist nun genau das, was die Menschen in Liberia, Sierra Leone und Guinea brauchen.
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