Die könnten passen: der Familienpate Thomas Borowski (Mitte) hat Socken und Wäsche für die beiden Mädchen mitgebracht. Foto: Ines Rudel

Eine Familie mit drei kleinen Kindern lebt in Ebersbach in einem Container auf 45 Quadratmetern Fläche. Ihr größter Wunsch ist eine Wohnung mit Kinderzimmer.

Ebersbach - Eigene Betten haben Benan und Iman nicht. Dafür reicht der Platz in der kleinen Containerwohnung nicht aus. Abends werden halt die zwei Schlafsessel für die drei und vier Jahre alten Mädchen ausgeklappt – das muss genügen. Seit vor wenigen Wochen noch die kleine Shams in der Klinik am Eichert zur Welt kam, teilen sich fünf Familienmitglieder die 45 Quadratmeter. Nun ist eine Wohnung mit Kinderzimmer der größte Wunsch von Subhi Alhusein und Ehefrau Mona Alkhater, die aus Angst vor dem IS aus Syrien geflohen waren. Doch der Wohnungsmarkt in Ebersbach scheint leer gefegt zu sein. Alle Nachfragen und Bemühungen verliefen bisher im Sande.

Der Wohn-Führerschein der Flüwo soll helfen

„Derzeit suchen wir für 15 bis 20 Familien, vorrangig mit mehr als vier Personen, eine Wohnung“, erklärt Andrea Schiller, die im Ebersbacher Rathaus die Flüchtlingshilfe und das Integrationsmanagement koordiniert. Eine Kollegin durchforste Tag für Tag das Internet auf der Suche nach geeignetem Wohnraum. Und zusätzlich setzen Schiller und die Ebersbacher Flüchtlingshilfe nun auf den „Wohn-Führerschein“, den die Wohnungsbaugenossenschaft Flüwo anbietet. Schiller hofft, dass sich nach einer Teilnahme die Chancen der Flüchtlingsfamilien verbessern, auf dem Wohnungsmarkt fündig zu werden.

Nach der Prüfung winkt ein Zertifikat

Als eine der größten Baugenossenschaften im Land organisiert die Flüwo, die in Stuttgart ihren Hauptsitz hat, dazu mehrtägige Workshops für jedermann, die gemeinsam mit dem Integrationsforum Ostfildern (Kreis Esslingen) erdacht wurden. „Wir haben auch Studenten und langjährige Mieter unter den Teilnehmern“, berichtet Karin Weinmann, die für die Flüwo als Sozialberaterin arbeitet und in den Workshops als Referentin auftritt. Die Schulung rund um die Wohnungssuche soll den Teilnehmern die Themengebiete Wohnungssuche, Wohnungsanzeigen, Prüfung der finanziellen und rechtlichen Möglichkeiten, die persönliche Vorstellung der Familie, Wohnungsbesichtigung und Abschluss des Mietvertrages nahe bringen. Aber auch über den Einzug, den Umgang mit neuen Nachbarn, das Wohnen sowie Ordnung, Sauberkeit, Müll, Lärm und Energiesparen wird gesprochen. Und nach einer schriftlichen Prüfung erhalten die Teilnehmer als Zertifikat dann den „Wohn-Führerschein“.

Auf bessere Chancen bei der Wohnungssuche dank seiner Workshopteilnahme hofft nun auch Subhi Alhusein, der demnächst einen Deutschkurs auf B1-Niveau abschließt und dann zumindest einen Minijob anstrebt. Zusammen mit seiner Frau sucht er eine Drei- bis Vier-Zimmerwohnung in Ebersbach, nicht zu weit entfernt von Kindergarten und Bahnhof.

Wichtig ist die Privatsphäre

Nur einmal sind der 41-jährige Familienvater und die 30-jährige Grundschullehrerin bisher zu einer Besichtigung eingeladen worden, und der türkische Vermieter habe auch einen aufgeschlossenen Eindruck gemacht, berichtet der Familienpate Thomas Borowski, der die Familie im Auftrag der Ebersbacher Flüchtlingshilfe betreut. Leider handelte es sich aber nicht um eine abgeschlossene Wohnung, sondern die Toilette und das Bad waren nur über einen gemeinschaftlich genutzten Flur zugänglich. Deshalb kam die Unterkunft nicht in Frage. „Für eine muslimische Frau ist die mangelnde Privatsphäre eigentlich ein Unding“, erklärt Borowski, so müsse sie ständig Kopftuch tragen. Ähnlich schwierig war es für Mona Alkhater auch in der Gemeinschaftsunterkunft, in der die Familie bis zum Umzug in den Container wohnte. Eltern und Kinder lebten dort zusammen in einem Zimmer und teilten sich die Küche und das Bad mit den anderen Bewohnern.

Auf Nachbarn zugehen

„Geflüchtete sind ganz normale Mieter“, sagt Karin Weinmann, Sozialberaterin bei der Stuttgarter Wohnungsbaugenossenschaft Flüwo

Frau Weinmann, was sagen Sie Flüchtlingen, die eine Wohnung suchen?

Geht auf eure Nachbarn offen zu und versucht, mit ihnen auf Deutsch zu sprechen. Erzählt euren Nachbarn von eurer Kultur, das kann der Türöffner für eine gute Nachbarschaft sein. Und lasst euch nicht provozieren, wenn ihr Vorurteilen begegnet.

Zum Beispiel?

Oft wird behauptet, Menschen aus anderen Kulturen seien laut, weil sie viele Feste feierten. Natürlich hat jede Nation ihre eigenen Feiertage, die die Menschen zusammen verbringen. Das unterscheidet solche Mieter sicher von Menschen, die ganz gezielt in ein Hochhaus ziehen, damit sie dort anonym leben können. Das werden Sie bei Geflüchteten nicht finden, die gerne in einer aktiven Nachbarschaft leben. Übrigens sind Menschen mit fremdem Pass nicht auffälliger als andere Mietergruppen, das zeigt mir meine langjährige Erfahrung bei der Flüwo. Es sind Menschen wie du und ich; ganz normale Mieter halt.

Drohen nicht Konflikte, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft unter einem Dach leben?

Sicher gibt es auch Konflikte. Das ist ja ganz normal, denn Probleme unter Menschen gibt es überall, wo verschiedene Mentalitäten aufeinandertreffen – unabhängig von der Nationalität. Typische Streitthemen sind lautes Feiern, der Umgang mit dem Müll und der Kehrwoche. Und das muss man halt regeln.

Auf Nachbarn zugehen

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: