Sorgt für stramme Waden: die Dobelstaffel in Mitte. Weitere Stäffele finden Sie in unserer Bildergalerie. Foto: Rapp

Treppauf, treppab, so muss sich Stuttgart erschließen, wer es wirklich kennenlernen möchte. Über zwanzigtausend Stufen hat Eberhard Rapp erklommen, als er für sein Buch über die Stuttgarter Stäffele unterwegs war. Ein Gespräch über stramme Waden und die Stuttgarter Seele.

Treppauf, treppab, so muss sich Stuttgart erschließen, wer es wirklich kennenlernen möchte. Über zwanzigtausend Stufen hat Eberhard Rapp erklommen, als er für sein Buch über die Stuttgarter Stäffele unterwegs war. Ein Gespräch über stramme Waden und die Stuttgarter Seele.

Stuttgart - Herr Rapp, zeigen Sie mal Ihre Waden?
Die sind ganz schön stramm geworden. Ich habe des öfteren von älteren Stuttgartern gehört: Unser Fitnessstudio liegt im Freien, die Stäffele halten uns jung.
Können Sie das bestätigen?
Unbedingt. Das Treppensteigen hilft Körper und Seele. Und das beste daran ist: Es koschtet nix!
Wie viele Treppenstufen sind Sie gelaufen?
Sicher über zwanzigtausend. Ich bin beim Zählen irgendwann draus gekommen. Es gibt Schätzungen, wie viele Stufen es in Stuttgart gibt. Aber das hakt natürlich daran, dass Sie definieren müssen: Was ist ein Stäffele und was nicht?
Und was ist ein Stäffele?
O je, ich habe diese Frage befürchtet. Denn es gibt keine exakte Antwort darauf. Das muss jeder für sich entscheiden. Als ich angefangen habe zu recherchieren, habe ich zunächst die 46 Staffeln erkundet, die im Stadtplan aufgeführt sind. Aber es gibt 300 bis 400 Staffeln, die klassische öffentliche Wege sind. Nehmen Sie noch die privaten Stäffele an Häusern, in Gärten oder in Weinbergen hinzu, haben Sie unermesslich viele.
Nach welchen Kriterien haben Sie dann die Stäffele für ihr Buch ausgewählt?
Ich war vier Jahre lang unterwegs, natürlich mit Unterbrechungen, habe 30 000 Fotos gemacht. Und ich finde, die teuerste Staffel Stuttgarts, jene hoch zum Finanzamt, oder die höchste Staffel, die Treppen im Fernsehturm, sind es ebenso wert, Staffel genannt zu werden wie die Klassiker: etwa die Sünderstaffel und die Eugenstaffel. Und dann gibt es ja auch die ganz modernen Staffeln.
Die wären?
Die Rolltreppen, das sind Stäffele für Faule.
Aber die haben es nicht ins Buch geschafft.
Nein. Wie gesagt, ich hatte viel zu viel für das Buch. Für 132 Stäffele hatte es schließlich Platz, sie sollten eine gute Geschichte erzählen, das Foto musste was hermachen – und ich wollte mit ihnen auch ein Bild der Stadt zeichnen.
Weil die Stäffele ein Wahrzeichen der Stadt sind?
Ja. Unbedingt. Ein unterschätztes. Sie verbinden oben mit unten, man findet sie überall, es gibt kurze und lange, verwitterte und restaurierte, wenn man sie erklimmt, bekommt man Ausblicke – und Einblicke – in Stuttgarts Seele. So etwas finden sie anderswo kaum, vielleicht mit Ausnahme von Seattle oder Lissabon.
Was ist Ihre Lieblingsstaffel?
Die gibt es so nicht. Jedes Stäffele ist eigen, hat seine eigene Geschichte. Und ich verbinde sie auch mit Erlebnissen, die ich hatte. In Gablenberg am Aufgang zur Spemannstraße bin ich einem Mann begegnet, der aus Ex-Jugoslawien stammt und glühender Schiller-Verehrer ist. Er las Gedichte von Schiller. Erst für sich alleine, dann hat er sie mir vorgetragen. Solche Geschichten gibt es viele.
Tun Sie sich keinen Zwang an.
Ans Herz gewachsen ist mir auch das von mir so getaufte Wiesenstäffele. Das sind fünf Stufen samt Geländer an der Kernenblick­straße in Sillenbuch mitten in einer Wiese. Vielleicht stand da früher einmal ein Haus, und die Stäffele sind das letzte Überbleibsel. Spannend ist auch die Stäffeleskreuzung unterhalb des Blauen Wegs in Heslach, da stoßen vier Stäffele aufeinander. Ohne Ampel, da muss man sich mit Handzeichen verständigen.
Apropos, gab’s denn von den Anwohnern grünes Licht für Ihre Recherchen und Fragen?
Ich habe den Eindruck, je höher man in Stuttgart kommt, desto freundlicher werden die Leute. Mir hat eine Frau einen alten Bunker gezeigt, in dem sie als Kind Schutz suchte, ein älterer Herr hat mir das Recht gewährt, mich jederzeit in seinem Garten erholen zu dürfen. Ein Mann erzählte mir, dass ihm beim Transport eine Badewanne entglitten und das Stäffele hinuntergerumpelt sei. Und an einem Sonntagmorgen belauschte ich ein Ehepaar hinter einer Hecke: „Gerhard?“ – „Ja, Dickerle?“
Dabei dürfte es an Stäffele gar keine Dickerle ­geben?
Da haben Sie recht. Vor allem, weil es einige Staffeln gibt, die schwer zu begehen sind und viel Kraft fordern. Da stimmt der Rhythmus nicht, man weiß nicht, welches Bein man nehmen muss. Von der Haldenstraße in den Travertinpark beim Kraftwerk Münster gibt es keine Möglichkeit für eine Ruhepause, ein schnurgerades Stäffele, da muss man 200 Stufen am Stück bergauf laufen. Das ist eine Qual.
Geht’s auch besser?
O ja! Die Staffel an der Wenzelstraße in Mühlhausen hat man dagegen zweimal gebaut, weil sich Anwohner beschwert hatten, man könne dort nicht laufen. Nun läuft sich die Staffel perfekt, wie von selbst. Ein Genuss, man sollte jeden Stäffelesbauer dort vorbeischicken.
Gibt’s überhaupt noch Stäffelesbauer?
Gebaut wird ohnehin kaum noch. Die besagte Staffel zum Travertinpark war die letzte, die man gebaut hat. Man saniert – wenn man das Geld dafür hat. Wissen Sie wofür die meisten Leute mich gehalten haben, als sie mich mit meiner Kamera gesehen haben?
Nein.
Für den Herrn vom Tiefbauamt, der die Schäden aufnimmt. Die Stufen geraten aus den Fugen, die Geländer rosten vor sich hin. Manche Staffeln sind in einem beklagenswerten Zustand. Wir alle sollten uns mehr um die Stäffele kümmern, sie prägen Stuttgart. Wissen Sie, wen ich seit der Recherche für das Buch aufrichtig bewundere?
Ich bin gespannt.
Die Stuttgarter Postboten.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: