Eberbach fällt aus der Zeit. Internet? Handyempfang? Fehlanzeige. Manche haben nicht mal ein Telefon. Aber den Dorfbewohnern reicht es jetzt. Sie machen mobil.
Mulfingen - Als das letzte Mal was gemacht wurde am Telefonnetz von Eberbach, da war Willy Brandt noch Bundeskanzler. Inzwischen ist ein bisschen was passiert in der Welt. Der PC wurde erfunden, das Mobiltelefon, das Internet. Kathrin Hub ist 33 Jahre alt, Willy Brandt kennt sie nur aus Geschichtsbüchern. Mit Computern, Handys und dem Internet aber sind die junge Frau und ihr Mann Manuel aufgewachsen. Das gehört zu ihrem Alltag, überall. Außer daheim, im erst sieben Monate alten Haus in Eberbach im Hohenlohekreis. Da wäre das Paar schon froh, wenn es nur einen funktionierenden Festnetzanschluss hätte. Eine Rufnummer haben sie zwar, die funktioniert aber nicht, obwohl die Telekom-Techniker mehrfach zu Besuch waren. Internetzugang? Wenigstens ein Handynetz? Fehlanzeige. „Wir sind nicht zu erreichen“, sagt Kathrin Hub. Willkommen im Tal der Anschlusslosen.
Eberbach, 200 Einwohner, idyllisch gelegen im Jagsttal. Wer hier wohnt, mag die Landschaft und die Ruhe. „Wir wollen hier unser Leben verbringen und eine Familie gründen“, sagt Kathrin Hub. Kinder großziehen in einem Haus, wo sie im Notfall nicht mal telefonieren kann? „Wenn ich daran denke, könnte ich heulen.“
Man duzt sich. Wer „Sie“ sagt, ist draußen
Gerold Prümmer, 55, verkauft in Eberbach Versicherungen, Getränke und im Lädle aus den 60er Jahren auch das Notwendigste zum Leben: Nudeln, Mehl, Lebensmittel in Dosen. Zum Großeinkauf fährt man ins sieben Kilometer entfernte Mulfingen. Im Hauptort sind auch der Kindergarten und die Schule. Nicht mal eine Wirtschaft gibt es noch in Eberbach, der Hirsch ist schon lange zu. Zum Feierabendbier trifft man sich in Prümmers Lagerhalle. Die Bewohner des Fleckens nehmen das alles in Kauf: „Wir wohnen gern hier. Wir Eberbächer sind stark verwurzelt“, sagt Prümmer. Man duzt sich. „Wer Sie sagt, ist draußen.“ Doch dass Mobiltelefone daheim nur fürs Fotografieren taugen, dass Internet und funktionierende Telefone Luxusgüter sein sollen, dagegen machen die Eberbächer nun öffentlich mobil.
Wer Internet hat, ist privilegiert
Nicht nur Hubs warten auf ein Telefon, seit sieben Monaten schon. Das geht noch drei anderen Familien im Ort so. Wer in Eberbach einen Internetanschluss hat, ist privilegiert. Bei Gerold Prümmer kommt dazu, dass dieser Anschluss auch noch mit ordentlicher Geschwindigkeit funktioniert. Er lässt andere an seinem Glück teilhaben und sie sein WLAN mitbenutzen.
In Eberbach fehlen Leitungen. Den Mangel verwaltet die Telekom mit sogenannten Multiplexern: Ein Kupferkabel muss für zwei Häuser reichen. Das aber bringt noch keine Internetverbindung. Und auch beim Festnetz funktioniert es nicht unbedingt, wie Familie Hubs zu erzählen weiß. Oder Holger Rudolph.
Der 49-Jährige hat sich mit seiner Frau und den vier Kindern in Eberbach ein Haus gekauft. „Ein Sahnestück“, sagt er. Dazu ein großes Grundstück, Scheune, Garage – viel Platz für seine Motorräder und Oldtimer. Am 1. Januar 2017 ist die Familie eingezogen. Die Vorbesitzerin hatte ihren Telefonanschluss abgemeldet, worauf die Telekom an die freie Leitung schnell jemand anderen anschloss. Der hatte endlich Internet, Rudolphs aber kein Telefon.
„In Eberbach muss man Leitungen vererben“
„In Eberbach muss man Leitungen vererben“, ätzt Rudolph. Acht Monate hat es gedauert, bis die Familie einen Telefonanschluss bekam. Um mit dem Techniker einen Termin zu vereinbaren, muss man eine Handynummer angeben. Dort hat der Techniker dann angerufen und natürlich niemanden erreicht, es gibt ja keinen Empfang. Also zog er unverrichteter Dinge wieder ab. Eine Rechnung kam trotzdem.
Solche Episoden gibt es zuhauf. Sie sorgen dafür, dass Holger Rudolph aus dem Giften nicht mehr herauskommt. Zumal der Telefonanschluss, auf den er so lange gewartet hat, nur schlecht und manchmal auch gar nicht funktioniert. Als die jüngste Tochter mit Fieber im Bett lag, herrschte im Hörer mal wieder nur das große Rauschen. Rudolph musste mit dem Auto nach Mulfingen fahren, um das Mädchen in der Schule zu entschuldigen. „Wer glaubt denn, dass so was im Jahr 2018 noch möglich ist?“, fragt er. Internet empfangen Rudolphs inzwischen per Satellit – für 100 Euro im Monat, aber nur bei wolkenlosem Himmel und mit kontingentierter Datenmenge. „Netflix können wir nicht nutzen.“
„Das ist ein unsägliches Hin- und Hergestöpsel“, sagt auch Robert Böhnel, der Mulfinger Bürgermeister. Der 46-Jährige lebt selbst mit seiner Familie in Eberbach. Auch er gehört zu den Privilegierten mit Telefon und Internet, 14 MBit pro Sekunde kann er laden – das ist nicht toll, aber ihm reicht es. Warum ist sein Flecken vom Markt abgehängt? „Es rechnet sich einfach nicht, für so wenige Haushalte aktiv zu werden.“
Die Glasfaserkabel liegen schon vor dem Ort
Deshalb hat die Gemeinde Glasfaserkabel verlegt. Die 3700 Einwohner verteilen sich auf acht Ortschaften und 80 Quadratkilometer. 2,5 Millionen Euro hat die Kommune in den vergangenen Jahren im Boden verbuddelt, um die Ortsteile ans schnelle Internet anzubinden, 670 000 Euro davon hat das Land übernommen. Seit 2017 reichen die Glasfaserkabel bis Eberbach.
Aber sie sind nicht in Betrieb. Erst müsse die Telekom ihren Schaltverteiler abbauen, teilt der Betreiber, die Netcom BW, mit. „Dann sind die Probleme gelöst“, sagt Böhnel. Doch das dauert. Eigentlich hätte das Netz schon im Frühjahr angeschlossen werden sollen. Jetzt heißt es bei der Netcom: „Das kann noch mehrere Monate in Anspruch nehmen.“ Außerdem muss die Netcom weiter von der Telekom Kupferleitungen anmieten. „Wenn wir neue Leitungen bestellen, wird dies von der Telekom abgewiesen“, so der Netcom-Sprecher.
Die Telekom ihrerseits reagiert erst nach dreimaligem Nachhaken, beantwortet die Fragen aber nicht, sondern nimmt nur allgemein Stellung. „Wir werden die Situation in Eberbach für uns bewerten und prüfen, wie wir unter den gegebenen Umständen das Angebot für unsere Kunden verbessern können“, heißt es.
Erst diese Woche hat das Land Förderbescheide über 17,4 Millionen Euro für den Breitbandausbau an 105 Kommunen übergeben. 68 Prozent aller Haushalte im Land hätten schnelles Internet mit mehr als 100 MBit pro Sekunde, freute sich der Innenminister Thomas Strobl (CDU). 81 Prozent könnten immerhin noch mit mehr als 50 MBit/s im weltweiten Netz surfen. Downloadgeschwindigkeiten von mindestens 16 MBit pro Sekunde seien inzwischen in 90 Prozent aller Haushalte verfügbar.
In Hohenlohe sind Weltmarktführer daheim
Doch es gibt weiße Flecken auf der digitalen Landkarte – auf der Alb, im Schwarzwald, im Allgäu, im Hohenlohischen. Das ärgert nicht nur Privatleute. Für Firmen sind vernünftige Datenleitungen existenziell. In Mulfingen etwa, wo es mehr Arbeitsplätze gibt als Einwohner, sind der Sportartikelhersteller Jako und EBM Papst, Weltmarktführer in der Herstellung von Ventilatoren und Motoren, zu Hause.
„Die Digitalisierung der Produktion ist ein wichtiges Thema für uns“, sagt Oliver Kühnle, der EBM-IT-Chef. 3700 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen an drei Standorten in Mulfingen. „Wir sind stolz darauf, dass wir hier noch eine eigene Produktion haben“, so Kühnle. Damit das so bleibt, hat EBM vor drei Jahren, als neue Gasleitungen verlegt wurden, ein eigenes Glasfasernetz gebaut, das man jetzt selbst betreibt und wartet. „Wir haben eine größere sechsstellige Summe investiert, um die Infrastrukturdefizite hier auszugleichen“, sagt Kühnle. „Wir können uns das leisten. Ein kleinerer Betrieb zieht dann halt weg.“
Der IT-Chef von EBM: „Das ist Aufgabe der Politik“
Auch einen eigenen Mobilfunkmast hat EBM am Standort Mulfingen-Hollenbach aufgestellt. „Sonst hätten wir hier gar keinen Empfang.“ Die Funklöcher in der Gegend sind für EBM ein Problem: Einige IT-Mitarbeiter könne er für Bereitschaftsdienste gar nicht erst einplanen, weil sie in ihren Heimatorten keinen Handyempfang hätten, sagt Kühnle. Er sieht die Politik in der Pflicht: „Ich verstehe, dass es für Anbieter nicht wirtschaftlich ist, im ländlichen Raum zu investieren.“ Aber gerade dort könne es dann nicht die Aufgabe der Industrie sein, für eine ordentliche Infrastruktur zu sorgen. „Das ist Aufgabe der Politik.“ Ansonsten, so Kühnles Befürchtung, zögen erst die Menschen in die Ballungszentren und dann die Firmen.
Familie Rudolph gibt auf
Von der Politik fühlen sich die Eberbächer im Stich gelassen. „Abgeordnete haben sich bei uns noch nicht sehen lassen“, schimpft Holger Rudolph. „Die haben alle Angst, dass sie einen Sack über den Kopf kriegen.“ Einen roten Teppich braucht ein Politiker beim Besuch jedenfalls nicht zu erwarten. „Dieses Thema ist enorm aufgebauscht“, sagte Arnulf von Eyb, der CDU-Landtagsabgeordnete für Hohenlohe, unlängst in einem Interview mit dem regionalen Magazin „G’schwätz“: Schließlich lebe man nicht „in Bananien“. Damit hat er im Flecken keine Wähler gewonnen. „Der Freiherr kann gerne mal zwei Wochen sein Büro nach Eberbach verlegen“, sagt Kathrin Hub. „Dann sieht er mal, wie das ist.“
Eine Woche später jubiliert Kathrin Hub am anderen Ende der Festnetzleitung: „Sie können sich nicht vorstellen, was passiert ist! Wir haben seit gestern Telefon und Internet in unserem Haus!“
Familie Rudolph indes hat genug, endgültig. Das Haus in Eberbach wird verkauft, der Elektriker rechnet mit einem Minusgeschäft. Im 20 Kilometer entfernten Schrozberg baut die Familie neu. „Meine älteste Tochter hat schon nach vier Wochen gesagt: In dem Kaff bleibe ich nicht“, sagt Holger Rudolph. Die junge Frau wohnt jetzt in Stuttgart. Der Sohn beendet bald seine Ausbildung: „Dann ist der auch weg.“ Die 13-jährige Tochter stieg bei der Besichtigung des Grundstücks in Schrozberg aus dem Auto, schaute nur kurz auf ihr Handy und sagte: „4 G. Das kaufen wir.“