In dieses Jahr fiel der 200. Todestag des dichtenden, malenden und komponierenden Universalfantasten E. T. A. Hoffmann. Das Frankfurter Romantik-Museum folgt seinen Grenzgängen zwischen Wahn und Wirklichkeit bis in unsere Gegenwart.
Literaturausstellungen können eine eigene Form der Furcht nähren: die vor Langeweile. Und anders als bei sonstigen Erscheinungsformen der Angst, wird sie umso größer, je abgebrühter und unempfänglicher jemand auf feine Reize reagiert: Stockflecken, Handschriften, Einbände und dergleichen. Bei E. T. A. Hoffmann liegen die Dinge etwas anders, nicht nurdeshalb, weil bei dem vor 200 Jahren gestorbenen Schriftsteller noch der Maler, Komponist und Richter dazukommt – sondern weil niemand das multiple Wesen der menschlichen Innenwelt erfolgreicher und gleichzeitig abgründiger beschworen hat.
Wer sich diesem Grenzgänger zwischen Wahn und Wirklichkeit in der ihm gewidmeten Ausstellung „Unheimlich fantastisch“ im Frankfurter Romantik-Museum annähert, begegnet zunächst einmal sich selbst. Oder ist es doch ein anderer, dessen Bild sich hier reflektiert? Seltsame Vibrationen lassen verschwimmen, was man bestens zu kennen glaubt. Aus einem Hexenspiegel blicken zahllose irritierte Facetten seiner selbst zurück.
Doppelgänger, Automaten, seltsame Tierwesen
Die Augen zu schließen hilft nicht wirklich weiter. Stimmen flüstern, seufzen, es knistert und raschelt, düstere Musik braust auf. Und öffnet man sie wieder, fällt der Blick auf eine Mordwaffe, den Dolch, den der radikale Burschenschaftler Karl Ludwig Sand dem Lustspieldichter und „Fürstenknecht“ August von Kotzebue in die Brust rammte. Auf einer Schnupftabaksdose ist die Tat zu sehen, die in die Zeit fiel, in der Hoffmann als Kammergerichtsrat in Berlin über die Gesinnungsgenossen des aufrührerischen Studenten zu urteilen hatte, darunter ihr „Hüpf-, Spring- und Schwungmeister“, Turnvater Jahn.
Doppelgänger, Automaten, seltsame Tierwesen und andere kapriziöse Gestalten geistern nicht nur durch die Erzählungen des 1776 in Königsberg geborenen Universalfantasten, sondern auch durch das Untergeschoss des Frankfurter Museums, wo die Jubiläumsschau nach Bamberg und Berlin als dritter und letzter Station noch bis Februar zu sehen ist. Und die Entfesselung des Unheimlichen erweist sich als das beste Mittel gegen die Furcht vor Langeweile nicht nur im Fall von Literaturausstellungen, sondern auch mit Blick auf die beengenden Verhältnisse des gesellschaftlichen Lebens.
Romantisch überreiztes Künstlertum
Tintenkleckse sind hier mehr als Begleiterscheinungen im Alltag eines Beamten, der seinen Kampf mit der Bürokratie in grotesken Karikaturen festgehalten hat. Es könnte sich bei ihnen auch um die Pfotenspuren eines schreibenden Katers handeln, der behaglich selbstzufrieden über die Schwelle zwischen Wirklichkeit und Fiktion streicht. Als Chatprotokoll kommen Kater Murrs Lebensaufzeichnungen in unseren tintenlosen Zeiten an. Auf der anderen Seite tanzt Kapellmeister Kreisler, Hoffmanns Alter Ego und Inbild romantisch überreizten Künstlertums, in den Wahnsinn. Den dualistischen Alltag illustriert ein gezeichneter Lageplan der Berliner Wohnung in nächster Nähe des Gendarmenmarkts. Unter Marktfrauen, Zech- und Rauchkumpane samt der romantischen Dichterprominenz der Zeit mischen sich der Student Anselmus aus dem Märchen „Der Goldene Topf“ und andere Ausgeburten einer hocherhitzten Vorstellungskraft.
Fantastische Whistleblower-Affäre
Hoffmann selbst war nie in Frankfurt, doch spielt hier seine Erzählung „Meister Floh“. Darin treten unter anderem ein Egelprinz, die sprechende Distel Zeherit sowie das Oberhaupt aller Flöhe auf, nebst dem grotesken Hofrat Knarrpanti. Und wie nah auch hier das Reich der Fantasie an jenes der Wirklichkeit grenzt, zeigt nicht nur ein Stadtplan, auf dem sich die Stationen des Geschehens im realen Leben abschreiten lassen, sondern auch ein Skandal, der den Dichter-Richter in schwere Bedrängnis brachte. In dem pedantischen Knarrpanti erkannte sich der Polizeidirektor Karl Albert von Kamptz wieder, mit dem es Hoffmann im Zusammenhang der studentischen Umtriebe zu tun hatte. „Meister Floh“ ist mit Sicherheit die fantastischste unter allen Whistleblower-Affären.
Stumm steht ein lebensgroßer Trompeterautomat im Raum und kündet vom Traum, mittels Mechanik der Musik Seele einzublasen. Ein Sonnenmikroskop und eine Elektrisiermaschine sind Gerätschaften, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Die Lithografie eines elektrischen Kusses zeigt, wie bei einem Paar der Funke überspringt. Farbenfroher sieht das Spektakel in der Videoarbeit Magnetic Movie aus, die in den kalifornischen Nasa-Laboren entstand.
An manchen der magnetischen und geheimwissenschaftlichen Praktiken, die Hoffmanns Nachtstücke ausbuchstabieren, haben Esoteriker in ihren Parallelwelten bis heute helle Freude. Wie weit er umgekehrt die Übergänge von Mensch und Maschine vorausgedacht hat, macht eine Parallellektüre seiner Automaten-Novelle „Der Sandmann“ mit Emma Braslawskys Künstliche-Intelligenz-Lovestory „Ich bin dein Mensch“ deutlich – wenn es einen nicht stört, beim Lesen unverwandt von einem leise vor sich hin glucksenden androiden Baby beäugt zu werden.
Die Kuratoren nehmen auf, was ihnen Hoffmanns Erzählungen zuspielen, widerstehen aber gleichzeitig der Versuchung einer museumspädagogischen Geisterbahnfahrt. So weit sie den Imaginationsraum in die Gegenwart öffnen, finden sie doch immer wieder zurück zum Text. Denn natürlich ist Lesen immer noch der beste Zugang zur unheimlich fantastischen Welt dieses Autors.
Info
Autor
Der am 24. Januar 1776 in Königsberg geborene Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, der aus Verehrung für die Musik Mozarts seinen Vornamen Wilhelm in Amadeus änderte, war eine treibende Kraft der Romantik. Der Jurist war zeitweise Musikdirektor am Bamberger Theater und schrieb mit „Undine“ die erste romantische Oper. Der Erfolg als Schriftsteller begann 1814 mit seinen „Fantasiestücken in Callots Manier“. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Novelle „Der Sandmann“, das Märchen „Der Goldene Topf“, „Nußknacker und Mausekönig“ und die erste deutsche Kriminalgeschichte „Das Fräulein von Scuderi“. E. T. A. Hoffmann starb am 25. Juni 1822 in Berlin.
Ausstellung
Die Ausstellung „Unheimlich fantastisch“ ist bis zum 12. Februar im Deutschen Romantik-Museum in Frankfurt zu sehen, von Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr; Donnerstag 10–21 Uhr. Montag ist Ruhetag.