Der Gemeinderat hat der Stadtverwaltung ehrgeizige Ausbauziele für Ladesäulen vorgegeben. Die sieht sich auf Kurs – und hat bei dem Thema neue Ideen.
Stuttgart will bis 2030 die Zahl der Ladepunkte an ihren Straßen auf 2000 verdoppeln. Vor allem bisher unterversorgte Außenbezirke wie Stuttgart-Vaihingen, aber auch der Stuttgarter Westen sollen davon profitieren. Dies hat die städtische Koordinierungsstelle Elektromobilität im Gemeinderat angekündigt – und damit eine Anfrage der Grünen beantwortet. Damit setze man einen vor zwei Jahren erteilten Auftrag des Gemeinderates um.
Drei Betreiber teilen sich die Ladesäulen
Die Ladesäulen sollen wie bisher für acht Jahre ausgeschrieben werden. Die Stadt hofft, dass zu den bisher drei Anbietern EnBW, Stadtwerke und Eze Network aus München weitere dazu kommen. „Mit Ladesäulen ist gutes Geld zu verdienen,“ sagte Felix Kolb, Teamkoordinator Elektromobilität der Stadt.
Die Betreiber müssen sich dabei um Lose bewerben, die sie verpflichten, Ladesäulen auch an für sie weniger attraktiven, aber für die Stadt relevanten Standorten aufzubauen. Der lukrative Citybereich ist nämlich bereits ausreichend versorgt. Aktuell sind Dreiviertel der insgesamt 4000 öffentlich zugänglichen Ladepunkte auf Grundstücken, die nicht der Stadt gehören.
Bisher werden die Flächen den Betreibern gratis überlassen. Doch das könnte sich ändern. Bei künftigen Ausschreibungen werde man möglicherweise Gebühren verlangen. Diese sollten maßvoll bleiben, um den Ausbau nicht zu gefährden.
Da es um die weniger aufwendigen, aber auch weniger schnellen Lademöglichkeiten mit Wechselstrom (AC) geht, spielt die Kapazität des Stromnetzes nicht die entscheidende Rolle. Diskussionsstoff wird die Frage liefern, welche Parkplätze für die neuen Ladepunkte (zwei je Ladesäule) umgewidmet werden. Details sollen die Bezirksbeiräte beraten. Wie viel Prozent Parkplätze wegfallen, weiß die Stadt nicht genau. Eine grobe Schätzung wäre weniger als ein Prozent.
Laden an der Bordsteinkante?
Eine Vision ist wie bei einem Pilotprojekt in Düsseldorf Ladeanschlüsse in Bordsteine zu verlegen, sodass die Parkplatzfrage weniger kritisch wird. Ein besserer Datenaustausch mit den Betreibern soll es leichter machen, missbräuchliche Nutzung von Lade-Parkplätzen zu ahnden.
Die Stadt präsentiert die E-Mobilität in Stuttgart als Erfolgsmodell: „Wir kommen sehr gut voran. Wir sind bundesweit ganz vorne“, sagte Kolb. Laut der aktuellsten Zahlen für 2026 sind inzwischen 31 Prozent der neu zugelassenen Fahrzeuge in der Landeshauptstadt batterieelektisch. Im Jahr 2025 lag der Anteil bei 23,9 Prozent – etwa Bundesdurchschnitt. Dazu kamen 2026 noch 18 Prozent Plug-in Hybride und weitere 24 Prozent Hybrid-Fahrzeuge. Der Anteil von neu zugelassenen Verbrennerfahrzeugen liegt nur noch bei 27 Prozent.
Im Bestand dominieren Benziner und Diesel mit 58 Prozent weiterhin – nur acht Prozent der Autos mit Stuttgarter Zulassung sind elektrisch. Das ist aber doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt.
Wie weit vorne liegt Stuttgart?
Stuttgart verfüge über das dichteste Ladenetz unter deutschen Metropolen, sagt die Stadt – jedenfalls je Einwohner. Es ist dreimal so dicht wie etwa in Berlin. Allerdings gibt es in der Landeshauptstadt vergleichsweise viele E-Autos. In Stuttgart sind traditionell Fahrzeuge der heimischen Marken Mercedes und Porsche stark vertreten. Die Elektrifizierung von Autos hat in dieser Fahrzeugkategorie begonnen.
CDU-Stadtrat Alexander Kotz erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass Stuttgart zwischen 2012 und 2022 Elektroautos kostenlos parken ließ, was laut einer Fraunhofer-Studie im Vergleich zu anderen Städte zu mehr E-Mobilität motivierte. „Vielleicht sollten wir über eine solche Maßnahme wieder nachdenken.“ Bei den aktuellen Neuzulassungen hat Stuttgart keinen Vorsprung mehr und liegt im Bundestrend.
Rückstand bei Schnellladesäulen
Grünen-Stadtrat Björn Peterhoff monierte einen Rückstand bei den Schnellladesäulen. Ähnlich große Städte wie Bremen, Düsseldorf oder Leipzig sind besser ausgestattet. Dort kann die Stadt die Entwicklung weniger beeinflussen, weil solche Säulen eher in Ladeparks stehen. Die Stadtverwaltung will aber in diesem Jahr eine Strategie für diesen Bereich entwickeln.
Um den Bedarf bis Mitte des kommenden Jahrzehnts zu decken, müssten aber sechseinhalb so viele öffentliche Ladepunkte aufgebaut werden wie im städtischen Programm vorgesehen. Die Stadt hofft, dass öffentliche Ladesäulen etwa an Supermärkten und Firmenstandorten die Lücke füllen. Wenn mehr Schnellladesäulen kommen, bräuchte es weniger Standorte.
Kritik an zu wenig ehrgeizigen Zielen
Die Stadträte Hannes Rockenbauch (Die Linke/SÖS/Plus) und Christoph Ozasek (Puls) stellten die Erfolgsbilanz grundsätzlich infrage. „Das Ziel der Netto-Null beim CO2 kommt in der Präsentation nicht vor. Mit acht Prozent Elektroautos im Bestand sind wir sowas von hinterher“, sagte Rockenbauch. „Die Hybridautos in der Statistik sind doch ein Fake“, sagte Ozasek.
Auch SPD-Stadträtin Lucia Schanbacher warnte, zu selbstzufrieden zu sein. In Stuttgart dominierten Mehrfamilienhäuser, sodass es schwieriger sei, private Lademöglichkeiten aufzubauen: „Wir sind als Stadt viel mehr in der Pflicht.“