Elektrisch vom Abfertigungsgebäude zum Flugzeug: der Cobus macht es möglich. Beim Ladevorgang muss aber alles klappen, sonst ist der enge Zeitplan gefährdet. Foto: Claudia Barner

Wie elektrisch sind die Bewohner der Filder unterwegs? Was gut läuft und woran es hapert, erläutert eine Serie rund ums Thema E-Mobilität. Diesmal: Die Passagier- und Gepäckabfertigung am Airport soll 100 Prozent abgasfrei werden.

Echterdingen - Cobus 3000 – der Name erinnert an den Hexenbesen Nimbus 2000 aus dem Fantasy-Bestseller Harry Potter. Fliegen kann der Cobus zwar nicht, aber auch er dient dem Transport. Sieben Modelle des überbreiten Busses sind im Passagierverkehr auf dem Vorfeld des Flughafens im Einsatz. Sie sind Teil eines Konzepts, mit dem der Airport an seinem Image als Vorreiter bei der Elektromobilität arbeitet.

Neben den Bussen werden auch immer mehr Förderbänder sowie Fracht- und Gepäckschlepper elektrisch angetrieben. Der Flughafen-Geschäftsführer Georg Fundel hat die Ziele hoch gesteckt: Bis zum Jahr 2017 soll die Passagier- und Gepäckabfertigung auf dem Vorfeld zu 100 Prozent abgasfrei sein.

Der Zeitpunkt für Neues war günstig

Bei Martin Hofmann laufen die Fäden zusammen. Der Ingenieur ist für das Fuhrparkmanagement des Flughafens verantwortlich und hat in den vergangenen drei Jahren das Projekt „eFleet“ in Zusammenarbeit mit Partnern wie dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt sowie der Landesagentur für Elektromobilität und Brennstoffzellentechnologie geleitet. „Der Zeitpunkt für etwas Neues war günstig, weil relativ viele Ersatzbeschaffungen anstanden“, sagt Hofmann.

Bevor die Stromer auf dem Vorfeld das Rennen gemacht haben, wurden viele Szenarien durchgerechnet. Auch die Brennstoffzelle und der Erdgasantrieb standen zur Debatte. Letztlich gaben Wirtschaftlichkeitsberechnungen den Ausschlag. Das Land förderte die Fahrzeuge, der Bund und die Europäische Union beteiligten sich am Aufbau neuer Ladesäulen und der elektrischen Infrastruktur. Hoffmann: „Ohne Fördermittel legt man so viel drauf, dass man sich das nicht leisten kann.“

Weniger Energieverbrauch je Passagier

Trotz der Finanzspritzen wurde spitz gerechnet. „Tendenziell bleiben wir auf dem einen oder anderen Euro sitzen“, sagt Hofmann. Es seien im Moment vor allem die weichen Faktoren, die überzeugen. Dazu gehört die Umweltbilanz. Der Projektleiter hat die Daten ermittelt: „Im Vergleich zum Dieselantrieb spart jedes neue Fahrzeug mehr als 22 Tonnen CO2 pro Jahr. Der Energieverbrauch pro Passagier reduziert sich um rund 80 Prozent.“

Voraussetzung für eine positive Ökobilanz der Elektro-Flotte ist allerdings, dass mit Strom aus regenerativen Quellen gefahren wird. „Seit 2015 haben wir komplett auf Grünstrom umgestellt. Außerdem betreibt der Flughafen ein eigenes Blockheizkraftwerk“, sagt die Pressesprecherin Theresa Diehl.

Der zweite wichtige Aspekt der Umstellung ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter auf dem Vorfeld. „Beim Rangieren sowie Entladen müssen die Fahrer der Förderbänder und Schlepper keine Abgase mehr einatmen. Außerdem haben wir interne Lärmmessungen durchgeführt. Dabei hat sich gezeigt: Die Elektrobusse sind nur halb so laut wie die Dieselvariante“, sagt Hofmann.

Eben kurz nachzapfen, geht nicht

Das bestätigen auch die Busfahrer, die auf dem Airport unterwegs sind. Das monotone Brummen sei weg – ein wirklich großer Fortschritt. Außerdem ließen sich die Elektro-Gefährte viel besser fahren.

Bevor die Chauffeure der Elektrobusse in den Cobus wechseln dürfen, werden sie speziell geschult. „Es war nicht leicht, die Abläufe beim Laden mit den Anforderungen unseres Zweischichtbetriebs in Einklang zu bringen“, sagt Hofmann. Das heißt: Wenn beim Betanken mit Strom etwas schiefgeht, gerät der Zeitplan aus den Fugen. Mal eben kurz nachzapfen, geht nicht. „Bis ein Bus aufgeladen ist, dauert es ein bis zu anderthalb Stunden. Bei den Schleppern sind es fünf bis sechs Stunden“, sagt Hofmann.

Trotz dieser Unwägbarkeiten und so mancher Kinderkrankheit, die noch beseitigt werden musste, zieht der Projektleiter nach drei Jahren eine positive Bilanz. „Elektrofahrzeuge eignen sich hervorragend für die Flugzeugabfertigung, weil wir auf dem Vorfeld kurze Wege haben und ständig unterwegs sind.“ Die Anschaffungskosten seien zwar höher als beim Diesel, die Ausgaben pro gefahrenem Kilometer aber deutlich günstiger. Deshalb sei es wichtig, dass die Stromer Strecke machen.

Gute Erfahrungen mit den Prototypen

Seit 2013 hat die Flughafengesellschaft über 4,4 Millionen Euro in die Beschaffung von 25 Abfertigungsfahrzeugen mit Elektroantrieb und die dazugehörige Infrastruktur investiert. Nach den positiven Erfahrungen mit den Prototypen wurde 2015 nachbestellt. „Inzwischen sind auf dem Vorfeld elf Gepäckschlepper, zwei Elektroförderbänder und sieben Busse mit Elektroantrieb im Einsatz“, zählt Hofmann auf. Auch das weltweit erste elektrisch betriebene Pushbackfahrzeug steht auf dem Stuttgarter Flughafen.

Inzwischen sind knapp die Hälfte der Busse auf dem Vorfeld elektrisch unterwegs. Bei den Gepäckschleppern liegt die Quote bei 66 Prozent. Nur die Förderbänder hinken mit etwa zehn Prozent hinterher.

Für Hofmann gibt es in Punkto Nachhaltigkeit auf dem Vorfeld also noch einiges zu tun. Denn nicht in jedem Bereich ist die E-Mobilität schon so präsent wie bei Bussen, Schleppern und Bändern. Für Spezialgeräte wie sie die Winterdienstflotte, die Feuerwehr oder die Lieferanten des Trinkwassers benötigen, gibt es noch keine elektrischen Alternativen.

Unsere Online-Themenseite

Unsere Geschichten zur E-Mobilität auf den Fildern bündeln wir unter www.stuttgarter-zeitung.de/thema/Serie-E-Mobilität und www.stuttgarter-nachrichten.de/thema/Serie-E-Mobilität.

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