Rebike hat eine bei Kunden begehrte Nische entdeckt. Das Start-up möbelt gebrauchte E-Bikes auf und verkauft sie online mit Garantie wieder. Nur Personal begrenzt das Wachstum.
Endlich hat Rebike genug Nachschub. „Die Nachfrage war lange höher als das, was wir einkaufen konnten“, erzählt Thomas Bernik. Mit dem früheren Microsoft-Manager und begeisterten Biker Sven Erger hat der 52-jährige 2018 in einer Garage ein Start-up gegründet, das den Nerv der Zeit trifft.
Es kauft gebrauchte Elektrofahrräder, bringt sie wieder in Schuss und verkauft sie online preisgünstig weiter. „Über 1000 Euro und bis zur Hälfte kann man bei uns gegenüber dem Originalpreis sparen“, versichert der Firmenchef. Mehr als homöopathische Dosen gebrauchter E-Bikes konnte man aber anfangs nicht unter das Volk bringen, weil Nachschub nur mühselig zu beschaffen war. Aber jetzt sind die Schleusen geöffnet. Dafür gesorgt haben die Pandemie, Leasing und viele Dienstfahrräder.
E-Bikes als Pandemiegewinner
Zu Corona-Zeiten waren Elektrofahrräder einer der wenigen Gewinner. Firmen hatten sie als Alternative zum Dienstwagen entdeckt, weil sie beim Personal bis heute sehr beliebt sind. Drei Jahre läuft ein Leasingvertrag typischerweise. Seit Ende 2022 drängen damit Leasing-Rückläufer in steigender Zahl auf den Markt. „Heute sind in Deutschland rund zwei Millionen Leasing-Elektrofahrräder unterwegs“, sagt Bernik zur Dimension. Rund 100 000 dieser Räder nähmen Leasingfirmen voraussichtlich dieses Jahr zurück. „Wir machen für sie die Zweitvermarktung“, erklärt der gebürtige Stuttgarter das immer besser funktionierende Geschäftsmodell von Rebike.
Gut 20 000 der Leasingräder will Rebike 2024 als deutscher und wohl auch europäischer Marktführer im neuen Gebrauchtsegment aufmöbeln und verkaufen, was rund 40 Millionen Euro Umsatz bringen soll, sagt der Mitgründer. Gegenüber dem Vorjahr seien das gut 50 Prozent Wachstum, was sich 2025 wiederholen soll. Spätestens im Jahr darauf will Rebike die Umsatzmarke von 100 Millionen Euro knacken. Auch die Gewinnschwelle könnte dann erreicht sein.
Wenn man Bernik fragt, was das Wachstum begrenzt, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen. „Das ist das Personal, das wir zum Generalüberholen der Räder brauchen“, sagt er. Das werkelt bislang im bayerischen Kempten und schraubt am Limit. Quereinsteiger von Schlossern bis Kfz-Mechanikern versuche man dort für den Job zu begeistern, beschreibt Bernik die Lage. Innerhalb der nächsten zwei Jahre werde Rebike mit seinen heute insgesamt 120 Beschäftigten wohl einen zweiten Instandsetzungsstandort brauchen, der voraussichtlich nach Ostdeutschland kommt.
Nur Qualitätsware
Die Elektrofahrräder, die Rebike übernimmt, seien ausschließlich qualitativ hochwertige Markenware versichert der Firmenchef. Neu kostete ein Zweirad dieses Segments im Fachhandel zuletzt 4200 Euro. Auf Motor und Batterie als Kernelement von E-Bikes gibt das Start-up zwei Jahre Garantie. Dazu kommen Kaufberatung und Service per Chat und Telefon. Von zwei stationären Filialen in Frankfurt und München abgesehen verkauft Rebike nur online. Ein dritter Laden soll binnen zwölf Monaten im dicht bevölkerten Nordrhein-Westfalen öffnen.
„Wir wussten anfangs nicht, ob jemand ohne Probe fahren ein gebrauchtes Elektrofahrrad kauft“, gesteht Bernik. Dann sei schnell klar gewesen, dass es an Nachfrage nicht scheitert. Der Schlüssel sei neben Garantien, offen und ehrlich mit Makeln umzugehen. Rebike habe viel Geld in ein eigenes Fotostudio gesteckt, um jedes angebotene Zweirad im Internet abzulichten. „Sie können jeden Kratzer sehen, wir vertuschen nichts“, betont der Mitgründer. Binnen zwei Wochen könne man ein Gebrauchtes dennoch zurückschicken, was Kunden 80 Euro kostet. Das würde aber nicht einmal ein Prozent aller Käufer machen.
Gefragt sind neben Trekking- vor allem Mountainbikes. Die größten Wachstumsraten haben Lastenfahrräder, die neu so viel kosten wie ein günstiger Kleinwagen. Käufer sind eher ältere und betuchtere Biker, was bei Gebrauchtpreisen von gut 2000 Euro kein Wunder ist. Männer würden vielfach für ihre Partnerinnen kaufen, hat Bernik beobachtet.
Ideen, um das Geschäft in noch größere Dimensionen zu bringen, gibt es bereits. Zum einen verhandelt Rebike derzeit mit stationären Händlern, um Gebrauchte auch über diesen Verkaufskanal an den Mann zu bringen. Mit Einzelhändlern, Decathlon und einer weiteren Kette sei man dazu im Gespräch, verrät Bernik. Über Decathlon verkauft Rebike bereits online. Mit der aus Frankreich stammenden Kette sowie Ebay lotet das Start-up derzeit zudem aus, wie man international expandieren könnte.
Dazu kommt das Vorhaben, aus Leasing-Rädern wieder Leasing-Räder zu machen, um den Kreislauf vollständig zu schließen und den Umweltgedanken zu stärken. Es werde dazu demnächst eine Ankündigung geben, erklärt Bernik noch vage.
Schon jetzt ist das E-Bike das in Deutschland dominierende Elektrofahrzeug. Verbraucher würden immer mehr über die Auswirkungen ihres Kaufverhaltens nachdenken und nach Alternativen suchen, so der Rebike-Chef. „Secondhand liegt im Trend“, sagt er. Das sehe man von Smartphones über Luxushandtaschen bis zu Bekleidung und nun auch bei Elektrofahrrädern.
Erfolgsmodell E-Fahrrad
Vergnügen
In der Pandemie ist der Verkauf vor allem von Elektrofahrrädern in Deutschland sprunghaft gestiegen. Radfahren war eines der wenigen noch problemlos möglichen Vergnügen. Händler waren ausverkauft. Überproduktion setzte ein. 2023 sank der Verkauf von E-Bikes erstmals von 2,2 auf 2,1 Millionen Stück, blieb aber damit auf hohem Niveau. Zudem wurden voriges Jahr erstmals mehr Elektrofahrräder als solche ohne Elektroantrieb verkauft. Fast jedes zweite neu verkaufte E-Bike wird geleast.
Bosch dominiert
Bundesweit ist mehr als jedes achte der insgesamt 84 Millionen Fahrräder auf deutschen Straßen elektrisch angetrieben, sagt der Fahrradverband ZIV. 1,6 Millionen E-Bikes wurden 2023 in Deutschland gebaut. Bei den Kernkomponenten Batterie und Motor dominiert Bosch. Elektrische Mountainbikes waren bei Neuware mit 39 Prozent Verkaufsanteil zuletzt am stärksten gefragt, gefolgt von Trekkingrädern mit 25 Prozent. Das größte Wachstum verzeichnen E-Lastenräder, die mittlerweile auf neun Prozent Marktanteil kommen. tmh