Wer elektrisch fahren möchte, muss erst einmal laden. Foto: dpa/Philipp von Ditfurth

Die bösen Buben türmen schon, während das Polizeiauto noch am Ladekabel hängt. Angeblich kommt das vor, seit die Landespolizei E-Autos einsetzt. Oder ist das Unsinn?

Würde die ZDF-Serie „Derrick“ heute eine Fortsetzung erfahren, würde es wohl heißen: „Harry, lad’ den Wagen auf!“ Seit 2022 erprobt die baden-württembergische Polizei den Einsatz von Funkstreifenwagen mit Elektroantrieb. Mittlerweile verfügt fast jedes der 145 Polizeireviere im Land über ein E-Fahrzeug. Doch nur gut jedes dritte Revier hat eine eigene Wallbox. Dies führt offenbar zu kuriosen Szenen. Das behauptete zumindest der FDP-Landtagsabgeordnete Christian Jung. In seinem Wahlkreis Karlsruhe-Land habe er beobachtet, dass Polizeibeamte durch die Gegend irrten, um für ihren neuen Polizei-Audi Q4 e-tron im Umfeld ihres Bruchsaler Reviers eine freie Ladestation zu finden. Mitunter werde die undankbare Aufgabe den Polizeischülern übertragen, sagte der verkehrspolitische Sprecher.

 

Auch Ralf Kusterer, der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), äußerte sich dieser Tage kritisch über den Einsatz der E-Fahrzeuge. Zu oft seien die Batterien leer, klagte er gegenüber der „Bild“-Zeitung. Nach dem Motto „Keine Verbrecherjagd, dafür Fahrt zu Ladesäule“, hätten sogar schon Einsätze abgebrochen werden müssen.

Schon 136 E-Polizeiautos im Einsatz

Beim baden-württembergischen Innenministerium hält man das für Unsinn. Generell müssten die Führungs- und Lagezentren (FLZ) bei zeitkritischen Einsatzlagen die Restreichweite der zur Verfügung stehenden Fahrzeuge berücksichtigen. „Das gilt für alle Antriebsarten.“ Heißt: Auch ein Dieselfahrzeug ist bei einer Verfolgungsjagd keine Hilfe, wenn es erst noch aufgetankt werden muss.

In einer Antwort auf eine Landtagsanfrage von Jung listet das Ministerium von Innenminister Thomas Strobl (CDU) den Stand minutiös auf. Demnach seien mittlerweile 136 Polizeireviere mit je einem E-Auto ausgerüstet. Zwar verfügten nur 56 Reviere über eine eigene Ladestation – in der Region Stuttgart ist dies nur bei Dienststellen im Kreis Esslingen der Fall. Jedoch seien fast überall ausreichende öffentliche Ladesäulen in der Nähe.

Rechnungshof rät zur Mitnutzung

„Aus einsatztaktischen Gründen“ habe man alle Schnellladestationen im Umkreis von fünf Kilometern um die jeweiligen Reviere herum bereits erfasst. Zwar strebe das Ministerium an, alle Reviere mit eigenen Ladepunkten auszustatten. Der Rückgriff auf öffentliche Säulen sei allerdings auch ein Gebot der Haushaltsdisziplin. So hatte der baden-württembergische Rechnungshof in seiner im vergangenen Jahr erschienenen Denkschrift empfohlen, für die elektrischen Dienstfahrzeuge die ohnehin neu geschaffenen öffentlichen Ladesäulen zu nutzen. An normalen Steckdosen dürfen in Landesgebäuden aus Brandschutzgründen keine Autos aufgeladen werden.

Insgesamt zeige sich, dass es bei der Landespolizei genügend Einsatzbereiche gebe, für die sich E-Autos eigneten. Zwar seien die Leasingraten meist höher. Dies werde jedoch durch die günstigeren Stromkosten und vor allem den deutlich geringeren Wartungsaufwand ausgeglichen, heißt es in der Antwort des Innenministeriums.

Wird Arbeitszeit verplempert?

Dass die Beamten beim Laden wertvolle Arbeitszeit verplempern könnten, wie Jung befürchtet, wies Strobl zurück. Auch im stehenden Auto lasse sich die Arbeitszeit sinnvoll füllen. Zum einen genügten an einer Schnellladesäule zehn Minuten, um eine Reichweite von 150 Kilometern zu generieren. Zum anderen könnten die Polizisten in der Zwischenzeit mit ihren Diensthandys mobil recherchieren und sogar „Vorgangsnachbearbeitungen vornehmen“. Darüber hinaus bestehe „die Möglichkeit, durch Fußstreifen einen Beitrag zur Stärkung des Sicherheitsempfindens der Bevölkerung zu leisten“.

Bei ihm sorgten solche Vorstellungen eher für Stirnrunzeln, bekannte Jung. Die FDP werde bei einer künftigen Regierungsbeteiligung in Stuttgart auf die Nutzung von Diesel aus Pflanzenabfällen dringen. Strobl hält davon nichts. Bisher werde der Kraftstoff, der unter anderem aus Frittenfett stammt und etwa 20 Cent pro Liter teurer ist als normaler Diesel, nicht in ausreichender Menge produziert und sei kaum irgendwo verfügbar. Irrfahrten von Polizisten zur nächsten Frittenfett-Tankstelle scheinen also durchaus möglich.