Die Mitarbeiter des Motorenwerks in Untertürkheim haben zunächst den Zuschlag für einen Teil des Antriebsstrangs der Vorderachse erhalten. Foto: dpa

Wichtige Weichenstellung: Die Belegschaft aus Daimlers Motorenwerk in Untertürkheim produziert künftig auch einen Teil des elektrifizierten Antriebsstrangs.

Stuttgart - Daimler will das Motorenwerk in Untertürkheim an seiner Elektrostrategie beteiligen. Das haben das Unternehmen und seine Arbeitnehmervertreter nach monatelangem Ringen vereinbart. Von allen Entscheidungen, die Daimler bislang im Hinblick auf seine E-Produktionsstrategie getroffen hat, ist diese mit am wichtigsten. Denn die Motorenwerke sind von dem Wandel vom Verbrenner zur Elektromobilität besonders stark betroffen. Angefangen von Konzernchef Dieter Zetsche gibt es jedoch einige Akteure im Unternehmen, die sich aus Kostengründen gegen eine Integration des elektrifizierten Antriebsstrangs in die bestehende Produktion aussprechen. Dass Untertürkheim nun überhaupt an der Elektrostrategie beteiligt werden soll, ist für die Mitarbeiter und ihre Betriebsräte daher eine entscheidende Weichenstellung.

Antriebe finden sich bei den Allrad-Versionen der E-Autos unter der neuen Submarke EQ an der Vorder- und an der Hinterachse. Nun ist vereinbart, dass Untertürkheim die Einheit für den vorderen Antrieb selbst baut. Dies gilt jedoch nicht für den Elektromotor. Diesen will Daimler auch für seine EQ-Modelle aus dem Joint Venture mit Bosch EM-motive in Hildesheim beziehen.

„Dieses Verhandlungsergebnis ist ein wichtiger Wegweiser in Richtung Zukunft. Es gilt, die Weichen für alternative Antriebe zu stellen. Wir wollen den elektrischen Antriebsstrang im Neckartal herstellen. Das Werk Untertürkheim produziert heute das Herz unserer Fahrzeuge. So soll es auch in Zukunft bleiben und dafür setzen wir uns ein“, so Wolfgang Nieke, Vorsitzender des Betriebsrats Mercedes-Benz Werk Untertürkheim.

„Im globalen Powertrain-Produktionsverbund von Mercedes-Benz Cars stellen wir uns auf die Zukunft ein und schaffen im Lead-Werk Untertürkheim die Basis für die Produktion zukunftsweisender Technologien. So stellen wir sicher, dass wir auch im neuen Zeitalter der Elektromobilität wettbewerbsfähig sind und unsere Zukunft selbst gestalten“, sagte Produktionschef Markus Schäfer.

Entscheidung bei Batteriefertigung steht bevor

Der vordere Antriebsstrang findet sich nur in EQ-Fahrzeugen mit Allradantrieb. Darum ist der Antrieb der Hinterachse eigentlich interessanter, da dieser in einem viel größeren Volumen gefertigt werden muss. In einer Absichtserklärung hat das Unternehmen seinen Arbeitnehmervertretern zugesichert, in den kommenden Monaten auch über den Antrieb an der Hinterachse zu sprechen. Da die Komponenten der vorderen und der hinteren Einheit sich nicht fundamental unterscheiden ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Untertürkheim auch den Zuschlag für den hinteren Antriebsstrang erhält. Andernfalls müsste das Unternehmen die Komponenten für den hinteren Teil des Antriebs zukaufen.

Darüber hinaus haben sich die Betriebsräte und das Unternehmen darauf verständigt, in den kommenden Monaten auch beim Thema Batteriefertigung eine Einigung zu erzielen. Bislang fertigt Daimler seine Batterien im sächsischen Kamenz, wo der Konzern derzeit seine Produktionskapazitäten massiv ausbaut. Die Arbeitnehmervertretung des Standorts Untertürkheim will erreichen, dass auch im Neckartal Batterien produziert werden.

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Die Zukunftstechnologien dürfen nicht zur mehr Beschäftigung führen

Daneben sieht die Vereinbarung vor, dass in Untertürkheim unter dem Titel E-Technikum ein Kompetenzzentrum für die Produktion des elektrifizierten Antriebsstrangs aufgebaut werden soll.

Für das Unternehmen ist es wichtig, dass die Integration der Zukunftstechnologien nicht zu mehr Beschäftigung führt. Darum sieht die Vereinbarung in einem weiteren Schritt vor, dass Bereiche, die in Untertürkheim bislang selbst gefertigt werden, Stück für Stück fremdvergeben werden. Dabei handelt es sich um einen Bereich der Turboladerfertigung, bei dem bislang rund 400 Menschen beschäftigt sind. Und um einen Bereich bei der Kraftstoffkomponentenfertigung für Dieselmotoren, bei dem rund 130 Menschen beschäftigt sind. Die Fertigung in den genannten Bereichen soll von 2020 an sukzessive auslaufen. Gleichzeitig sieht die Integration der Zukunftstechnologien jedoch einen Personalbedarf von rund 500 Mitarbeitern vor, sodass die Beschäftigungsbilanz weitgehend ausgewogen bleibt.

Das Thema, wie viel Arbeitsplätze in Baden-Württemberg durch die Elektromobilität wegfallen, beschäftigt Unternehmen, Politiker und Gewerkschaften seit Monaten. Vor einer Woche zuvor hatte Konzernchef Dieter Zetsche Aufregung verursacht, als er geäußert hatte, im Bereich Verbrennungsmotoren möglichst schnell Personal abzubauen. Dementsprechend groß war die Sorge in der Daimler-Belegschaft, ob die Arbeitsplätze, die beim Verbrenner wegfallen, durch die Produktion des elektrifizierten Antriebsstrangs ausglichen werden können.

Wie sich die E-Mobilität auf die Jobs auswirkt, treibt auch die Politiker um

Die Produktionsstrategie der neuen Elektrofamilie EQ sieht vor, dass die neuen Fahrzeuge in das bestehende Produktionsnetzwerk integriert werden. Die Betriebsräte der einzelnen Standorte in Deutschland werben daher nun schon seit Monaten darum, an der Elektrostrategie beteiligt zu werden.

So hat das Werk in Bremen den Zuschlag für den Elektro-SUV erhalten. Dort soll Ende 2018 die Produktion des Elektro-SUV der Marke EQ anlaufen. Die Beschäftigten rechnen dort mit einem Produktionsvolumen von 200 Autos am Tag. Auf den Markt kommen soll der Elektro-SUV mit einer Reichweite von 500 Kilometern 2019. Ein weiteres Mitglied der EQ-Familie soll in Sindelfingen vom Band laufen wie das Unternehmen vor Kurzem mitgeteilt hat. Wann das erste E-Auto in Sindelfingen in Produktion geht, ist allerdings noch unklar.

Während die Betriebsvereinbarungen in Bremen und Sindelfingen schon unter Dach und Fach waren, liefen die Verhandlungen in Untertürkheim noch auf Hochtouren, denn die Integration der E-Mobilität auch in diesem Werk gilt im Konzern als umstritten. „Das Unternehmen geht in Untertürkheim nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie in Sindelfingen davon aus, dass die Elektromobilität integriert werden soll“, sagte Wolfgang Nieke, der Betriebsratschef des Produktionsstandorts Untertürkheim, vor zwei Wochen.

Bis 2025 will Daimler mehr als zehn Elektro-Pkw auf den Markt bringen, drei davon sind Smarts. In den nächsten Jahren sollen dafür mehr als zehn Milliarden Euro in die Elektrooffensive investiert werden.

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