Anette Ladovic (r.) und Andrea Schwendele kennen viele Schauergeschichten. Foto: Lichtgut /Ferdinando Iannone

Seit zehn Jahren führen Anette Ladovic und ihre Mitarbeitenden durch die Stadt und erzählen dabei Geschichten aus Stuttgarts düsterster Vergangenheit.

Ihre anfänglichen Hoffnungen waren bescheiden. Einmal im Monat fünf bis zehn Leute dazu zu bringen, ihren Erzählungen über Geister und andere schaurig-gruselige Geschichten aus der Stuttgarter Vergangenheit zu folgen. Mehr hatte sich Anette Ladovic nicht vorstellen können. Was als kleines privates Hobby angedacht war, hat sich längst zum florierenden Kleinunternehmen entwickelt und feierte jüngst runden Geburtstag: Genau zehn Jahre gibt es die Stadtführungen unter dem Titel „Stuttgarter Geister“ nun schon.

Im März 2012 nahm Ladovic zum ersten Mal eine 15-köpfige Gruppe Interessierter mit auf einen Rundgang, um Altstadtgeister durch Erzählungen direkt an historischen Stätten wiederzubeleben. So hatte es die gebürtige Stuttgarterin zwei Jahre zuvor bei einem Besuch in der englischen Stadt Exeter auch erlebt. Fasziniert von einem nächtlichen „Ghostwalk“, wie er in vielen britischen Gemeinden vor allem für Touristen angeboten wird, ließ Anette Ladovic der Gedanke nicht mehr los: „Das müsste man in Stuttgart doch auch mal machen.“ Aber gab es überhaupt Geistergeschichten in der schwäbischen Metropole? Ladovic stürzte sich auf alte Bücher, las Sagenerzählungen und durchforstete andere historische Quellen. Genügend Zeit dafür hatte die gelernte Industriekauffrau. Wegen einer Schwerbehinderung war sie gerade frisch in Frührente gegangen. „Nach eineinhalb Jahren Recherche stand die erste Tour“, weiß Ladovic noch.

Bei einer Teilnahme erfährt man unter anderem von der weißen Frau, die einer Gruft entstieg und über den Schillerplatz ins Alte Schloss schwebte; warum das Silberglöckchen an der Stiftskirche mit seinem hellen Klang einer beim Ausritt verirrten Prinzessin das Leben rettete; was es mit dem „Franzosenloch“ am damals schon unterirdisch gehaltenen Nesenbach auf sich hatte; wieso ein in der Höhe des Bohnenviertels gefundener Ring zum Todesurteil für den Postmichel wurde oder warum der Wilhelmsplatz früher vor allem eine Stätte für Enthauptungen war.

Auch eine Nachtwanderung ist im Angebot

Auch wenn stets eine Prise Fantasie mitspielt, so haben die „grausamsten Geschichten aus Stuttgarts düsterster Vergangenheit“ (Ladovics Begrüßungsworte) immer auch einen geschichtlich belegten Hintergrund. „Superinteressant. Man läuft mit ganz anderen Augen durch Stuttgart“, sagt ein Ehepaar, das gebannt den atmosphärisch stimmig vorgetragenen Erzählungen der in schwarzer Kutte und mit Holzstab vorangehenden Führerin lauschte. Bei der Jubiläumstour hatte Anette Ladovic kürzlich ihr gesamtes Personal mit dabei, und so waren bei dieser besonderen Aufführung sogar ein paar Spezial-Gruseleffekte eingebaut, die sonst bei lediglich einem Geisterführer pro Tour eher nicht möglich sind. Mit Marina Kunert, Christian Blessing, Andrea Schwendele und Anita Engler hat Anette Ladovic inzwischen ein festes Team an Helfern. Einige sind durch Mundpropaganda, andere auf eine Stellenanzeige hin dazugestoßen. Denn längst kann Gründerin Ladovic den Betrieb nicht mehr alleine stemmen. „Zu Spitzenzeiten hatten wir 300 Touren im Jahr“, sagt die 49-Jährige über das gestiegene öffentliche Interesse an den Stuttgarter Geistern. Im Durchschnitt laufen 30 bis 40 Personen mit. Selbstredend entwickelte sich auch das Angebot weiter.

Neben zwei verschiedenen Führungen durch die Innenstadt gibt es eine in englischer Sprache gehaltene Tour sowie die Waldgeister-Tour mit Nachtwanderung durch den Stuttgarter Buchwald. „Da kommt mal eine andere Geschichte dazu, dafür fällt eine andere raus. Und wir arbeiten auch an einer ganz neuen Tour“, sieht Anette Ladovic das Programm einem moderaten, aber steten Wechsel unterzogen. Unverändert groß aber ist bei ihr und ihrem Personal die Lust auf diese Stadtführung der ganz anderen Art.

Weitere Infos finden Sie unter: www.stuttgarter-geister.de