Dieses neun Monate alte Kind ist eines von Zehntausenden in Somalia, die akut vom Hungertod bedroht sind. Foto: AP

Zehntausende Kinder in Somalia sind akut vom Hungertod bedroht. Wenn die humanitäre Hilfe nicht bald ausgeweitet wird, droht eine Katastrophe, warnt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen.

Köln/Stuttgart - Der Bauch des somalischen Säuglings ist vom Hunger aufgedunsen, die Haut schlägt Falten über den dürren Gliedmaßen, die aussehen, als könnten sie jeden Moment zerbrechen. Große Augen schauen den Betrachter ausdruckslos an. Wenn derartige Bilder von hungernden Kindern in den Medien erscheinen, ist es für viele Menschen in Afrika bereits zu spät, erklärt Rudi Tarneden, der Sprecher von Unicef Deutschland.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen schlägt Alarm: Schätzungen zufolge könnte sich die Zahl der Kinder, die allein in Somalia an akuter Mangelernährung leiden, in diesem Jahr auf 1,4 Millionen erhöhen. „Dies entspricht einem Anstieg um 50 Prozent gegenüber Anfang des Jahres“, teilt Unicef mit. Mit der Mangelnährung steigt für die Kleinsten das Risiko, an Durchfall oder Masern zu sterben, um das Neunfache an.

Karges Dasein

Die Ursachen für die derzeitige Krise sind vielfältig und, wie Rudi Tarneden sagt, zum Teil von Menschen gemacht. Seit 1991 gibt es in Somalia keine Zentralregierung mehr – stattdessen kämpfen diverse Gruppen um die Macht. Unter ihnen ist auch die islamistische Al-Shabaab-Miliz, die immer wieder Anschläge verübt. In ihrem Einflussbereich – insbesondere im Süden des Landes – ist die Situation für Hilfsorganisationen sehr gefährlich. „Wir verfügen über ein großes Netzwerk somalischer Helfer und Partner in den Gemeinden, zum Beispiel in Gesundheitsstationen. Sie fallen weniger auf als ausländische Kräfte“, erläutert der Unicef-Sprecher, der vor einigen Jahren selbst vor Ort war. „In Somalia und in einigen anderen Ländern wie Äthiopien und dem Sudan hat es seit Jahren kaum geregnet, sodass nun eine extreme Dürresituation herrscht. Die Menschen sind unfassbar arm und fristen ein karges Dasein in kleinen Hütten. Sie erleben, wie ihre Lebensgrundlage immer mehr schwindet: Zuerst stirbt das Vieh, dann fliehen die Menschen vor der Dürre“, beschreibt Tarneden die Lage.

Seit vergangenem November sind schätzungsweise 615 000 Menschen geflohen, laut Unicef sind viele davon Frauen und Kinder. Bereits 2011 hat es eine schwere Hungersnot gegeben, die von der Weltöffentlichkeit erst spät wahrgenommen worden war.

Düstere Aussichten

Eine ähnliche Situation droht jetzt: „Es gibt momentan sehr viele Krisen auf der Welt – man denke nur an den Krieg in Syrien, dessen Folgen bis nach Europa spürbar sind. Afrika hingegen ist nicht genug auf dem Schirm der internationalen Gemeinschaft. Wir haben hier eine Tragödie weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit“, so Tarneden. „Noch haben wir die Chance, eine große humanitäre Katastrophe abzuwehren“, betont er – wenngleich die Aussichten für Somalia in den kommenden Monaten ziemlich düster seien.

Ein wenig Erleichterung könnte bald die Regenzeit bringen – „aber keiner weiß, wie sie ausfällt“, sagt der Unicef-Sprecher. Zudem sind die Flüchtlinge in ihren Notbehausungen kaum vor den Niederschlägen geschützt. Schon jetzt nehmen Krankheiten wie Cholera und Malaria zu.

Hunger zeichnet ein Leben lang

Angesichts all dessen müsse die Hilfe schnell stark ausgeweitet werden, fordert Unicef. Das Kinderhilfswerk unterhält vor Ort unter anderem Ernährungs- und Gesundheitszentren sowie Notschulen. Um die Unterstützung fortzuführen und auszuweiten, benötigt Unicef nach eigenen Angaben in diesem Jahr insgesamt 148 Millionen US-Dollar. Bislang stehe rund die Hälfte zur Verfügung.

Erst Anfang der Woche sagte Außenminister Sigmar Gabriel bei seinem Besuch in Somalia Hilfen in Millionenhöhe zu. „Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren humanitäre Hilfe und Entwicklungspolitik enger miteinander verzahnt und stellt insgesamt mehr Mittel bereit, um Menschen in Großkrisen zu stabilisieren“, erklärt Tarneden. Neben humanitärer Hilfe müsse aber auch versucht werden, die Handlungsfähigkeit der Regierung zu stärken.

Gelingt das nicht, droht Somalia eine verlorene Generation, denn: „Hunger zeichnet ein Leben lang“, betont der Sprecher des Kinderhilfswerks. Wer in der Kindheit hungern müsse, sei in seiner Entwicklung beeinträchtigt und als Erwachsener oftmals weniger leistungsfähig. Dadurch steige wiederum die Gefahr von Armut.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: