Dürre im Stuttgarter Norden Knochentrockene Böden und frühreife Früchte

Von Georg Friedel und Chris Lederer 

Fabian Rajtschan gibt seinen jungen Rebanlagen auf dem Lemberg derzeit   Wasser. Sonst würden sie möglicherweise Schaden nehmen. Foto: Georg Friedel
Fabian Rajtschan gibt seinen jungen Rebanlagen auf dem Lemberg derzeit Wasser. Sonst würden sie möglicherweise Schaden nehmen. Foto: Georg Friedel

Regenmangel und Hitze machen den Gärtnern, Obstbauern, Ackerbauern und Winzern zu schaffen – allerdings trifft es nicht alle gleich hart. Wir haben uns im Stuttgarter Norden umgehört.

Stuttgarter Norden - Im Frühjahr war ich noch skeptisch wegen des Regens“, sagt Obstbauer Christian Hörnle. „Da musste ich noch in Gummistiefeln Bäume schneiden und die Traktoren kamen vor lauter Matsch kaum durch die Äcker.“ Dann kam die Trockenheit. „Es hat seit Februar/März, abgesehen von den einzelnen Starkregen und Graupelschauern, keine längeren Regenphasen gegeben. Die Niederschlagswerte liegen seitdem deutlich unter dem langjährigen Durchschnittswert“, sagt der Weilimdorfer. „Und ab Mai kam auch noch die Hitze dazu. Ohne Bewässerung geht da nichts!“ Neben den Tropfschläuchen, die mit Wasser aus dem eigenen Brunnen gespeist werden, muss er bei Bedarf mit einem 2000-Liter-Wasser-Fass mehrmals am Tag zu den Obstbäumen und -sträuchern fahren, damit vor allem die jungen Pflanzen mit ihren weniger tiefen Wurzeln nicht verdursten. Manche der Äpfel hätten zwar unvermeidlich einen Sonnenbrand abbekommen, alles in allem erwartet Hörnle aber auch bei ihnen eine gute Ernte, so wie auch beim Beeren- und Steinobst. „Es wird kein Rekordjahr, wir haben aber immer noch viele wunderbare Früchte.“ Fast bei allen Kulturen, die er auf rund zehn Hekar anbaut, sei er aufgrund der diesjährigen Witterung zwei Wochen früher dran als üblich.

Außerdem im Video: Vertrocknete Sonnenblumenfelder, tonnenschwere Ernteausfälle – sehen Sie im Video die verheerenden Bilder der Dürre in Deutschland.

Gemüsegärtner müssen doppelt so viel gießen wie im Vorjahr

„Sonne und Hitze sind uns deutlich lieber als wenn es andauernd regnen würde“, sagt die Stammheimer Bioland-Gärtnerin Gabi Birkenstock. Lang anhaltende Feuchtigkeit „bringt nur Schnecken und erhöht die Gefahr von Pilzkrankheiten“. Dann doch lieber anhaltender Sonnenschein und mehr Aroma. Wenngleich die Dürre mehr Arbeit bedeutet: „Wir müssen doppelt so viel gießen wie im Vorjahr und etwa dreimal so viel wie vor dreißig Jahren als wir hier angefangen haben.“ Auch die drei Unwetter im Frühjahr hätten geholfen, die aktuelle Trockenphase besser zu verkraften: „Das hilft dem Boden, so viel wie da runterkam, kann man gar nicht gießen.“ Auf ihrer einen Hektar großen Anbaufläche hinter der Johanneskirche pflanzt sie übers Jahr zwischen 30 und 40 verschiedene Kulturen, darunter Paprika, Tomaten, Gurken, Zucchini, Salate, Mirabellen und sogar Wasser- und Honigmelonen. Die seien heuer besonders süß bestätigt ihr Ehemann Gerald. Doch die vielen Sonnenstunden haben auch ihre Schattenseiten. Wenn es zu heiß wird, legen zum Beispiel die Bohnen eine Siesta ein: „Bei Temperaturen über 28 Grad blühen sie nicht – und ohne Blüte gibt es keine Früchte.“ Dafür wachsen genug andere Gemüse. Die Vielfalt im Garten hat Methode, Birkenstocks setzen auf Multikulti statt auf Monokultur. „Die große Mischung an Kulturen sichert uns, wenn es hier und da mal Ausfälle gibt, den Ertrag.“

Futtergerste und Weizen wurden schon Mitte Juli geerntet

Beim Zazenhäuser Landwirt Hansjörg Benz sind die Getreidefelder längst abgeerntet. Die Futtergerste und den Weizen hat er schon Mitte Juli in die Scheuer geholt. „Die Qualität ist sehr gut, die Quantität knapp unterdurchschnittlich“, fasst er das Ergebnis zusammen. Ernteausfälle wie in anderen Regionen Deutschlands hat der Landwirt bisher aus seinen 67 Hektar großen Ackerflächen kaum zu verzeichnen. Das hänge aber auch mit der guten Qualität seiner Böden zusammen: Denn „sein“ Lösslehm bietet beste Anbaubedingungen und pufferte bisher die Folgen der Dürre ab: „Das ist ein sehr, sehr wertvoller Boden, den man unbedingt für die Landwirtschaft erhalten sollte“, sagt Benz. Außer Futtergerste und Weizen wachsen auf seinen Feldern auch Zuckerrüben, Mais, Soja und Kartoffeln. Letztere werden wohl wegen der diesjährigen Trockenheit nicht so groß wie sonst: „Übergrößen wird es bei den Kartoffeln nicht geben“, kündigt Benz an. Bisher kamen aber seine Kulturpflanzen mit der Trockenheit erstaunlich gut zurecht, doch mit zunehmender Dauer könnte sich das ändern. Bauern in anderen Gebieten und Regionen habe es allerdings viel härter getroffen, betont er. Übrigens spüren auch seine Kühe das extreme Wetter: „Die geben weniger Milch als üblich und haben auch weniger Appetit.“ Hansjörg Benz gibt ihnen vermehrt Grünfutter und besprüht seine Milchkühe immer mal wieder mit Wasser: „Die bekommen hin und wieder eine Dusche“, sagt er.

Junge Rebkulturen werden bewässert

Ebenfalls eine Dusche bekommen die jungen Rebkulturen am Lemberg von Weingärtner Fabian Rajtschan aus Feuerbach. Denn die heranwachsenden Stöcke wurzeln noch nicht so tief. Deshalb führt ihnen Rajtschan seit vergangener Woche Wasser zu, aber nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern gering dosiert und gezielt im Bereich der Wurzeln. Wie andere Obstsorten können auch Trauben Sonnenbrand kriegen. Wird der Hitzestress zu groß, verfällt der Weinstock in eine Art Schockstarre: „Er geht frühzeitig in den Winterschlaf, wirft alles ab, was er nicht braucht“, berichtet Rajtschan. Ausgewachsenen Rebstöcken macht Hitze aber wenig aus. Sie wurzeln tief. Ansonsten haben die Wengerter wenig Grund zu klagen: Denn mehr Sonne bedeutet mehr Reife. Und mehr Reife bedeutet mehr Zucker und damit wiederum auch mehr Alkohol. Doch ganz so einfach geht die Rechnung beim Weinbau nicht auf: „Einen zu hohen Alkoholgehalt beim Wein will der Verbraucher heutzutage gar nicht mehr haben“, weiß Rajtschan, der 2014 den Jungwinzerpreis des Weinbauverbandes Württemberg gewann. Außerdem tut es dem Wein gut, wenn die Trauben auch etwas kühlere Nächte mitkriegen. Denn bei beständiger Hitze wird in der Beere zu viel Säure abgebaut und dann fehlt dem Wein, je nach Sorte, die notwendige Frische im Geschmack.

Früher fand die Weinlese im „goldenen“ Oktober statt. Doch seit Jahren reift der Wein immer zeitiger: „Diesmal sind wir mit der Weinlese etwa vier Wochen früher dran“, sagt Rajtschan. Einige seiner Sorten sind fast schon soweit: „Der Dornfelder ist fast komplett durchgefärbt.“ Auch sonnenhungrige Weine, die früher eher in Südfrankreich oder Spanien wuchsen, gedeihen nun auch in hiesigen Breitengraden. Bleibt das Wetter so und kommt kein Einbruch, wird Rajtschan die Trauben wohl in drei bis vier Wochen vom Stock holen: Für Anfang bis Mitte September setzt er die Weinlese in diesem Jahr an.

Redaktion Zuffenhausen

Ansprechpartner
Bernd Zeyer
zuffenhausen@stz.zgs.de

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