Als Versuch einer „späten Buße“ bezeichnet Dieterich das Buch über die Tante. Er hat bisher nur über Männer geschrieben. Foto: /Horst Rudel

Der Prälat i.R. Paul Dieterich hat ein Buch über seine Tante Margarete Schneider vorgestellt. Sie war die Frau an der Seite des Predigers von Buchenwald, der im Jahr 1939 von den Nationalsozialisten ermordet wurde – und eine starke Persönlichkeit.

Dürnau - Paul Dieterich, der frühere Heilbronner Prälat, hat Margarete Schneider, der Frau des Predigers von Buchenwald, ein Buch gewidmet. Auf mehr als 500 Seiten breitet er das Leben seiner Tante aus, deren Mann im Jahr 1939 im Konzentrationslager Buchenwald von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Er hatte gegen die Nationalsozialisten gepredigt und sich geweigert, an Hitlers Geburtstag die Mütze vor dem Hakenkreuz abzunehmen. Trotz dieses schweren Schicksals bewahrte sich Margarete Schneider ihren unverbrüchlichen Glauben und setzte sich zeitlebens für Versöhnung ein. Man behandle jeden Menschen christlich und gut, egal ob er Kommunist oder Nationalsozialist sei, beschied sie einmal ihrem Neffen.

An „Tante Gretel“ führte kein Weg vorbei. Das Buch sei der Versuch einer späten Buße, bekannte Paul Dieterich bei einer Veranstaltung im evangelischen Gemeindehaus in Dürnau, die als Lesung angekündigt war. Doch der mittlerweile 78-Jährige, der in Weilheim bei Kirchheim lebt (Kreis Esslingen), erzählte die Geschichte Margarete Schneiders frei und ließ nebenbei den ganzen Kosmos einer württembergischen Pfarrerdynastie in jenen Jahren aufleuchten. Er sei auch einer gewesen, der dauernd über Männer geschrieben habe. Deshalb habe er nun diese außergewöhnliche Frau, die im Jahr 2002 mit 99 Jahren starb, würdigen wollen.

Briefe als wichtige Quelle

Doch zunächst war es wieder ein Mann, der ihn zur Tante führte: Paul Schneider, der Prediger von Buchenwald und Margaretes Ehemann. Irgendwann wollte Paul Dieterich mehr über diesen Mann wissen, auf dessen Namen er getauft wurde. Also wandte er sich an die Tante. Gemeinsam lasen sie die Briefe, die sich Margarete und Paul Schneider in der Zeit geschrieben hatte, die er in Schutzhaft oder im KZ Buchenwald verbracht hatte. Erstaunliche Briefe, wie Paul Dieterich sagt. Sie sind auch eine der Hauptquellen des Buches. Durch diese Briefe trat Margarete Schneider aus dem Schatten ihres Mannes. Paul Dieterich erkannte ihre Tapferkeit, ihre Entschiedenheit und ihren unabhängigen Geist. Befragt, wieso sie ihren Mann nicht abgehalten habe, den Nazis die Stirn zu bieten, sagte sie nur: „Es war sein Weg. Ich wollte nicht einen Mann haben, der mit ausgerenktem Rückgrat durchs Leben geht.“

1904 wurde Margarete Schneider als zehntes Kind des Pfarrers Karl Dieterich in Wildberg in ein patriarchalisch geprägtes Umfeld hineingeboren. Schon als kleines Kind fiel sie durch eine an Sturheit grenzende Willensstärke auf. Mit 16 verliebte sie sich in Paul Schneider, der in Tübingen Theologie studierte und bei den Schneiders in Logis war. Bis zur Hochzeit sollte es dauern. Schließlich wurde im August 1926 auf Wunsch Gretels geheiratet.

Ihr Haus bot vielen eine Zuflucht

Nur zwölf Jahre blieben den Eheleuten. Margarete Schneider gebar sechs Kinder, gründete Frauen- und Singkreise und wirkte an der Seite ihres Mannes im Pfarrhaus von Hochelheim bei Wetzlar. Es gab erste Konflikte mit den Nazis. Sie spitzten sich zu, nachdem Paul Schneider 1934 die Kirchengemeinden Dickenschied und Womrath im Hunsrück übernommen und sich der Bekennenden Kirche angeschlossen hatte. Im Juni 1934 wurde Paul Schneider zum ersten Mal verhaftet, kam aber nach einer Woche wieder frei. Weitere Verhaftungen folgten. Im November 1937 wurde er in das neu errichtete KZ Buchenwald verlegt. Obwohl seine Frau von Pontius zu Pilatus ging, blieb er in Haft und wurde am 18. Juli 1939 ermordet. „Er war wohl der einzige KZ-Insasse, der als Leiche rauskam. Alle anderen wurden verbrannt“, sagt Paul Dieterich.

Nach dem Tod ihres Mannes stand Margarete Schneider vor dem Nichts. Die Bekennende Kirche Elberfeld schenkte ihr ein halbes Haus. Dort lebte sie mit ihren sechs Kindern, bis englische Bomber es im Sommer 1943 zerstörten. Daraufhin siedelte sie nach Tübingen um, wo ihre Mutter lebte. Ein lebensgefährliches Unterfangen, wie Paul Dieterich deutlich macht. „Tübingen war eine Nazi-Hochburg, vor allem die Uni, und eine Frau eines Pfarrers, der im KZ ermordet wurde, war in Württemberg undenkbar.“ Ungeachtet dessen gründete Margarete Schneider wieder verschiedene Kreise. Doch auf Dauer hielt es sie nicht in Tübingen. Sie ging zurück in den Hunsrück, wo ihr Mann zwischen seinen Aufenthalten in Haft ein Grundstück gekauft hatte. Dort baute sie ein Haus, das zum Zufluchtsort für viele wurde, denen es schlecht ging.

1960 traf sie ein weiterer Schicksalsschlag: Alle ihre Kinder waren in jenem Jahr zum Osterfest in den Hunsrück gekommen. Auf der Heimfahrt verunglückten auf der Autobahn drei ihrer Söhne. Zwei starben sofort, der dritte überlebte. Auch dieser Schicksalsschlag konnte sie nicht brechen. „Die Gretel hat uns getröstet“, erinnert sich Paul Dieterich. Sie sei eine Persönlichkeit gewesen, über die man ein Leben lang nachdenke.

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