Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) ist die Herausforderin. Sie will Winfried Kretschmann (Grüne) 2021 als Regierungschefin ablösen. Foto: picture alliance/dpa/Bernd Weissbrod

Mit Winfried Kretschmann (Grüne) und Susanne Eisenmann (CDU) stehen die ersten Kandidaten für die Landtagswahl fest. Sie sind grundverschieden – und haben doch manches gemeinsam.

Stuttgart - Die Grundaufstellung für die baden-württembergische Landtagswahl 2021 ist geklärt: das Duell der Spitzenkandidaten bestreiten Winfried Kretschmann (Grüne) und Susanne Eisenmann (CDU). Was macht die beiden Spitzenpolitiker aus, die um den Chefsessel in der Villa Reitzenstein kämpfen? Ein Überblick zu fünf wichtigen Fragen:

Wo stehen sie politisch?

Kretschmann: Konservativ, aber zeitgemäß – so beschreibt sich der 71-Jährige selbst. Da ist was dran. Er hält auf bürgerliche Tugenden, steht fest zur katholischen Kirche und neigt auch wirtschaftspolitisch nicht zu Experimenten: Winfried Kretschmann lässt den Unternehmen viel freie Hand – was ihn steuerpolitisch bisweilen über Kreuz mit seiner Partei bringt. Als eine Hauptaufgabe sieht er, den Industriestandort in der digitalen Welt zu verankern. Gleichzeitig will er den Dieselmotor retten. Gesellschaftspolitisch lobt er zwar die „bewährten Tugenden“, intoniert dies aber betont liberal: Familie ist für ihn, wer für einander Verantwortung übernimmt. Den Schutz des Klimas predigt der gelernte Gymnasiallehrer seit jeher. Und Umweltpolitik ist sein Steckenpferd.

Eisenmann: Susanne Eisenmann hatte bisher nicht viel Gelegenheit, sich außerhalb der Bildungspolitik zu positionieren. Hier gibt sie sich pragmatisch und ideologiefrei. Als Spitzenkandidatin ist sie dabei, ihre Standpunkte in anderen Politikfeldern zu schärfen. Mit Blick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt gelte es, Politik zu machen, die nicht spalte und die alle im Blick behalte. Generell präsentiert sich Eisenmann als um Einigung bemüht. Im Klimaschutz soll nicht Ökologie gegen Ökonomie ausgespielt werden, Klimaschutz dürfe nichts sein, was sich nur Reiche leisten könnten. Den technologischen Wandel sieht sie fortschrittsorientiert als Chance für den Wirtschaftsstandort.

Wo kommen Sie her?

Kretschmann: Dass er im Südwesten einmal Ministerpräsident würde, war nun wirklich nicht abzusehen – bei all den Windungen in seinem Lebensweg. Als Biologie- und Chemiestudent in Hohenheim stand er dem Maoismus nahe und wäre beinahe am Radikalenerlass gescheitert. 1979 gründete er den Grünen-Landesverband mit und zog bereits 1980 erstmals in den Landtag ein. Doch in der Partei holte sich der Vertreter des „ökolibertären“ Flügels häufig eine blutige Nase. Das verband Kretschmann mit seinem früheren Chef Joschka Fischer, in dessen hessischem Umweltministerium er eine Zeit lang arbeitete. Noch im Wahlkampf 2011 stellte man dem Spitzenkandidaten und Landtagsfraktionschef ein dreiköpfiges „Spitzenteam“ zur Seite. Doch seit die Grünen – auch infolge der Reaktorkatastrophe von Fukushima und den Protesten gegen Stuttgart 21 – dann erstmals in die Villa Reitzenstein einziehen konnten, ist er der unumstrittene Star seiner Partei.

Eisenmann: Mit der Landespolitik ist Susanne Eisenmann seit Jahrzehnten verbunden, auch ohne Mandat. 1991 übernahm die promovierte Germanistin die Büroleitung von Günter Oettinger, der damals Chef der CDU-Landtagsfraktion war. Sie behielt den Posten bis 2005, da war Oettinger schon Ministerpräsident. Ihr thematischer Schwerpunkt ist bisher die Bildung: Von 2005 bis 2016 war Eisenmann Schulbürgermeisterin in Stuttgart. Im Mai 2016 holte der CDU-Landesvorsitzende Thomas Strobl die Stuttgarter Kommunalpolitikerin gegen den Willen der CDU-Landtagsfraktion als Kultusministerin in die Landesregierung.

Was machen Sie privat?

Kretschmann: Mal Obi, mal Oper, mal Spießer, mal Genießer: Kretschmann scheint zwei Seiten bei der Gestaltung seiner knapp bemessenen Freizeit zu haben. In der Kampagne 2016 zum Beispiel ließ er sich als Heimwerker im Blaumann inszenieren, und das war keinesfalls vorgespielt: Sein Haus in Sigmaringen-Laiz, ein früherer Gasthof, verfügt über eine geräumige Werkstatt. Zum bürgerlichen Lebensstil gehört auch das Wandern auf der Alb mit seiner Ehefrau Gerlinde – auch wenn das Paar schon lange nicht mehr unerkannt unterwegs sein kann. Dann wiederum gibt es den Freund opulenter Opern und tiefgründiger Betrachtungen. Auch dieses Jahr hat sich Kretschmann wieder auf eine griechische Insel zurück gezogen, um Homer und Philosophen zu lesen. Und dann sind da ja noch zwei Enkelkinder...

Eisenmann: „Nanni“ nennen ihre Freunde die streitbare 54-Jährige verniedlichend. Zu ihren persönlichen Freunden zählt Susanne Eisenmann seit Jahrzehnten Günther Oettinger. Dessen Fraktions- und Regierungssprecher Christoph Dahl ist seit 2011 ihr Ehemann. Der heutige Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung brachte fünf Kinder in die Ehe. Freunde und Familie sind ihr wichtig. Die Philologin schätzt Kriminalromane, je dicker desto besser. Man kann Eisenmann in den Wäldern um Sillenbuch wandernd und joggend treffen, schießen tut sie nicht, obwohl die Großstädterin seit langem den Jagdschein besitzt. Sie gilt als kantig, aber herzlich. Eingeweihte bezeichnen die gebürtige Bad Cannstatterin als „festwütig“. Dagegen mag sprechen, dass sie dem VfB unermüdlich die Treue hält. Das verbindet sie mit Kretschmann.

Was halten sie von ihrem Konkurrenten?

Kretschmann: Bislang findet Kretschmann über seine Kultusministerin meist freundliche Worte – noch. Ihre direkte, unverschnörkelte Art liegt ihm, und in den ideologischen Streitfrage, etwa zur Zukunft der Gemeinschaftsschulen, hat man eine Art Stillhalteabkommen geschlossen. Nur beim Verteilkampf um Stellen knirscht es bisweilen: So hat Kretschmann mit Unmut zur Kenntnis genommnen, wie forsch seine Ministerin mal so eben 10 000 zusätzliche Lehrer bis 2030 forderte. Allmählich zeigt sich aber, dass das Klima abkühlt. So soll Eisenmann im Koalitionsausschuss vergangene Woche bereits mächtig die Trommel geschlagen haben – sekundiert von ihrem Amtschef und Vertrauten Michael Föll. Und dies beim Thema Luftreinhaltung, das eigentlich gar nicht in ihr Ressort fällt. Doch hat sie nun die neue Rolle der Herausforderin, und das wird das Verhältnis der beiden zwangsläufig unter Spannung setzen.

Eisenmann: „Unser Verhältnis ist von Respekt, Offenheit und Wertschätzung geprägt“, sagt Susanne Eisenmann über Winfried Kretschmann. „Wir schätzen uns sehr“. Die Kultusministerin führt gerne den direkten Draht an, den sie zum Regierungschef hat. Strittiges regelt sie am liebsten auf kurzem Weg mit dem Ministerpräsidenten. Doch in der neuen Rolle als Spitzenkandidatin und Koordinatorin der CDU in der Koalition sind häufigere Konfrontationen zu erwarten. Die promovierte Germanistin weiß durchaus die umfassende Bildung des Ministerpräsidenten in philosophischen Fragen zu schätzen, wie sie immer wieder anführt. Auch Kretschmanns strikte Haltung in Fragen des Föderalismus sagt Eisenmann durchaus zu. Wie er sieht sich auch die Kultusministerin im Verein für klare Aussprache.

Wie sind die Wahlchancen?

Kretschmann: Dass Kretschmann bessere Chancen hat als alle anderen denkbaren Grünen-Kandidaten, ist in seiner Partei einhellige Meinung. Ein Blick auf die Umfragen genügt: Fast drei Viertel der Baden-Württemberger sind mit seiner Arbeit zufrieden. Die Demoskopen sehen die Südwest-Grünen mal mehr, mal weniger deutlich vor der CDU. Hinzu kommt der stabil positive Bundestrend der Grünen. Ob all diese Werte allerdings Bestand haben, weiß niemand. Schließlich kann bis zum Frühjahr 2021 noch eine Menge passieren. Und neben den Grünen und der CDU laufen sich ja auch noch AfD, SPD und FDP warm. Was Kretschmann und Eisenmann betrifft, haben die Wähler jedenfalls jetzt eine klare Alternative.

Eisenmann: Es ist zu erwarten, dass sich Eisenmann als zupackend, zukunftsorientiert und dynamisch präsentieren wird. Doch der beliebte Ministerpräsident ist eine harte Nuss. Mit ihrem Gestus als Macherin hat sie immerhin schon die CDU-Landtagsfraktion hinter sich gebracht und auch die Partei, die sie überzeugend zur Spitzenkandidatin gekürt hat. In verschiedenen Veranstaltungen stellt sie sich bereits landauf, landab dem kritischen Dialog. Dass sie sich vor Konfrontationen nicht wegduckt, auch über eine gewisse Chuzpe verfügt, wird ihr zugute gehalten und kann sich für sie auszahlen. Allerdings ist der Weg weit, die CDU wieder zur stärksten Partei im Land und zu selbsterklärten Baden-Württemberg-Partei zu machen.

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