Auch mit 35 lodert bei ­Timo Glock in der DTM noch das Feuer.  Foto: dpa

Der BMW-Pilot Timo Glock will in der am Hockenheiring startenden Saison 2017 noch mal angreifen und schauen, wie weit er kommen kann.

Hockenheim - Timo Glock tut richtig gut. Wenn an einem Piloten die Aufgeregtheiten des Rennbetriebs abprallen, dann an ihm. Seine Haare sind etwas grau geworden, doch in Kombination mit dem tiefschwarzen Vollbart bewegt er sich optisch irgendwo zwischen Hollywood-Haudrauf und Nachbar von Nebenan. Glock darf als Kontrastprogramm zu den Medienhelden der PS-Branche bezeichnet werden – er ist authentisch. Das war schon in seiner Formel-1-Zeit so. In der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft (DTM), die an diesem Samstag (14.45/ARD) in Hockenheim in die neue Saison startet, ist es nicht anders.

Wenn Timo Glock Geschichten erzählt, dann brabbelt der in Lindenfels geborene Gerüstbauer immer so, wie sie im Odenwald nun einmal brabbeln. Glock schlendert meist lächelnd durch die verbissen wirkende Motorsport-Szenerie, bleibt mal stehen, wenn man ihn anspricht – ein ganz normaler Junge von der Weinstraße: kein Star-Gehabe trotz Formel-1-Vergangenheit. Dabei präsentiert er stets seinen trockenen, wohltuend intelligenten Humor. Nun ist es nicht so, dass es dem BMW-Piloten egal ist, wo er sportlich steht, und natürlich verschwindet auch mal das Lächeln aus seinem Gesicht, wenn es nicht läuft. Trotzdem vermittelt der Rennfahrer aus Wersau immer auch das Gefühl, dass es Wichtigeres gibt im Leben als Geld und Siege und Ruhm. Er nimmt den aufgeblasenen PS-Zirkus nicht so ernst.

Seine Ziele für die Saison 2017? Glock lächelt, während er lässig an einem Stehtisch lehnt. „Wenn es einstelliger Platz werden könnte, dann gucke ich das erste Mal auf die Gesamtwertung, vorher nicht“, sagt der Hesse, für den das DTM-Abenteuer 2013 mit dem neunten Platz in der Gesamtwertung begann. Danach rutschte er auf die Ränge 16 und 15 ab, erst im vergangenen Jahr führte die Kurve mit Platz zehn wieder nach oben. „Das war definitiv mein bestes DTM-Jahr“, so lautet das Fazit des 35-Jährigen, der im Spätherbst seiner Karriere noch einmal wissen will, wie weit er im geschlossenen Auto kommen kann.

Der Mann, der Hamilton den Titel rettete

Beispiele von Formel-1-Piloten, die in der DTM gnadenlos scheiterten, gibt es genug. Ralf Schumacher etwa kam mit den Tourenwagen nie wirklich zurecht. Drei Rennerfolge verbucht derweil Glock. Aber das waren nichts weiter als Ausreißer nach oben, weil den Siegen prompt wieder der triste Alltag im Mittelmaß folgte. Doch dieser zehnte Rang aus dem Vorjahr treibt ihn an. „Wenn ich hierher komme und sage, dass es mir egal ist, wo ich lande, dann brauche ich am Morgen erst gar nicht von daheim losfahren“, sagt Timo Glock, und verweist darauf, immer noch motiviert zu sein. Mit den jungen Burschen mitzuhalten und ihnen zu zeigen, was man im fortgeschrittenen Rennfahreralter noch so draufhat - darum geht es.

Timo Glock will die Jungs etwas ärgern, das macht ihm Spaß, dem Schelm. Seine Fähigkeiten sind unbestritten. Davon zeugen die beiden zweiten Plätze und der dritte Rang in den Jahren 2008 und 2009 bei Toyota in der Formel 1. Als die japanischen Etat-Weltmeister wegen anhaltender Erfolglosigkeit den Stecker gezogen hatten, stand der Deutsche kurzzeitig auf der Straße – fand aber Unterschlupf im Virgin-Team, in dem er später unter dem Namen Marussia in seinen letzten drei Formel-1-Jahren überall hinfuhr, nur nicht in die Punkte. In den Blickpunkt der Öffentlichkeit geriet er erstmals so richtig beim Saisonfinale 2008 in Sao Paulo, wo er in der vorletzten Kurve der letzten Runde von Lewis Hamilton überholt wurde – damit wurde der Brite mit einem Punkt Vorsprung auf den Brasilianer Felipe Massa Weltmeister. Die heimischen Fans des Südamerikaners, der sich nur für wenige Sekunden als Champion fühlte und später heulte wie ein Schlosshund, unterstellten Glock üble Absicht und beschimpften ihn wüst. Tatsächlich zwangen ihn Reifenprobleme zur Tuckerfahrt – Hamilton hatte bei seinem ersten Titel „Glock“ gehabt.

Das Karriereende ist nicht planbar

Und bei Timo Glock lodert das Feuer noch. „Erst wenn die Aufregung nicht mehr da ist, wenn du am Start stehst, dann muss du über über das Karriereende nachdenken“, sagt er – auch weil er der Überzeugung ist, dass sich solch ein Schritt nicht planen lässt. Er ist noch gern dabei und macht sich so seine Gedanken über das Gesamtprodukt DTM, die auch in dieser Saison viele Zuschauer von ihrem Angebot überzeugen muss. „Die Autos müssen furchteinflößend sein. Wenn man vor ihnen steht, muss man zittern“, sagt der BMW-Mann und tippt entschlossen auf den Tisch. Am wichtigsten seien schließlich immer noch die Menschen auf den Tribünen. „Die müssen am Sonntag hier weggehen und dann sofort im Programmheft nachschauen, wo das nächste Rennen ist.“

Und wo befindet sich Glock mit 40? Von morgens bis abends im Büro zu sitzen – eine fürchterliche Vorstellung ist das. „Da würde ich lieber wieder Gerüstbauer werden, denn dafür wäre ich mir absolut nicht zu fein“, sagt Mister cool, der mit Frau und Kindern in der Schweiz lebt. Man nimmt es ihm fast ab. Sicher ist: Die Gerüstbaufirma des Vaters würde den Aushäusigen mit Kusshand zurücknehmen.

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