Marlene Gotthardt tritt wie im vergangenen Jahr beim DTB-Pokal in Stuttgart an. Foto: Pressefoto Baumann/Hansjürgen Britsch

Für einige von Stuttgarts besten Turnerinnen beginnt beim DTB-Pokal die Wettkampfsaison. Wo sie stehen, weiß nach schwierigen Monaten mit Frust, Enttäuschung und Unsicherheit keiner.

Eigentlich war gar nicht geplant gewesen, dass Emma Malewski an diesem Wochenende in Stuttgart weilt. Der DTB-Pokal, der seit Donnerstag in der Porsche-Arena stattfindet, stand nicht auf dem Jahresplan der Turnerin aus Chemnitz. Vor acht Monaten hatte sich die Schwebebalken-Europameisterin von 2022 einer Schulter-Operation unterziehen müssen, der Weg zurück lief dann aber mehr als nur nach Plan. Weshalb sie jüngst in den Katakomben der Arena in Stuttgart stand und sagte: „Ziel ist es, Spaß zu haben.“

 

Wie viel Spaß Turnerinnen generell bei der täglichen Ausübung ihres Sports haben können, darum ging es viel in den vergangenen Wochen, seit im Dezember mehr und mehr Missbrauchsvorwürfe die Szene speziell in Stuttgart und Mannheim erschüttert haben. Weshalb Emma Malewski stellvertretend für ihre Kolleginnen zwar einerseits betonte: „Wir sind hier, um einen Wettkampf zu turnen.“ Die 20-Jährige berichtete aber auch davon, wie das Thema sogar bei ihr als nicht Betroffener präsent war und ist.

„Wir haben im Team viel darüber geredet“, sagte sie und meinte sowohl das Nationalteam als auch die Trainingsgruppe in Chemnitz. Die hatte vor einigen Jahren schon mit dem Thema zu tun gehabt, nun standen und stehen die baden-württembergischen Stützpunkte im Mittelpunkt. Rund um den DTB-Pokal stellt sich daher auch die Frage, wie jene, die an diesen Standorten trainieren, nun überhaupt in Form sein können.

Eine Trainerin und ein Trainer sind schon vor Weihnachten erst vorläufig, Mitte Januar dann langfristig suspendiert worden. Zwei weitere Coaches fehlen seitdem ebenfalls, einer krankheitsbedingt. Sprich: Der Schwäbische Turnerbund (STB) und der Deutsche Turner-Bund (DTB) waren fleißig am Improvisieren in den vergangenen Wochen – was direkte Auswirkungen auf eine Gruppe von Spitzenturnerinnen rund um die Olympia-Überraschung Helen Kevric hatte.

Der deutsche Frauen-Bundestrainer Gerben Wiersma. Foto: Pressefoto Baumann/Hansjürgen Britsch

Die verbliebenen Trainerinnen bekamen am Mittwoch in Stuttgart zwar ein öffentliches Lob des Bundestrainers („Ihnen ein großes Kompliment“), allerdings hatten die beiden zeitweise sehr viele Turnerinnen gleichzeitig zu betreuen. Die Männer-Trainer am Kunstturnforum (KTF) übernahmen Einheiten der Mädchen. Dann schien eine Lösung gefunden, doch nach nur wenigen Tagen war der Amerikaner Daymon Jones wieder verschwunden. Und zwischendurch war der DTB-Chefcoach Gerben Wiersma selbst anwesend, um zu überbrücken. „Die Lage“, gab der Niederländer zu, „war sehr schwierig.“

Hat er Frust wahrgenommen bei den Stuttgarter Turnerinnen? Enttäuschung? Verunsicherung? „Ja, alle diese Emotionen“, antwortete Wiersma. Über zwei Monate dauerte dieser Zustand der Unsicherheit an für die Top-Trainingsgruppe in Stuttgart, die Zweifel am weiteren Weg wurden in dieser Zeit nicht unbedingt kleiner. „Es ist schwierig, wenn plötzlich der Trainer, mit dem du ewig trainiert hast, nicht mehr da ist“, weiß auch Emma Malewski.

Erst eine Trainerstelle ist wieder besetzt

Eine der offenen Trainerstellen ist seit wenigen Wochen ausgeschrieben. Seit Anfang März kümmert sich zudem die ehemalige Trainerin von US-Superstar Simone Biles, die Amerikanerin Aimee Boorman, um die vier besten Athletinnen in Stuttgart – von denen Marlene Gotthardt und Michaela Mühlhofer nun an diesem Freitag beim DTB-Pokal antreten. Trotz des Trainingsrückstands. Für Helen Kevric hat es nicht gereicht.

Was für alle noch drin ist in diesem Jahr, in dem Ende Mai in Leipzig auch eine Heim-EM ansteht? Da traut sich auch der Bundestrainer keine Prognose zu. „Im Turnen“, sagte er ganz grundsätzlich, „ist es sehr wichtig, dass man sein Training von Woche zu Woche aufbaut.“ Das jedoch war für die Stuttgarterinnen im enorm wichtigen ersten Quartal des Jahres kaum möglich, weshalb Gerben Wiersma nun „von Camp zu Camp“ schauen möchte. Er meint die Trainingsmaßnahmen mit der Nationalmannschaft, die meist in Frankfurt stattfinden.

In Stuttgart habe er mittlerweile „eine Verbindung“ zwischen den Turnerinnen und ihrer neuen Trainerin wahrgenommen. Auch die Leistungen hätten sich bereits verbessert. Trotzdem bleibt er dabei: „Wir müssen vorsichtig sein mit dieser Mannschaft.“

Gerben Wiersma wird genau hinsehen an diesem Wochenende in Stuttgart. Übrigens auch bei den Juniorinnen, da er neben seiner eigentlichen Aufgabe auch Claudia Schunk vertritt. Die Nachwuchs-Bundestrainerin ist wegen der Aufarbeitung von einstigen Vorfällen in Mannheim derzeit ebenfalls freigestellt. „Wir versuchen, uns auf die Wettkämpfe zu konzentrieren“, sagte der Bundestrainer.

Emma Malewski muss diesen Versuch übrigens nun doch nicht wagen. Sie muss wegen einer Wadenverletzung kurzfristig passen. „Ich bin“, sagte sie, „sehr enttäuscht.“