Der ehemalige IWF-Chef und Hoffnungsträger der französischen Sozialisten, Dominique Strauss-Kahn, muss sich wegen schwerer Zuhälterei vor Gericht verantworten Foto: dpa

Der ehemalige IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn muss sich in Lille wegen des Vorwurfs der Zuhälterei verantworten – seine Anwälte wittern ein politisches Komplott.

Paris/Lille - So peinlich die Anschuldigungen auch sind – ihm können sie nichts anhaben. Das signalisierte Dominique Strauss-Kahn, als er am Montag zum Prozessauftakt wegen des Vorwurfes der schweren Zuhälterei im nordfranzösischen Lille erschien. Zwar wählte er einen Hintereingang in das Justizgebäude, um den wartenden Journalisten zu entgehen. Doch ansonsten gab sich der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) demonstrativ gelassen.

In die sogenannte „Carlton“-Affäre um das gleichnamige Luxushotel in Lille sind dessen Direktor und zwei Hotel-Manager verstrickt sowie Unternehmer, ein ranghoher Polizeibeamter, ein Anwalt und ein belgischer Bordellbetreiber. Auch zwei Frauen gehören dem Netzwerk an, das bis 2011 Sex-Orgien mit Prostituierten in Wohnungen, Restaurants und Hotels wie dem „Carlton“ in Lille organisiert haben soll. So ist DSK, wie Dominique Strauss-Kahns Name in Frankreich abgekürzt wird, nur einer von 14 Angeklagten. Die Justiz interessiert, ob er wusste, dass es sich bei den anwesenden Frauen um Prostituierte handelte – und ob er die Treffen gar mit organisiert hat. Oder ist er, wie seine Anwälte beklagen, Opfer eines Komplotts? Sein Verteidiger Richard Malka, der zuletzt als Sprecher und Anwalt des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ in den Schlagzeilen war, erklärte, die Anklage sei politisch und moralisch motiviert – aber juristisch nicht haltbar. Sie wurde erhoben, obwohl sich die Staatsanwaltschaft 2012 für eine Einstellung des Verfahrens aussprach. „Man weitet den Begriff des Kunden auf den des Zuhälters aus“, kritisiert auch Éric Dupont-Moretti, der einen anderen Angeklagten verteidigt. „Ich glaube, man will Strauss-Kahn eine reinwürgen.“

Die Untersuchungsrichter beschreiben DSK als „zentralen Dreh- und Angelpunkt“ und „hauptsächlichen Nutznießer“ der Partys, die je nach seinem Aufenthaltsort in Lille oder Paris, Washington, Wien und Madrid stattfanden. In SMS-Nachrichten erkundigte er sich nach Frauen, die er als „Kleine“, „Geschenk“ oder „Material“ bezeichnete. Bezahlt wurden sie nicht von ihm, sondern von seinen Freunden, die die Kosten über ihre Unternehmen abrechneten. Diese könnten sich „persönliche oder berufliche Vorteile“ von DSK als „Mann der Macht“ erhofft haben, heißt es: Der Ökonom galt als große Hoffnung der Sozialisten für die Präsidentschaftswahlen 2012. Doch seine Karriere endet ein Jahr zuvor abrupt durch den Vergewaltigungsvorwurf einer New Yorker Hotelangestellten. Strauss-Kahn, der bis dahin beliebteste französische Politiker, erlebte einen beispiellosen Niedergang. Schonungslos wurden seine sexuellen Vorlieben in der Öffentlichkeit ausgebreitet. Die Prostituierten beschrieben „außergewöhnliche Praktiken“ und Brutalität, ja eine wahre „Metzgerei“. Vier der Frauen treten nun als Nebenklägerinnen auf.

Strauss-Kahn hat im Vorfeld erklärt, „in moralischer Hinsicht“ könne man denken, was man wolle. Aber die Treffen seien weder gewaltsam noch frauenverachtend und seines Wissens nach auch nicht bezahlt gewesen: Wie solle man einer Frau ansehen, dass sie Prostituierte sei? „Er wusste sehr genau, warum wir da waren“, widersprach eine der Frauen.

DSK drohen bis zu zehn Jahre Haft und eine Geldstrafe von bis zu 1,5 Millionen Euro – sowie die endgültige Zerstörung seines Rufes. Einer Umfrage zufolge wünschen sich zwar 56 Prozent der Franzosen kein politisches Comeback von Strauss-Kahn, zugleich glauben 79 Prozent, er wäre ein besserer Präsident als Francois Hollande. Strauss-Kahns Fachverstand bleibt geschätzt – als Mensch scheint er durchgefallen, egal wie der Prozess ausgeht.

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