Immer mehr junge Männer ziehen auch aus Deutschland in den Dschihad. Foto: dpa

In Syrien und dem Irak, ist sich ein früherer britischer Dschihadist sicher, werden Spezialisten für den Einsatz in ihren Heimatländern ausgebildet – nach ihrer Rückkehr aus dem Dschihad. Werber der Terrorgruppen El Kaida und Islamischer Staat suchen im Internet nach menschlichem Nachschub.

Stuttgart/Zürich - Diese Stellenanzeige gefiel dem jungen Schweizer Gleitschirmlehrer: „Ort: Syrien. Berufsbezeichnung: Mudschahed – Kämpfer im Heiligen Krieg, Arbeitgeber: Allah. Gehalt: Höchste Stufe im Paradies“.

Gefunden hatte der damals 29 Jahre alte Konvertit sie auf der Facebook-Seite eines französischen Muslimen, der den ­Heiligen Krieg glorifizierte: „Komm in den Dschihad, wenn Du das Paradies suchst“, hatte Abu al-Hassan unter ein Bild geschrieben, das bis an die Zähne bewaffnete Krieger unter der Fahne der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) zeigte. ­Ermittlungsbehörden in Paris sind überzeugt, dass Abu al-Hassan einer der aktivsten Rekrutierer in Europa war, der für den Dschihad, den Heiligen Krieg der Salafisten, warb.

Zumal er den Weg ins angepriesene Paradies für Interessenten so einfach wie möglich gestaltet hatte: Das Stellenangebot in den Kriegsgebieten Syriens war praktischerweise mit der Internetseite einer türkischen Fluggesellschaft verlinkt, über die Interessierte wie der Schweizer Mathieu gleich die Reise nach Antakya ins türkisch-syrische Grenzgebiet buchen konnten.

Mekka für Dschihadreisende aus der westlichen Welt

Die Stadt ist – neben der Grenzstadt Kilis – zu einem Mekka für Dschihadreisende aus der gesamten westlichen Welt geworden. Rund um den Basar in der Stadtmitte warten Schlepper auf die, die den Weg auf die Schlachtfelder suchen. Beäugen das „Frischfleisch“ aus Stuttgart, Kirchheim unter Teck und Dinslaken ebenso wie den Nachschub aus Genf, Zürich und Brüssel, mit dem sie den unersättlichen Hunger der Terrorgruppen in Syrien und im Irak für ein, zwei Tage befriedigen wollen.

Eines der beiden Einfallstore nach Syrien liegt 46 Kilometer von Antakya entfernt im Osten. Die Grenzstadt Reyhanli platzt aus allen Nähten. Einheimische, Flüchtlinge, Verletzte mit blutigen Verbänden um den Kopf, die Arme oder die Beine. Zwischendurch immer wieder kleine Gruppen junger Männer, die die Läden des Basars nach tarnfarbenen Hosen und oberschenkellangen Oberteilen oder Holstern für Pistolen durchstöbern.

Auf vielen Balkonen schaukeln ausrangierte deutsche Bundeswehruniformen oder britischer Wüstendrillich an den Wäscheleinen im Wind. Freitags zum Mittagsgebet platzt die Moschee in der Straße der Republik aus allen Nähten. Dann halten die Rekrutierer des IS wie auch die der Konkurrenzterroristen von der El Kaida Heerschau. An etlichen Freitagen sucht der frühere Ulmer Islamist Reda Seyam die Rekruten selbst aus, die er für seinen Herrn, den selbst ernannten IS-Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi, vorgesehen hat.

Neue Rekruten werden penibel durchleuchtet

Die kritische Phase des Kämpferlebens beginnt: Sowohl der IS wie auch die El-Kaida-Filiale Jabhat al-Nusra durchleuchten die neuen Rekruten penibel. Stellen fest, ob sie in den Gemeinden in Deutschland und der Schweiz bekannt sind, aus denen sie angeblich herkommen. Befragen Glaubensbrüder der Terroranwärter nach deren Gesinnung, Glaubensfestigkeit, Radikalisierung.

So, davon ist der britische Terror-Experte Shiraz Maher überzeugt, „soll vermieden werden, dass Spione oder Maulwürfe in die Organisationen eingeschleust werden“. Werden solche enttarnt, droht ihnen ein inzwischen ebenso bekanntes wie abscheuliches Schicksal: Ihnen schneiden die Extremisten die Köpfe ab oder exekutieren sie am Straßenrand.

Bilder, die die Rekruten in Syrien begleiten werden. Selten ist eine Strecke von mehr als fünf, sechs Kilometern im Nordwesten des Landes zu überwinden, ohne dass ein Geköpfter am Straßenrand oder auf einer Verkehrsinsel sitzt. Den Kopf zwischen die Oberschenkel gelegt. Um den Oberkörper ein Schild, auf dem die Vergehen des Toten aufgeführt sind: Ehebruch, Feigheit, Fahnenflucht.

Bericht eines "Fahnenflüchtigen"

Die gelang dem britischen Salafi Yusuf aus der Nähe des englischen Coventry im Dezember 2013. Während eines Gefechtes nahe Aleppo setzte sich der 22-Jährige aus einem Kampfverband des Islamischen Staates ab und lief zur Freien Syrischen Armee (FSA) über. Den als moderat geltenden Rebellen berichtete der junge Mann, wie er im Ausbildungslager Atmeh nahe der Grenze zur Türkei fit für den Kampf in den Ruinen der Dörfer und Weiler rund um die nordsyrische Metropole gemacht wurde.

Die Ausbilder hätten die Rekruten durch mit Granatapfelbäumen bewachsene Hügel joggen lassen. Auf improvisierten Schießbahnen sei mit Kalaschnikow-Gewehren auf Steine, Bäume und selbst gebastelte Pappkameraden gefeuert worden. Sprengstoff hätten die Terrorschüler aus Chemikalien selbst zusammengerührt. Fünfmal am Tag hielten die Rekruten inne, um zu beten. „Nach den vier Wochen hatte ich das Gefühl, körperlich wie geistig bereit für den Kampf zu sein.“

Auf Träume vom Paradies folgt bald Ernüchterung

Wer sich in den Gefechten geschickt anstellt, wird befördert – und weiter ausgebildet. In speziellen Trainingscamps drillen El Kaida und der IS Scharfschützen, Sprengstoffexperten und Nahkämpfer. Vor allem für die Kämpfe in den Großstädten Aleppo, Idlib und Damaskus. Aber, so ist sich Yusuf sicher, „auch für den Einsatz in ihren Heimatländern. Solche Leute sammeln in Syrien nur Kriegserfahrung“.

In Gefechten, die viele Dschihadis in ihren Träumen vom Paradies ernüchtern: Von Häuserkämpfen, „in denen extrem viele meiner Mitkämpfer starben“, berichtet Yusuf. Von tückischen Sprengfallen, die seine Kameraden in Fetzen rissen. Er beschreibt oftmals planlose Angriffe, die „ein Kommandant anführte, der keinerlei Ahnung von militärischen Dingen, dafür aber auf jede Glaubens- und Lebensfrage eine Antwort hatte“. Der sogar die Frage klärte, ob taktische Absprachen über Funk mit dem Koran vereinbar gewesen seien oder nicht. Der Schweizer Mathieu erzählte nach seiner Rückkehr in die Schweiz, ihn hätte entsetzt, dass der IS Krankenwagen benutzte, um Selbstmordanschläge zu begehen.

Im Januar waren offenbar viele Kriegsreisende aus Europa und der westlichen Welt so weit desillusioniert, dass sie Syrien, dem Irak, dem Krieg den Rücken kehren wollten. Der Islamische Staat reagierte. Hart. Unerbittlich. Er schnitt seinen Kriegern die Köpfe ab oder schoss sie wie Hunde nieder.

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