Ein mit der Drohne geortetes Rehkitz wird mittels Kescher eingesammelt und aus dem Gefahrenbereich getragen. Mit dem Kescher ist ein stressfreier Abtransport ohne menschlichen Geruch möglich. Die mit Wärmebildsensoren ausgestatteten Drohnen überfliegen früh am Morgen die Wiesen, bevor sie gemäht werden. Foto: IMAGO/Countrypixel

Seit diesem Jahr dürfen die Drohnen von Kitzrettern in Flughafennähe nur noch vor sechs Uhr fliegen. Das könnte vielen jungen Rehen das Leben kosten.

Michael Gehrung ist sauer: „Seit diesem Jahr dürfen wir in der Nähe vom Flughafen nicht mehr mit Drohnen nach Rehkitzen suchen“, schimpft der als ausgesprochen streitbar geltende landwirtschaftliche Obmann von Plieningen. Was sich in Zusammenarbeit mit den örtlichen Jagdpächtern in den vergangenen Jahren bewährt hat, soll in diesem Frühjahr plötzlich nicht mehr erlaubt sein.

 

Was ist passiert? Vor etwa zweieinhalb Jahren haben die Plieninger Jagdpächter mit finanzieller Unterstützung des Bezirksbeirats eine rund 6000 Euro teure Drohne angeschafft. Seitdem, so berichtet der Jäger Frank Meier, habe man von der Flugsicherung des Stuttgarter Flughafens stets grünes Licht erhalten, wenn er und sein Kollege im Frühjahr vor der Mahd von den Landwirten den Auftrag erhalten hatten, in Flughafennähe aus der Luft nach Rehkitzen im hohen Gras zu fahnden. Mehr als zehn Kitze konnten auf diese Weise jährlich vor den Mähmaschinen gerettet werden.

Zu Erklärung: Rund um den Flughafen gilt eine 1,5 Kilometer breite Drohnenflugverbotszone, über die die Deutsche Flugsicherung (DFS) wacht. Künftig sollen die Kitzretter innerhalb dieses Bereichs auf Antrag, anders als früher, nur noch vor sechs Uhr morgens mit Drohnen fliegen dürfen. Also bevor die Flugzeuge starten oder landen.

Drohnenflüge vor sechs Uhr morgens

Die Grafik zeigt die Drohnenflugverbotszone am Flughafen Stuttgart. Foto: Manfred Zapletal

Doch das, erklärt Landwirt Gehrung, sei eben nicht praktikabel: Die Kitzsuche und die Mahd müssten zeitlich möglichst dicht beieinander liegen. Damit solle verhindert werden, dass ein einmal gefundenes und versetztes Kitz nicht zurückkehrt, bevor mit dem Mähen begonnen wird. Das Problem: „Landwirte, die Futterwiesen haben, müssen morgens in der Regel erst einmal in den Stall“, so Gehrung. Zudem sollte das Gras beim Mähen nicht mehr nass sein.

Am Hauptsitz der DFS in Langen bei Frankfurt bestätigt eine Sprecherin auf Anfrage die seit kurzem geltende restriktive Regelauslegung: „Aktuell sehen wir uns mit einer erheblichen Zunahme von UAS-Flügen konfrontiert, insbesondere durch Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben.“ Die Abkürzung UAS steht für „Unmanned Aircraft Systems“, also Drohnen. Weil gleichzeitig die Anforderungen aus den europäischen Vorschriften sowie die Zahl der Drohnensichtungen im Umfeld von Flughäfen in den vergangenen Jahren stark gestiegen seien, müssten mehr Einzelanträge als in der Vergangenheit abgelehnt werden. Darunter fallen auch die Anträge der Kitzretter.

Ohne Drohnen, mit eigenen Augen sind die Kitze kaum zu sehen

Der Plieninger Jagdpächter Frank Meier muss jetzt als Alternative zur Drohne einige teure elektrischen Scheuchen anschafffen, mit denen Kitze und Rehgeißen vergrämt werden können. Die Scheuchen gelten jedoch als weniger effektiv. Foto: Torsten Schöll

Für Landwirte, die wie Gehrung in Flughafennähe Futterwiesen haben, bietet die Erklärung kaum Trost. Die Suche nach den Kitzen, die in der Regel zwischen Mai und Juli geboren werden, sei mittels Drohnen deutlich effektiver als die konventionelle Suche mit Helfern, die durch die Wiesen streifen. Auch Jäger Frank Meier betont, dass die im hohen Gras niedergekauerten jungen Rehe mit eigenen Augen kaum zu erspähen seien. Bei der Vorstellung eines zermähten Kitzes wird Landwirt Gehrung drastisch: „Man sollte es der Flugsicherung vor die Türe werfen“, sagt er.

Betroffen sind vor allem Weidach- und Zettachwald sowie Heslachwald

Auf das Flugverbot in der 1,5-Kilometer-Zone, das in Plieningen insbesondere die Wiesen in den Naturschutzgebieten Weidach- und Zettachwald sowie Heslachwald betrifft, wollen die Jäger jetzt mit der Anschaffung von mehreren elektrischen Scheuchen reagieren. Die stangenartigen Vorrichtungen, die mit Licht und akustischen Signalen die Tiere vergrämen sollen, gelten allerdings als weniger effektiv als Drohnen. Rund 170 Euro kostet eine elektrische Scheuche, die mindestens 24 Stunden vor der Mahd aufgestellt werden muss.

Bei den Flughafenanrainern in Echterdingen und Filderstadt gilt das Problem mit den Rehkitzen als nicht so groß wie auf Stuttgarter Gemarkung. Dort liegen neben Siedlungen vor allem Ackerland in der Drohnenflugverbotszone. Ob im kommenden Jahr die Plieninger Kitzretter wieder ungehindert in die Luft gehen können, ist indes noch unklar: Die DFS teilt hierzu mit, dass kürzlich ein neues Rahmenkonzept mit dem Bundesverkehrsministerium erarbeitet worden sei. Das soll künftig wieder „Drohnenflüge innerhalb von Kontrollzonen praxisnah und nachfragegerecht“ ermöglichen, heißt es. Wann die neuen Regeln in Kraft treten, lasse sich aktuell nicht sagen.