Die Soldaten verfolgen ihre Ziele am Bildschirm – wenn sie sich sicher sind, dass es sich um feindliche Aktivisten handelt, drücken sie den entscheidenden Knopf. Foto: Yaron

Nicht nur die USA, auch der jüdische Staat setzt im Krieg gegen seine Feinde zunehmend auf Drohnen. Ein Besuch bei einer geheimen Kampfeinheit, die im gesamten arabischen Raum agiert.

Nicht nur die USA, auch der jüdische Staat setzt im Krieg gegen seine Feinde zunehmend auf Drohnen. Ein Besuch bei einer geheimen Kampfeinheit, die im gesamten arabischen Raum agiert.

Tel Aviv - Der Tod kam aus der Luft. An einem Freitagnachmittag im vergangenen August hörten die Bewohner der Stadt Rafah im Norden der Sinaihalbinsel plötzlich eine gewaltige Explosion. „Die vier besten Dschihadisten des Sinai wurden getötet“, behauptete die Terrororganisation Ansar Beit Al Maqdis später. „Unsere Helden wurden während einer Mission gegen die Juden zu Märtyrern.“

An dem Ort, von dem aus das Terrorkommando plante, Raketen auf Israel abzuschießen, war in den Sanddünen nur noch ein verkohltes Motorrad zu sehen – und der Rest einer Rakete. Doch wer feuerte das Geschoss ab, das die feindlichen Aktivisten in letzter Sekunde stoppte? Man weiß es nicht. Es gibt ein allgemeines Interesse, Fehlinformationen zu verbreiten. Ägyptens Militär behauptete, ein Kampfhubschrauber habe die Terrorzelle ausgeschaltet. Man sichere Ägyptens Souveränität und bekämpfe Islamisten im Sinai ganz allein, hieß es in Kairo. Doch Bewohner im Sinai, Islamisten und Armeeangehörige erzählten eine andere Geschichte: Demnach wurde die tödliche Rakete von einer israelischen Drohne abgeschossen, die zuvor stundenlang entlang der Grenze kreiste. Die israelischen Streitkräfte schweigen sich über die Einsätze ihrer Drohnen aus. Zu heikel wäre eine direkte Einmischung in den Bürgerkrieg im Sinai.

Eines ist jedoch unumstritten: Israel verlässt sich immer mehr auf die unbemannten Flugzeuge, um die eigenen Grenzen zu sichern und an weit entfernten Schauplätzen unbemerkt und mit geringem Risiko einzugreifen. Mit Drohnen wird Aufklärung tief in Feindesland betrieben, mit ihnen werden Luftangriffe geflogen und feindliche Aktivisten gezielt getötet. Sie sollen auch im jordanischen Luftraum die chemischen Waffenbestände in Syrien überwachen. Und könnten an einem Angriff auf Waffendepots in der Küstenstadt Latakia beteiligt gewesen sein.

„Wir sind die Augen der Armee“

Mittlerweile ist kaum eine israelische Militäraktion ohne die ferngelenkten High-Tech-Fluggeräte mehr denkbar: „Mehr als die Hälfte der Einsätze der Luftwaffe wird inzwischen von Drohnen ausgeführt“, sagt Major Gil A., Kommandant der Schule für Drohnenpiloten in Palmachim, einem Militärstützpunkt am Mittelmeer. Das Drohnengeschwader 200 der israelischen Luftwaffe absolvierte 2012 rund 12 000 Flugstunden – mehr als jede andere Staffel der Luftwaffe. „Wir sind die Augen der Armee“, sagt Major Eyal, einer der Kommandeure der Einheit, die ebenfalls in Palmachim stationiert ist. Die Soldaten des Geschwaders sind zwar nie selber an der Front, sie kämpfen dennoch ganz vorne mit. Ihr Einsatzort ist ein olivfarbener Container, durch Beton vor Angriffen geschützt. Draußen brennt die Sonne, drinnen herrschen Kühlschranktemperaturen. An den Wänden reihen sich die Monitore.

Die Bildschirme zeigen Autos mit palästinensischen Kennzeichen in einer geschäftigen Straße in Gaza. Im Zoom sind die Gesichter der Menschen erkennbar und auch das, was sie in den Händen halten. „Man sieht alles bis ins kleinste Detail“, sagt Eyal. „Wir sind die Einzigen mit vollem Überblick über das Chaos des Schlachtfelds. Deswegen tragen wir eine gewaltige Verantwortung“, sagt er. „Wir hören ständig mindestens fünf Funkkanäle: Vom Generalstab bis zum einfachen Soldaten“, erklärt Eyal. Vor dem Abschuss einer Rakete müssen die Piloten grünes Licht geben. Sie müssen sicherstellen, dass keine Unschuldigen getroffen werden können – und die Männer im Fadenkreuz tatsächlich Feinde sind.

Eyal erinnert sich noch gut an seinen ersten „Fronteinsatz“ vor Jahren, der ihm schwer zusetzte. „Ich sah die zwei Männer als Erster und dachte sofort: Was haben die da zu suchen?“ Die Verdächtigen huschten durch eine kleine Gasse im Gazastreifen, wenige Meter von israelischen Truppen entfernt. „Es war ein Kampfgebiet, in dem sich keine Zivilisten aufhalten sollten. Aber ich wollte keinen Feuerbefehl geben, falls es sich nur um unschuldige Passanten handelte.“ Eyal beobachtete die beiden, zoomte sie heran. „Dann, für einen Sekundenbruchteil, schaute unter ihren Kleidern ein Gewehrlauf hervor. Ich gab grünes Licht für den Beschuss.“ Sekunden später blitzte die Explosion einer Rakete auf, und die Männer lagen tot auf der Straße. „Und plötzlich sagte der Reservist neben mir, er glaube, die waren gar nicht bewaffnet. Es war wie ein Schlag in die Magengrube“, sagt der Major. Zweifel nagten an ihm: „Meine Offiziere drängten mich, weiterzumachen, aber ich wollte sehen, ob ich mich geirrt, den Tod zweier Unschuldiger mitverantwortet hatte. Schließlich war ich hier noch ganz neu.“

10.000 Meter Höhe für 24 Stunden

Trotz hochauflösender Kameras und modernster Technologie können Fehler passieren. Die Enthüllungsplattform Wikileaks offenbarte, dass den Militärs Ende 2008 bei der Operation „Gegossenes Blei“ ein tragischer Fehler unterlief: Länger als 40 Minuten verfolgte eine Drohne zwei Hamas-Aktivisten im Gazastreifen. Als die Israelis überzeugt waren, dass sich kein Zivilist in ihrer Nähe befand, kam das Okay für den Angriff.

Die Rakete traf die Aktivisten, doch die Schützen am Computer hatten eine Moschee daneben übersehen. Das Geschoss flog durch eine offene Tür ins Gebetshaus und tötete 14 weitere Menschen. Der verantwortliche Offizier wurde strafversetzt.

Drei der modernsten Drohnen Israels, dem mittlerweile weltgrößten Exporteur unbemannter Flugobjekte, hat auch Deutschland geleast. Heron heißt das Gerät, mit 16,6 Meter Spannweite sieht es aus wie ein richtiges Flugzeug. Es kann mindestens 24 Stunden in der Luft bleiben, in bis zu 10 000 Meter Höhe. „Niemand weiß, dass wir da sind“, sagt Eyal. Beduinen im Sinai berichten jedoch, dass sie Israels Drohnen sehr wohl hören und sehen können. Immer öfter ziehen sie über der Halbinsel, von der aus immer wieder Raketen auf Israel abgeschossen werden, ihre Runden. Im August 2012, so behaupten manche Quellen, sollen Drohnen einen tödlichen Angriff geflogen haben. Damals starb Ibrahim Owida Nasser Madan, ein El-Kaida-Aktivist und mutmaßlicher Attentäter. Die Berichte wurden später von Israel und Ägypten dementiert. Madan sei einem Unfall erlegen, bei dem eine Rakete auf seinem Motorrad vorzeitig explodierte.

Kein Computerspiel

Eyals Bildschirm zeigt eine Aufnahme aus der Operation „Gegossenes Blei“. Ein palästinensischer Kämpfer legt in einer Gasse in Gaza eine Sprengfalle. Emsig schneidet er, hinter einer Mauer versteckt, Kabel zurecht, legt den Sprengstoff in eine große Puppe neben sich. Ähnlich detailliert müssen die Drohnenoperateure auch die Terrorzelle im Sinai gesehen haben, als sie die Rakete für den Abschuss auf Israel vorbereiteten. Immer wieder wechselt die Perspektive: Zuerst sieht man den Palästinenser in Farbe, dann schaltet der Operateur zu einer Wärmebildkamera, um zu untersuchen, ob es sich bei der Figur auf der Straße um eine Leiche oder eine Puppe handelt. „Erst wenn wir absolute Gewissheit haben, wird der Terrorist ausgeschaltet“, sagt Eyal. Per Knopfdruck.

Dennoch betonen die beiden Offiziere: „Das hier ist kein Computerspiel. Wir kämpfen zwar nicht selber mit, unser Leben ist nicht in Gefahr. Trotzdem sehen wir genau, wie Krieg aussieht und was er bewirkt“, sagt Eyal. Nach dem Einschlag der Raketen müssen die Operateure feststellen, ob das Ziel getroffen wurde. Der Anblick verstümmelter Leichen, manchmal auch der unbeteiligter Zivilisten, sorgt für psychischen Stress. Die Luftwaffe sei bemüht, diesen Stress zu bewältigen: „Wir sprechen viel darüber, haben Seminare und beraten uns mit Psychiatern.“

Bei jenem ersten Einsatz in Gaza vor mehreren Jahren, bei dem Eyal grünes Licht gegeben hatte, ließ er seine Drohne noch minutenlang über den Leichen der beiden Palästinenser kreisen. Er wollte Gewissheit. „Ein paar Minuten nach dem Einschlag der Rakete huschte ein weiterer Mann zu den Leichen, und zog zwei Gewehre unter ihren Jacken hervor“, sagt Eyal erleichtert.

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