Bei Sportveranstaltungen sind Drohnen eine kostengünstige Alternative zu Helikoptern. Foto: dpa

Firmen setzen immer mehr Drohnen ein. Große Hoffnungen werden vor allem in die Logistik gesetzt. Doch wie gefährlich könnten die unbemannten Fluggeräte im Alltag werden?

Stuttgart - Die Goldgräberstimmung bei den Drohnenherstellern erfasst jetzt auch weitere Branchen. Für die unbemannten Fluggeräte finden Firmen neue Aufgaben, sei es in der Landwirtschaft, bei Live-Übertragungen oder in der Überwachung. Die Einsatzmöglichkeiten scheinen unbegrenzt – wären da nicht die rechtlichen Bedingungen.

Der Marktführer

Martin Brandenburg (44) hat dieses Gewinnerlächeln, wenn er über seinen neuen Job spricht, denn es läuft gut bei DJI. Das Technologieunternehmen aus dem südchinesischen Shenzhen hat nach eigenen Aussagen weltweit einen Marktanteil von rund 70 Prozent bei den zivilen Drohnen erobert, unabhängige Zahlen zu den Herstelleranteilen gibt es nicht. DJI hat sich auf Multicopter mit integrierter Kamera spezialisiert, die vor allem ambitionierte Hobbyfotografen locken sollen. „Es tut sich was“, sagt der 44-jährige Marketing-Direktor für Europa, wo das Unternehmen vom Drohnen-Boom besonders stark profitiert. Allein in Deutschland sind 400 000 Drohnen im Umlauf, wie es beim Bundesverband für unbemannte Systeme (Buvus) heißt. In den kommenden Jahren könnte sich die Zahl verdoppeln.

Drohnen boomen, seitdem sie günstiger und leichter zu steuern sind. Es gibt sie inzwischen als Spielzeug für das heimische Wohnzimmer, ab 500 Euro steigen ambitionierte Hobbyfotografen ein, und ab 2000 Euro ist der Standard so gut, dass man sie auch gewerblich nutzen kann. Der Einsatz für Firmen macht gut die Hälfte des Absatzes aus. Experten rechnen mit einem weiteren starken Anstieg.

Die Landwirtschaft

Derzeit setzt die Land- und Forstwirtschaft am häufigsten Drohnen ein. Aus der Luft lassen sich Rehkitze erkennen, bevor der Mähdrescher seine Spuren fährt. Die Forstwirtschaft kann die Wildbestände zählen. Deutschlandweit laufen mehrere Projekte, mit denen Drohnen Unkraut erfassen und gezielt bekämpfen sollen. Da Unkraut oft in Nestern vorkommt, wird es über die Kamera der Drohne erfasst und der Standort über ein GPS-System gespeichert. Aus den Daten lassen sich Karten erstellen, wo der Landwirt gezielt Pestizide einsetzen kann. Es gibt auch Drohnen, die das Spritzen selbst übernehmen – zehn Liter Spritzmittel transportieren sie pro Flug. Im besten Fall ist das günstiger und vor allem umweltschonend.

Die Plattformen

Auch bei der Inspektion und Überwachung von großen Industrieanlagen finden die Fluggeräte Anklang, auch weil sie keine Nacht- oder Gefahrenzulage brauchen. So arbeitet die Lufthansa-Tochter Aerial Services mit dem Hamburger Windradhersteller Nordex daran, mit Drohnen Windparks zu inspizieren. Unter anderem sollen die Rotorblätter von Windrädern auf Schäden überprüft werden. Wie andere Firmen kooperiert die Lufthansa dabei mit dem Drohnen-Marktführer DJI, um selbst neue Geschäftsfelder zu erschließen. Aerial Services will zum Beispiel Strom- und Eisenbahntrassen oder Flughafeneinrichtungen überwachen. Dazu will sie Piloten ausbilden und zertifizieren und möglicherweise auch Versicherungsleistungen anbieten.

DJI bietet eine offene Entwicklungsplattform an, mit der die hauseigenen Modelle für die Einsätze in den verschiedenen Branchen modifiziert werden können. „Es fächert sich gerade auf“, sagt Brandenburg und verweist auf eine Kooperation im Südwesten: Die Löschgerätefirma Ziegler aus Giengen an der Brenz biete Drohnen für Ersthelfer an, mit denen sich bei Feuerwehreinsätzen die Lage aus der Luft beobachten lässt. Auf diese Weise könnten auch Personen gesucht oder gefährliche Schadstoffe gemessen werden.

Die Logistik

Die Logistik gilt als spannendster Markt in der Drohnenbranche. Immer mehr Dienstleister testen die Flugobjekte für ihre Lieferkette. „Am weitesten ist derzeit Amazon“, sagt Drohnenexperte Matthias Still von Buvus. Der US-Gigant teste derzeit in den USA die Auslieferung von Büchern durch Drohnen von den Zentrallagern zu den Verteilzentren – ein Weg, der großteils über Land führt. Auch die Deutsche Post erprobt die Belieferung mit Paketen in dünn besiedelten Gebieten wie im Bergland. Daimler stellte kürzlich die Studie eines Pakettransporters „Vision Van“ vor, auf dessen Dach zwei Drohnen mit Paketen starten und diese auf Landeplattformen in Vorgärten oder den Dächern von Häusern absetzen könnten. Welche Chancen solche Konzepte in Deutschland haben, ist allerdings unsicher. Drohnen dürfen derzeit nicht über Menschen fliegen, was die Auslieferung in der Innenstadt verhindert. Sie müssen auch auf Sicht geflogen werden, was de facto den Lufttransport verhindert. „Wenn das rechtlich möglich ist, wird das der größte Markt werden“, sagt Still. „Das wird alle bisherigen Umsätze deutlich übertreffen.“

Die Gefahren

Sorgen bereitet der Branche vor allem das Verhalten mancher Hobbyflieger. Immer wieder gibt es Berichte von Drohnen, die über private Häuser fliegen oder in Vorgärten abstürzen. In Stuttgart und der Region hat die Zahl der Anzeigen wegen Lärms und Störung der Privatsphäre in diesem Jahr zugenommen. „Drohnen sind ein sehr emotionales Thema“, heißt es bei den zuständigen Polizeipräsidien. Die Verursacher werden selten ermittelt. Meist sind es Hobbypiloten.

Auch deshalb will das Bundesverkehrsministerium die Sicherheitsrichtlinien in Teilen verschärfen. Zum Beispiel soll es für alle Drohnen mit mehr als 250 Gramm Gewicht eine Kennzeichnung mit einer Plakette geben, um die Besitzer festzustellen. Für alle größeren Drohnen ab fünf Kilogramm Gewicht soll es eine Art Drohnen-Führerschein geben, der zehn Jahre gilt.

Flugsicherheitsexperten geht der Entwurf nicht weit genug. Der Führerschein müsse ab einem Gewicht von 250 Gramm gelten und in kürzeren Abständen überprüft werden, heißt es bei der Deutschen Flugsicherung und der Pilotenvereinigung Cockpit. „Sonst haben wir die Freizeitpiloten gar nicht abgedeckt, die leichtere Drohnen fliegen“, sagt ein Cockpit-Sprecher. Gerade diese würden die Regeln oft nicht kennen. „Man muss sich die Verkaufszahlen doch nur anschauen. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass ein tragischer Unfall passiert. So weit darf es nicht kommen.“

Die Lobbyisten

Bei den Drohnen-Verbänden und -Herstellern ist man dennoch zuversichtlich. Man stehe „mit den großen Regulierungsbehörden und der Politik weltweit im permanenten Dialog“, sagt Brandenburg von DJI. Auch die Päckchenlieferung via Drohne hält er für realistisch. „Ich gehe fest davon aus, dass sie kommen wird – die Frage ist, wann.“

Auch Verbandssprecher Still hält das für möglich. Derzeit werde die Luftverkehrsordnung geändert, sagt er. Künftig könnte es sein, dass es statt einheitlicher Regeln einen individuellen Sicherheitsnachweis geben könnte. Dann müsste zum Beispiel ein Transporteur nachweisen, dass der Frachtflug per Drohne auf einer bestimmten Strecke sicher ist. Dann könnte es auch in Deutschland Flüge von Logistikzentren über Land zu Verteilzentren geben.

„Der Einfluss der Drohnenlobby ist extrem groß“, sagt ein Flugsicherheitsexperte, der nicht namentlich genannt werden möchte. Er fordert von den Herstellern mehr Verantwortung ein. Schon mit wenig Aufwand lasse sich die Sicherheit deutlich steigern, indem es zu den Drohnen auch Beipackzettel zu den gesetzlichen Bestimmungen gebe. Außerdem könne man in den Flug-Apps für die kritischen Bereiche Flugverbotszonen markieren. Bei DJI habe man solche Zonen für Flughäfen bereits eingebaut, sagt Brandenburg. Vom Begriff „Lobbying“ hält er nichts. „Ich würde es Aufklärung nennen. Wir wollen den Himmel offen halten für Innovationen.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: