Gegen den Rauswurf: Bosch-Mitarbeiter protestieren in Waiblingen gegen die geplante Schließung des Standorts. Foto: Gottfried Stoppel

Mitarbeiter der Automobilsparte protestieren gegen die geplante Schließung des Werks in Waiblingen – trotz Regenwetters nehmen mindestens 800 Menschen am Protestzug teil.

Mit einem Protestzug durch Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) haben am Montag hunderte Menschen gegen die geplante Schließung des Bosch-Werks demonstriert. Vom Gewerbeareal am Wasserturm zog ein mit Trillerpfeifen, Rasseln und Sirenen ausgestatteter Tross in Richtung Stadtmitte, um Alarm gegen den drohenden personellen Kahlschlag im Geschäftsbereich Power Solutions zu schlagen.

 

Trotz des Regenwetters und grau verhangenem Himmel kamen weit mehr Menschen zu der Kundgebung vor den Werkstoren als es sich die Organisatoren von Betriebsrat und Industriegewerkschaft Metall im Vorfeld erhofft hatten. Während die Vertrauensleute des Bosch-Werks vor Ort von einer vierstelligen Teilnehmerzahl sprechen, schätzt eine Konzernsprecherin, dass der Demonstrations-Aufruf am Montag mindestens 800 Menschen auf die Straße gebracht hat.

Protest der Bosch-Belegschaft mit mindestens 800 Menschen

„Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Arbeit klaut“, tönen die Sprechchöre bei dem von einem dauerhupenden roten Unimog angeführten Protestzug. In dem seit fast 70 Jahren für Steckverbinder im Automobilbau zuständigen Standort sollen im Jahr 2028 die Lichter ausgehen, 560 Bosch-Mitarbeitern droht in Waiblingen der Job-Verlust. 

Der lokale Betriebsratsvorsitzende Stefano Mazzei kündigt offen an, den Betrieb lahmlegen zu wollen, wenn die Konzernspitze nicht auf die Forderung der Belegschaft nach dem Erhalt ihrer Arbeitsplätze eingehe. „Wir lassen uns nicht einschüchtern und nicht erpressen. Wenn Bosch nicht einlenkt, werden wir das Werk in Waiblingen 24/7 dicht machen“, warnt er unter dem Jubel der Kundgebungsteilnehmer.

Trotz Regenwetters unverzagt für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze: Bosch-Mitarbeiter gehen in Waiblingen auf die Straße. Foto: Gottfried Stoppel

Bei den bisherigen Krisentreffen mit der Werksleitung war aus seiner Sicht wenig Gesprächsbereitschaft zu erkennen. „Bei den Sondierungsrunden bekommen wir nur zu hören, dass wir zu teuer sind“, beklagt Mazzei bei der Kundgebung.

Frank Sell, Gesamtbetriebsratschef der Bosch-Automobilsparte, spricht am Mikrofon nicht nur vom „Irrsinn auf der Schillerhöhe“. Er wendet sich auch entschieden gegen massiven Abbau von Arbeitsplätzen in Kauf nehmende Entscheidungen bei der Mobilitätswende: „Wir erwarten von Berlin und Brüssel, dass die Politik endlich aufwacht und erkennt, dass unsere Betriebe vor die Hunde gehen“, sagt er in Waiblingen.

Den Bosch-Kollegen am Standort sichert der in Feuerbach tätige Arbeitnehmervertreter seine volle Unterstützung zu. „Wir lassen euch nicht im Regen stehen, wir werden kämpfen bis aufs Blut“, sagt Frank Sell. Barbara Resch, Bezirksleiterin der IG Metall Baden-Württemberg, nutzt das Podium für Kritik an den Unternehmen. Gerade in der Automobilindustrie müsste wieder mehr an Zukunftskonzepten gearbeitet statt nur über den Kostendruck gejammert werden. „Ich bin richtig sauer, dass sich in diesem Land nichts bewegt“, sagt sie. Es brauche wieder gute Ideen und den Mut, der die Unternehmen im Ländle groß gemacht habe.

Alles tun zu wollen, damit Bosch in Waiblingen bleibt, verspricht vor dem Werkstor auch der als „Überraschungsgast“ angekündigte Oberbürgermeister Sebastian Wolf. Er sieht in der Kundgebung ein großartiges Zeichen der Solidarität, es sei enorm, wie viel Unterstützung der Bosch-Standort bekomme. „Ich bin hier aufgewachsen, ich kenne Waiblingen nur mit Bosch“, sagt der Rathauschef. Und: „Wir können Transformationsprozesse nicht aufhalten. Aber wir können sie gestalten“, so Wolf in seinem kurzen Redebeitrag.

„Lassen uns nicht einschüchtern“: Der Waiblinger Betriebsratschef Stefano Mazzei bei der Kundgebung. Foto: Gottfried Stoppel

Die Leitungsebene der Bosch-Automobilsparte äußert am Montag ihr Verständnis für den Aktionstag vor den Waiblinger Werkstoren. „Wir nehmen die Sorgen der Belegschaft ernst“, wird Thomas Pauer, Vorsitzender des Bereichsvorstands von Bosch Power Solutions, in einem Statement zur Kundgebung zitiert. „Unser Ziel ist es, gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern zeitnah sozial verträgliche Lösungen zu finden“, heißt es in der Mitteilung.

Der Bosch-Konzern hatte die Belegschaft am Standort Waiblingen bereits Ende September über die geplante Schließung des Werks informiert. Die zunehmende Verlagerung der weltweiten Automobilindustrie in den asiatischen Raum und der steigende Wettbewerbsdruck hätten so massive Auswirkungen, dass der Umsatz mit Verbindungstechnik-Produkten in Europa in den vergangenen acht Jahren um fast die Hälfte zurückgegangen sei. „Wir sehen keine Anzeichen für eine Entspannung, sondern gehen von einem weiteren Umsatzrückgang aus“, sagt das Unternehmen.

Auch im Werk Waiblingen, wo traditionell Steckverbinder aus Thermoplast und Silikonkautschuk gefertigt werden, sei das Produktionsvolumen stark rückläufig. „Trotz entsprechender Anstrengungen konnten seit vielen Jahren keine beschäftigungsrelevanten Neuprodukte entwickelt werden“, heißt es.

Zusätzlich lägen die Herstellungskosten am Standort bei einigen Produkten deutlich über dem Marktpreis. „Neuprodukte können hier nicht wirtschaftlich hergestellt werden“, teilt der Bosch-Konzern mit – und spricht von einer Kostenlücke in Höhe von 2,5 Milliarden Euro jährlich, die das Unternehmen in der Mobilitätssparte weltweit belastet.

Banner-Frage am Wohnblock: „Wer braucht schon Kapitalisten?“ Foto: StZN

Die IG Metall will von derlei Zwängen nichts hören. Die geplante Schließung des Werks in Waiblingen versteht die Gewerkschaft als Angriff auf das soziale Gefüge des gesamten Rems-Murr-Kreises. „Nein zum Stellenabbau, nein zur Werksschließung“ heißt es in dem Aufruf zur Kundgebung am Montag. Die Entscheidung von Bosch sei „ein Schlag ins Gesicht aller, die über Jahrzehnte mit Herzblut, Schweiß und Verstand das Werk aufgebaut haben“, schreiben ehemalige Beschäftigte in einem offenen Brief.

Deshalb wird auf dem Weg vom Wasserturm ins Werk mächtig Lärm gemacht. Bosch-Leute aus Wernau und Reutlingen, Leonberg und Murrhardt sind zu dem Protestzug gekommen, auch aus Hildesheim, Homburg, Nürnberg und Bamberg sind unter dem Hashtag „NichtohneKampf“ etliche Unterstützer angereist. Zu sehen sind die Fahnen von Betriebsräten anderer Unternehmen, wie etwa dem Mercedes-Benz-Werk in Sindelfingen, aber auch Banner, auf denen nach wie vor eine „30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich“ gefordert wird.

Selbst der Tod läuft mit seiner Plastik-Sense beim Protestzug mit

Solidarität kommt aber nicht nur aus Belegschaft und befreundeten Unternehmen. An einem Wohnblock an der Strecke durch die Stadt hängen Leintücher, auf denen in roten Lettern die Frage „Wer braucht schon Kapitalisten?“ steht. Und selbst der Tod läuft beim Protestzug mit – als ausnahmsweise in weiblicher Gestalt agierender Sensenmann mit schwarzer Kutte und Plastik-Sichel.